Die jüngste Kolumne der AfD mit dem Titel »Stadtbild-Bilanz nach zehn Jahren offener Grenzen« zeigt einmal mehr, wie mit verzerrten Darstellungen Angst geschürt und Spaltung betrieben wird. Eine Aussage einer Gemeinderatskollegin wird aus dem Zusammenhang gerissen, um Stimmung zu machen.
Besonders ärgerlich ist, dass dabei Fakten völlig ignoriert werden. Der Vortrag des Tübinger Kriminologen hat deutlich gezeigt: Die Kriminalität in Reutlingen ist im Vergleich zu 2015 nicht signifikant gestiegen. Natürlich gibt es Orte, an denen man genauer hinschauen muss, das bestreitet niemand. Aber das rechtfertigt keine pauschalen Schuldzuweisungen und schon gar keine Hetze. Anstatt nach Lösungen für echte Probleme zu suchen, vereinfacht die AfD komplexe Zusammenhänge, bis sie ins eigene Weltbild passen. So entsteht kein Zusammenhalt, sondern Spaltung.
Ja, Reutlingen verändert sich – wie jede Stadt im Laufe der Zeit. Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen leben, arbeiten und engagieren sich hier. Diese Vielfalt ist keine Bedrohung, sondern ein Zeichen einer offenen und lebendigen Stadt, auf die wir stolz sein können. Über 160 Nationen bereichern unser Reutlingen. Eine Stadt ohne diese Menschen wäre unvorstellbar – sie sind unsere Nachbarn, Kolleginnen, Freunde, Partner und Familienmitglieder.
Dass sich Frauen nachts unsicher fühlen, ist eine berechtigte Sorge. Die Ursachen liegen aber meist woanders: bei schlecht beleuchteten Wegen, dunklen Ecken oder zu wenigen Nachtangeboten im ÖPNV. Diese Probleme löst man nicht, indem man Menschen mit Migrationsgeschichte zu Sündenböcken macht.
Die AfD behauptet, die CDU habe mit der Grenzöffnung 2015 »das Land verändert«. Das stimmt – aber anders, als sie meint. Hunderttausende Menschen suchten damals Schutz vor Krieg und Verfolgung und Deutschland zeigte Menschlichkeit. Viele dieser Menschen leben heute hier, arbeiten, zahlen Steuern und engagieren sich für andere.
Wer Reutlingen liebt, sorgt dafür, dass sich alle hier sicher und zuhause fühlen – unabhängig von Herkunft, Religion oder Hautfarbe. Was unsere Stadt nicht braucht, sind Spaltung und Panikmache. Wir brauchen Zusammenhalt und den Mut, Verantwortung zu übernehmen, statt Angst zu schüren.
Mert Akkeceli, Reutlingen
