Die »Maischberger«-Runde vom 19. November mit Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer und Juso-Chef Philipp Türmer bot viel Lautstärke, aber wenig Orientierung. Besonders bemerkenswert war Palmers Vorwurf der »Taschenspielertricks« – ausgerechnet von jemandem, der zuletzt beim Gerangel um die Tübinger Grundsteuer selbst mit Winkelzügen arbeitete. Das wirkt mindestens widersprüchlich. Noch irritierender ist jedoch Palmers Vorschlag, im Osten eine CDU-geführte Koalition mit der AfD »auszuprobieren«. Gerade er sollte wissen, wie riskant das wäre: Erst vor ein paar Tagen wurde er von AfD-Politiker Frohnmaier öffentlich ziemlich vorgeführt – ein Beispiel dafür, wie wenig sich diese Partei an demokratische Regeln oder die einfachsten Gesprächsstandards hält. Eine Partei wie die AfD testweise an die Regierung zu lassen, ist kein »Pragmatismus«, sondern ein Spiel mit dem Fundament unserer Demokratie. Wer die Realität beschwört, sollte diese Realität kennen: Extremismus wird durch Macht nicht gezähmt, sondern gestärkt. Auch fragwürdig wirkt Palmers späterer Facebook-Nachschlag mit dem Schumacher-Zitat »Politik beginnt mit der Betrachtung der Wirklichkeit.« Nach Watzlawick und Duss-von Werdt wissen wir: Wirklichkeit ist konstruiert und besonders die eigene wird überhöht dargestellt. Paul Watzlawick: »Der Glaube, es gäbe nur eine Wirklichkeit, ist die gefährlichste aller Selbsttäuschungen«. Das sollte man als öffentlicher Mensch wissen.
Michael Sättler, Eningen
