Heiligabend, 18.15 Uhr, Foyer der Sparda-Bank Reutlingen: Eine obdachlose Frau kuschelt sich dort an den Heizkörper. In den benachbarten Kirchen singen festlich gekleidete Menschen gerade »... schlaf’ in himmlischer Ruh’ ...«. 18.45 Uhr: Der Bundespräsident verliest die Weihnachtsgeschichte: »... Und ein Jeglicher zog in seine Stadt, auf dass er sich schätzen ließe ...«. Obdachlose besitzen solch eine Heimat nicht. Die Frau in der Bank hätte ja auch zur Bruderhaus-Diakonie gehen können, wo man zur selben Zeit Weihnachten für und mit Bedürftigen feiert, doch allein schafft sie es nicht, sich in den Bus zu setzen, um in den Ringelbach zu fahren. Psychische Erkrankung und Obdachlosigkeit gehen oft Hand in Hand miteinander. »O du fröhliche, o du selige Weihnachtszeit«? Nicht für alle.
Früher waren es Hecken, Zäune und Aussätzigenghettos, wohin sich fromme Heilsbringer begaben, vermutlich weil es damals noch keine Banken-Foyers gab. Die Frau in der Bank hat zwar Verwandtschaft, bekommt aber keinerlei Besuch, auch nicht von eifrig missionierenden Edelchristen, höchstens von energischem Security-Personal. Gott (?) sei Dank, dass demnächst die Vesperkirche wieder aufmacht; im vergangenen Jahr war die Frau regelmäßig dort, um eine warme Mahlzeit und eine üppig gefüllte Vespertüte zu erhalten. Die Zeit bis dahin wird sie wieder mithilfe von reichlich am Hauptbahnhof erbetteltem Wodka, halb leer gegessenen, kalten Nudelboxen und aufgelesenen Zigarettenkippen überbrücken. Sie verwahrlost nicht nur, sie verelendet vor unseren Augen. Gerade am Heiligabend ist der Kontrast zwischen Bürgertum und Subkultur am schärfsten. Man muss nur hingucken!
Paul Rasch, Reutlingen
