Verbrennen ist schön, wir machen es schon lange. Die Beherrschung des Feuers war ein entscheidender Schritt in der menschlichen Entwicklungsgeschichte. Nüchtern betrachtet ist die Energieerzeugung durch Verbrennungsprozesse jedoch sehr ineffizient. Wir erzeugen immer noch einen signifikanten Teil unseres Stroms in thermischen Kraftwerken (Wirkungsgrad Kohlekraftwerk 40 bis 46 Prozent), fahren mit Verbrenner-Autos (Wirkungsgrad Dieselmotor 40 bis 45 Prozent) und heizen mit Gas und Öl, statt mit Wärmepumpen und vorzugsweise regenerativem Strom aus jeder Kilowattstunde ein Vielfaches an Nutzwärme aus der Umgebung zu gewinnen. Im Gegensatz zu Sonne und Wind fallen die fossilen Brennstoffe nicht vom Himmel, sondern müssen abgebaut, aufgearbeitet, raffiniert und zum Verbrauchsort transportiert werden, was der Energiebilanz nicht zuträglich ist und darüber hinaus die Umwelt schädigt.
In seinem Leserbrief vom 31. Oktober schreibt Herr Baltzer, der Anteil des Windstroms betrage nur 4,7 Prozent des Primärenergiebedarfs und sei damit unbedeutend. Diese Schlussfolgerung ist zu kurz gedacht: Die regenerativen Energien können nichts dafür, dass ineffiziente Verbrennungsprozesse den Primärenergiebedarf über Gebühr erhöhen. Wenn wir an Zähler und Nenner arbeiten, also Photovoltaik und Windkraft ausbauen und gleichzeitig durch weitere Elektrifizierung die Energieeffizienz steigern, kommen wir dem Ziel einer nachhaltigen Energieversorgung näher.
Zweifellos ist die Energiedichte bei regenerativen Energien geringer als bei fossilen Energieträgern. Aber ist die Energiedichte ein relevantes Kriterium für eine dezentrale Energieversorgung? Dazu eine Überschlagsrechnung: Ich erzeuge mit meiner Photovoltaikanlage auf einer Grundfläche von 22 Quadratmetern jedes Jahr rund 5.000 kWh Strom. Hochskaliert auf unseren aktuellen jährlichen Strombedarf von rund 500 Terawattstunden wäre eine Fläche von 2.200 Quadratkilometern erforderlich. Das klingt erst mal nach einer riesigen Fläche, ist aber gerade mal 0,6 Prozent der Fläche Deutschlands. Für Straßenverkehr (9.384 Quadratkilometer), Wohngebäude (14.249), Industrie und Gewerbe (6.338) stellen wir selbstverständlich ein Vielfaches davon zur Verfügung, in Summe rund 8,5 Prozent der Gesamtfläche unseres Landes. Dabei gibt es insbesondere bei der Photovoltaik die Möglichkeit, ohnehin versiegelte Flächen zusätzlich zur Stromerzeugung zu nutzen. Auch landwirtschaftliche Flächen (179.891 Quadratkilometer) können mit Agri-Photovoltaik mehrfach genutzt werden. Dabei schützen die Solarmodule zum Beispiel empfindliche Kulturen vor Hagel, Starkregen oder Hitze. Schon alleine aufgrund dieser Betrachtung erscheint es mir unplausibel, dass eine Versorgung des Industriestandorts Deutschland mit erneuerbaren Energien nicht möglich sein soll.
Windkraftanlagen können auf viel weniger Fläche noch mehr Energie erzeugen als Photovoltaik. Eine 7-MW-Anlage erzeugt unter Volllast in einer knappen Stunde etwa so viel Strom wie sich aus einem Kubikmeter Steinkohle gewinnen lässt. Technisch betrachtet hinkt da der Vergleich mit einer mittelalterlichen Windmühle schon sehr. Ökonomisch betrachtet ist der Vergleich aber nicht so schlecht: Der mittelalterliche Müller war ein gefragter Spezialist, der mit seiner Arbeit einen wertvollen Beitrag zur lokalen Wertschöpfung geleistet hat. Schauen wir uns die in Reutlingen geplanten Windräder an: Der Beton für das Fundament kommt sicher nicht von weit her. Die geplanten Anlagen sind von Enercon, einer Firma mit Sitz in Aurich. Die Firma Schöller SI ist in Reutlingen ansässig. Die Stadt kann in Form von Pacht und Grunderwerbsteuer profitieren. Wird eine Bürgerbeteiligung angeboten, bleibt auch ein Großteil der Erträge in der Region. Diese Gelegenheit, den Standort Reutlingen zu stärken und wichtigen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, sollten wir uns nicht entgehen lassen.
René Boschert, Reutlingen
