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Aktuell Leserbrief

»Amazon-Ansiedlung betrifft nicht nur Hengen«

Amazon-Ansiedlung in Hengen mit einem Blick von außen (per E-Mail)

Der Gemeinderat von Bad Urach hat in seiner Sitzung am 24. Juni dem Bebauungsplan für das Industriegebiet »Rübteile II« mit großer Mehrheit zugestimmt. Was meines Erachtens bisher nicht genügend im Blick ist, dass die geplante Amazon-Ansiedlung nicht nur Bad Urach und Hengen angeht. Sie betrifft die ganze Region.

Die Ausweisung des Biosphärengebiets Schwäbische Alb im Jahr 2009 als »Unesco-Biosphärenreservat« war eine große Errungenschaft. Eine »Modellregion für nachhaltige Entwicklung« sollte hier entstehen. Im Leitbild wurden dafür zukunftsweisende Ziele formuliert: die Förderung regionaler Wertschöpfungsketten, von kommunaler Entwicklung und nachhaltiger Mobilität, die Förderung von nachhaltigem Tourismus, Klimaschutz und regionaler Identität.

Die geplante Ansiedlung von Amazon würde diesen Zielen völlig zuwiderlaufen. Es werden nicht nur keine regionalen Wertschöpfungsketten geschaffen, sondern diese geradezu verhindert und dem lokalen Einzelhandel und Gewerbe insgesamt langfristig geschadet. Das Ziel einer nachhaltigen Mobilität würde mit zusätzlich 5.600 Fahrten an jedem Werktag konterkariert (bisher 2.000 Fahrten!), und dies nur zur weiteren Ankurbelung des klimaschädlichen Online-Handels. Die Ansiedlung würde auch dem wachsenden nachhaltigen Tourismus rund um Bad Urach und auf der Münsinger Alb schaden. Eine Entscheidung für Amazon würde also allen Zielen, die sich die Region mit dem Biosphärengebiet gesetzt hat, widersprechen. Es wäre ein großer Imageverlust für dieses Markenzeichen unserer Region.

Dazu kommt das zusätzlich hohe Verkehrsaufkommen in den Morgen- und Abendstunden auf der B 28 in Richtung Reutlingen und Richtung Ulm. Dies wird Menschen, die täglich zur Arbeit fahren, Zeit und Nerven kosten. Jetzt schon gibt es im Berufsverkehr lange Autoschlangen auf der B 28 zwischen Metzingen und Bad Urach. Deshalb betrifft die geplante Ansiedlung von Amazon nicht nur Hengen. Sie wäre ein Bärendienst für das ganze Biosphärengebiet und seine Bürgerinnen und Bürger, die darauf stolz sind und sich damit identifizieren bis nach Reutlingen.

Wichtig wäre jetzt, den Entscheidungsdruck aus der Diskussion zu nehmen und nicht noch vor der Sommerpause einen Kaufvertrag abschließen zu wollen. Die Folgen des deutlich höheren Verkehrsaufkommens für die ganze Region sind noch nicht genügend bedacht. Das Verkehrsgutachten konzentriert sich auf die Zu- und Abfahrt bei Hengen von der L 245 auf die B 28 und nimmt die Folgen entlang der B 28 nicht genügend in den Blick. Wie sehr betrifft es benachbarte Orte, sind da und dort möglicherweise auch kostenträchtige Lärmschutzmaßnahmen erforderlich?

Es ist naheliegend, dass Gemeinderätinnen und Gemeinderäte aufgrund der aufgeheizten Stimmung und persönlicher Angriffe die Sache schnell vom Tisch haben wollen. Doch das würde auf längere Sicht dem Zusammenleben vor Ort schaden. Die Gegner der Ansiedlung haben berechtigte kritische Rückfragen und in der Sache bedenkenswerte Argumente vorgebracht, manchmal allerdings auch in völlig unangemessener Form. Die entstandene Polarisierung macht eine ergebnisoffene und sachliche Diskussion im Augenblick schwierig. Befrieden würde in dieser Situation eine Bürgerversammlung, in der beide Seiten ihre Argumente nochmals darlegen und ein umfassenderes Verkehrsgutachten vorgestellt und diskutiert werden könnte. Damit haben andere Kommunen gute Erfahrungen gemacht. Dafür ist es noch nicht zu spät.

 

Günter Banzhaf, Reutlingen