Dass sich Herr Merz unglücklich zum Stadtbild geäußert hat, kann und darf man kritisieren. Doch mit Demonstrationen gegen seine Wortwahl vom eigentlichen Problem abzulenken, ist zu einfach. Die meisten wissen, wie seine Aussage gemeint war – dennoch wird erneut schnell die »Rassismuskeule« geschwungen. Dieser Vorwurf wird häufig genutzt, um Menschen zu diskreditieren, die Missstände offen ansprechen, über die man ungern spricht.
Tatsächlich gibt es in vielen Städten Bereiche, die gefährlich oder zumindest unangenehm wirken – insbesondere für Frauen und Mädchen. Viele derjenigen, die nun demonstrieren, leben vermutlich in wohlhabenden Gegenden, waren nachts nie auf Bahnhöfen oder in bestimmten Parks, die als Problemzonen gelten. Statt sich in Wortklaubereien zu verlieren, wäre es wünschenswert, wenn die politisch Verantwortlichen aller Parteien Probleme offen benennen und gemeinsam nach Lösungen suchen würden. Nur so lässt sich Vertrauen in Politik und Gesellschaft erhalten. Ich selbst bin dankbar für meinen Augenarzt aus dem Libanon, für den Italiener um die Ecke und für jede helfende Hand im Krankenhaus – unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe. Diese Menschen gehören zu uns. Sie wollen hier in Frieden und Sicherheit mit ihren Familien leben. Und auch sie sprechen häufig offen über Entwicklungen in Deutschland, die sie kritisch sehen. Interessanterweise haben viele von ihnen selbst Migrationshintergrund.
Jeder, der an einer Demonstration teilnimmt, sollte sich ehrlich fragen: »Wogegen protestiere ich eigentlich?« Geht es um eine unbedachte Wortwahl – oder darum, echte Probleme kleinzureden? Vielleicht wäre es sinnvoller, auch die Missstände auf die Plakate zu schreiben und zu fragen, was konkret gegen Kriminalität und Respektlosigkeit gegenüber unseren Gesetzen getan wird. Schützen wir die 99 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund, die friedlich hier leben und unsere Gesellschaft bereichern, vor dem kleinen Teil, der unsere Regeln bewusst missachtet und mit den Füßen tritt.
Jörg Juilfs, St. Johann
