PARIS/LOMÉ/TÜBINGEN. Drei Romane hat die Jury aus einer 20 Bücher starken Longlist ins Finale des Prix Premiere gewählt: »Adikou« von Raphaëlle Red, »Die Schlafenden« von Anthony Passeron und »Die Ballade vom vakuumverpackten Hähnchen« von Lucie Rico. Drei Romane von drei Autoren, die zum ersten Mal aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt wurden.
Nun haben die Leser das Wort. Den Prix Premiere gewinnt das Buch samt Autor/in und Übersetzer/in, für das auf der Prix-Premiere-Homepage die meisten Leser stimmen. Hinter dem Preis stehen das Institut Culturel Franco-Allemand Tübingen (ICFA) und das Institut Français Berlin. Verliehen wird der Preis am 27. März auf der Leipziger Buchmesse.
Raphaëlle Reds Debütroman
»Adikou« von Raphaëlle Red setzt sich als erster Finalist in dem zum fünften Mal ausgetragenen Wettbewerb mit den afrikanischen Wurzeln vieler Franzosen auseinander. Im Mittelpunkt steht Adikou, eine junge Frau, die bei ihrer weißen Mutter in Paris aufgewachsen ist. Ihr Vater stammt aus Togo, von wo er als Regimegegner fliehen musste; er hat sich früh von Adikous Mutter getrennt. Sie hat ihn nur als Kind kennengelernt, als junge Frau lediglich einmal getroffen. Dabei hat sie von ihm die Adresse eines Freundes in Togo bekommen.
Raphaëlle Red beschreibt die Verunsicherung der jungen Frau über ihre Identität. Ist sie weiß wie ihre Mutter oder schwarz wie ihr Vater? Auf der Spur ihrer schwarzen Wurzeln reist sie in die USA, macht die Erfahrung von Rassismus und lernt die Sichtweise der dortigen Schwarzen kennen. Später reist sie nach Togo, in die Hauptstadt Lomé, um dort nach Spuren ihrer afrikanischen Familiengeschichte zu suchen. Zu dem von ihrem Vater genannten Freund, einem Lehrer, entwickelt sie ein zwiespältiges Verhältnis.
Verloren im Niemandsland
Zunächst sieht es aus, als sei Adikou mit ihrer Identitätssuche in Lomé so verloren wie vorher in Paris. Sie hängt herum, ist isoliert, reist an die Küste nach Ghana, kehrt unverrichteter Dinge zurück. Doch nach und nach ergeben sich doch Kontakte zu Einheimischen, trifft sie Menschen, die ihr helfen, die teils auch ihren Vater kannten. Erst im Niemandsland zwischen schwarzer und weißer Identität gefangen, scheint sich ein Weg zu den eigenen Wurzeln aufzutun.
Poetisch-assoziatives Geflecht
Das alles erzählt Raphaëlle Red nicht chronologisch, sondern als poetisch-assoziatives Geflecht, das zwischen den Zeiten hin- und herspringt. Was durchaus Sinn macht, geht es doch nicht um eine äußere Handlung, sondern um das innere Ringen der Hauptperson in der Frage, was sie selbst eigentlich ist und wo ihre Wurzeln sind. Ein Ringen, das angestachelt wird von dem typischen Dilemma von Menschen mit dem biografischen Hintergrund von Adikou – und auch von Autorin Raphaëlle Red selbst: In Frankreich wird sie als Afrikanerin wahrgenommen, in Afrika hingegen als Französin. In Europa als Schwarze, in Afrika als Weiße. Dass die Lebensthematiken von Autorin und Titelfigur letztlich nicht zu trennen sind, verarbeitet Red in einem raffinierten Kunstgriff: Sie baut sich selbst als Ich-Erzählerin in ihren Roman ein, als fiktive Freundin Adikous, die nur von dieser wahrgenommen werden kann.
Unsichtbare Begleiterin
In dieser Gestalt begleitet sie ihre Titelheldin zu ihren afrikanischen Wurzeln. Mal tröstet sie Adikou, mal streitet sie mit ihr. Was durchaus hintersinnige und witzige Pointen schlägt. Was den Roman jedoch auch zu einem Labyrinth von Perspektiven macht, auf dessen verrätselte Poesie man sich einlassen muss. (GEA)
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