Es lohnt sich, die Planungsunterlagen für die Echaztalbahn zwischen Reutlingen Hauptbahnhof und Engstingen auf der Homepage des Zweckverbandes Regionalstadtbahn Neckar-Alb ( https://www.regional-stadtbahn.de/echaztalbahn-planungsunterlagen) etwas genauer anzusehen. Die Pläne verdeutlichen die Auswirkungen durch den Bau der Strecke in Reutlingen und in den Gemeinden entlang der Bahn. Der bereits knappe Raum wird enger, schon jetzt überlastete Verkehrsflächen werden weiter eingeschränkt. Die Konkurrenz und die Gefährdung der Verkehrsteilnehmer nehmen zu. Die häufigen Querungen der Bahn über Hauptverkehrsstraßen verursachen zusätzliche Haltezeiten und mehr Stau. Die Verkehrsqualität und der Verkehrsfluss werden schlechter. Die Aufenthaltsqualität leidet.
»Alles wird busser« lautete die Ankündigung der Stadt Reutlingen im Jahr 2019 zur Einführung eines neuen Buskonzepts mit 10 neuen Buslinien, 100 neuen Haltestellen und einer zentralen Achse in der Gartenstraße. Man muss die Frage stellen dürfen, ob die Optimierung des bestehenden Busverkehrs in Reutlingen, Pfullingen, Lichtenstein und auf die Alb nicht das zukunftsfähigere, flexiblere und wirtschaftlichere Konzept für den öffentlichen Nahverkehr im Echaztal anstelle des Neubaus einer Schienenstrecke mit Baukosten von mehreren Hundert Millionen Euro und jährlichen Folgekosten in Millionenhöhe wäre. Diese Frage ist höchst unerwünscht, weil es die Förderung von 95 Prozent der Kosten durch Bund und Land nur für die Stadtbahn gibt.
Nach den Prämissen einer fehlgeleiteten Energie- und Mobilitätspolitik sollen auf einer für Jahrzehnte festgelegten Schienenstrecke Großraumzüge fahren, die zu den Tagesrandzeiten vielleicht besetzt, ansonsten aber weitgehend leer unterwegs sein werden. Dafür müssen die betroffenen Stadtbereiche mit erheblichen Eingriffen umgebaut und jetzt schon überlastete Verkehrsflächen zurückgebaut werden.
Der Ausbau des Busverkehrs, der wesentlich geringere Eingriffe erfordert und der mit autonomem Fahren und flexibler Streckenplanung ganz neue Möglichkeiten bietet, wird durch ideologisch geprägte Vorgaben und eine danach ausgerichtete Förderung politisch ausgebremst.
Verwaltung und Gemeinderat der Stadt Ludwigsburg haben gezeigt, dass es auch anders geht. Dort wurde gerade ein vergleichbares Stadtbahnprojekt gestoppt, stattdessen soll der Busverkehr ausgebaut werden. Warum ist das bei einer Bahnnebenstrecke durch das Echaztal nicht möglich? Die Kommunen pochen doch sonst bei jeder Gelegenheit auf die kommunale Selbstverwaltung, warum nicht hier? Die unverschämt hohe Förderung der Bahn mit Steuergeldern scheint bei den Verantwortlichen die Wahrnehmung sowohl anderer Optionen als auch der weitgehenden Ablehnung durch die Bürger eingetrübt zu haben.
Eine Förderung mit solchen Folgen muss gestoppt und das maßgebliche »Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz« geändert werden. Die Kommunen wissen selber am besten was sie brauchen. Bei der von Bund, Land und Kommunen beklagten schlechten Kassenlage wäre es die bessere Option, das Geld für dringlichere Aufgaben mit mehr Nutzen für die Bürger einzusetzen. Das muss generell auch für andere Fördersachverhalte gelten. Der bürokratische Aufwand von der Entstehung einer Förderrichtlinie über Antragstellung und Prüfung bis zur Abrechnung würde dann entfallen. Die Kommunen könnten Geld und Personal an anderer Stelle selbstbestimmt und zweckmäßiger einsetzen. Es ist höchste Zeit zu realisieren, dass dieses Land vor anderen Herausforderungen steht, als mit viel Geld eine Bahn im Echaztal zu bauen, die gegenüber Bussen keinen Mehrwert bringt und die viele Bürger gar nicht wollen. Die bisherige Energie und Mobilitätspolitik hat schon mehr als genug Schaden angerichtet.
Gert Klaiber, Pfullingen
