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Aktuell Leserbrief

»Es geht um faires Miteinander«

Zum Artikel »Der Radverkehr der Zukunft« vom 27. September (per E-Mail)

Als Bürger von Wannweil dachte ich lange, dass Kommunalpolitik nah an den Menschen ist – direkt, lösungsorientiert und im Dialog mit den Bürgern. Beim Thema Mobilität werde ich eines Besseren belehrt. Statt gemeinsam an einem Strang zu ziehen, scheint es bei Verwaltung, Gemeinderat und Bürgermeister eher ein Tauziehen zu geben – und das auf Kosten der Bürgerinteressen. Natürlich darf es unterschiedliche Meinungen geben, aber Verlässlichkeit und Bürgernähe sollten im Mittelpunkt stehen, nicht persönliche Befindlichkeiten.

Die Initiative »Schöner Radeln« hat das Thema Mobilität in Wannweil auf die Agenda gebracht – mit dem Ziel, Auto, Rad und Fußgänger gleichberechtigt zu berücksichtigen. Eine Bürgerumfrage im Mai 2024, initiiert mit der GAL-Fraktion, brachte 700 Rückmeldungen – ein starkes Zeichen für das Interesse der Bevölkerung. Viele Konfliktstellen sind seit Jahren bekannt, aber ungelöst. 50 Prozent der beteiligten Bürger hatten sich gegen die Temporeduzierung auf Tempo 30 in der Haupt- und Kirchentellinsfurter Straße ausgesprochen, die andere Hälfte für eine Reduzierung auf Tempo 30 beziehungsweise 40, 75 Prozent wünschten sich einen eigenen Arbeitskreis »Mobilität«.

Dieser Wunsch wurde vom Bürgermeister abgelehnt. Stattdessen wurde das Thema in den Arbeitskreis »Gesunde Gemeinde« abgeschoben, wo es thematisch nicht hingehört. Schade, denn hier hätte man mit Bürgern Lösungen entwickeln und gleichzeitig die Verwaltung entlasten können. Stattdessen wird die Seriosität einer Umfrage von einzelnen Akteuren infrage gestellt und angenommen, dass bei Bürgerumfragen dieser Art auch betrogen werden kann. Dabei nutzen viele Städte genau solche Tools, um Bürgermeinungen einzuholen.

Der Bürgermeister betont zwar regelmäßig, wie wichtig ihm das Thema sei – doch konkrete Zusammenarbeit mit engagierten Bürgern? Fehlanzeige. Stattdessen wird auf den Radschnellweg verwiesen, der irgendwann mal kommt. Vielleicht. Irgendwann.

In der Zeit bis heute gab es viele Bemühungen der Initiative Schöner Radeln und Bürgern einige Themen in Schwung zu bringen: einfache, schnelle und kostengünstige Vorschläge zur Umsetzung, Sicherheit für die Kinder auf ihrem Schulweg, Veranstaltungen, Austausch mit Behörden. Doch die Verwaltung reagiert meist nur auf Zuruf – proaktiv sieht anders aus.

In der Gemeinderatssitzung vom 25. September wurden Maßnahmen des Landratsamts Reutlingen vorgestellt. Die zuständige Mitarbeiterin für die Radkonzeptentwicklung für den Landkreis wurde nicht eingeladen. Statt sich mit den Vorschlägen ernsthaft auseinanderzusetzen, wurden sie fast vollständig abgelehnt. Das erinnert an den Fußverkehrscheck 2019 oder die Lärmaktionspläne: viele Ideen, wenig Umsetzung. Ein Beispiel: Die Einführung einer Fahrradstraße in der Dorf- und Grießstraße hätte viele Vorteile: Verkehrsberuhigung, klare Parkplatzsituation, mehr Sicherheit. Stattdessen wird behauptet, Radfahrer würden dadurch noch schneller fahren und für neue Gefahrenstellen sorgen. Das Auto kann jedoch weiter mit Tempo 30 durch die Straße fahren?! Dabei sind E-Bikes heute oft genauso schnell wie Autos in Nebenstraßen. Also: kein Grund zur Panik.Weitere Vorschläge wie Radschutzstreifen, Piktogramme für mehr Rücksicht oder der Ausbau des Radwegs Richtung »In der Au« wurden ebenfalls ignoriert.

Was wünsche ich mir? Vom Bürgermeister weniger Floskeln, mehr Ehrlichkeit. Wenn das Thema keine Priorität hat, dann bitte offen sagen. Vom Gemeinderat ein professionelles Miteinander und Entscheidungen im Sinne der Bürger. Und von uns allen: mehr Rücksicht im Straßenverkehr. Es geht nicht darum, Autofahrer zu verteufeln, sondern um ein faires Miteinander .

 

Hannes Voss, Wannweil