STUTTGART. Klar ist eigentlich nur: Stuttgart 21 wird nicht im Dezember 2026 eröffnet. Bei Antworten auf darüber hinaus gehende Fragen, wie etwa der nach einem neuen Eröffnungstermin, windet sich die Bahn. »Spätestens Mitte 2026 wollen wir aussagefähig sein – wir arbeiten mit Hochdruck daran«, sagt die DB-Konzernbevollmächtigte für Baden-Württemberg, Clarissa Freundorfer. Die entscheidende Rolle kommt aber der neuen Bahnchefin Evelyn Palla zu.
- Was muss die Bahn nun liefern?
Evelyn Palla hat bei ihrem Amtsantritt an der Spitze des weitverzweigten Bahnkonzerns das große Wort nicht gescheut. Man werde die DB »auf links drehen«. Mit dem Desaster um S 21 bekommt die Südtirolerin vielleicht schneller als ihr lieb ist die Gelegenheit, der Ankündigung auch Taten folgen zu lassen. Sie muss bei dem vollkommen entgleisten Vorhaben das Heft des Handelns aufnehmen. Die Konstruktion mit einer Konzernspitze in Berlin und mit einer in Stuttgart agierenden Projektgesellschaft hat in der Vergangenheit oft nur unzureichend funktioniert.
Pallas Auftrag ist nicht einfach. Zum einen muss die Bahn nun einen Terminplan vorlegen, der belastbar ist. Und sie muss mit den Auftragnehmern, auf welche die Bahn nun unverhohlen mit dem Finger deutet, eine verlässliche Abmachung darüber schließen, welches Gewerk bis wann beendet wird. Zum anderen darf sich Palla nicht all zu viel Zeit für diese Aufgabe lassen. Die Menschen, die tagtäglich unter den Umständen am und rund um den Bahnhof leiden, haben ein Anrecht darauf – und die Projektpartner nicht minder. - Wie reagieren die Projektpartner?
Das Verhältnis zwischen Bahn und Projektpartner ist belastet. Diese Vorbehalte von Land, Region und Stadt hat sich die Bahn hart erarbeitet. Schon jetzt heißt es aus dem Kreis der Partner, dass auch dieses Mal die Information zum abermaligen Scheitern nicht aus höherer Einsicht gestreut worden sei, sondern wegen eines profanen Grundes: die Bahn beginnt nun den Abstimmungsprozess für den Fahrplan 2027 – da musste das Eingeständnis spätestens jetzt erfolgen. Die Projektpartner, die lange Zeit viel Geduld und Verständnis aufgebracht haben, sind drauf und dran, diese Haltung zu verlieren. Dass in den Zusammenkünften der vier Partner, den sogenannten Lenkungskreisen, von der Bahn Zuversicht verbreitet worden ist, um wenig später die Hiobsbotschaft zu verkünden, bewirkt einen Vertrauensverlust sondergleichen.
- Was ist mit der Außendarstellung?
Der Spott von außen ist Stuttgart und der Bahn gewiss. Dringend geboten ist nun mehr Ehrlichkeit und Realitätssinn. Die im Hintergrund in Umlauf gebrachte Erzählung, die abermalige Verschiebung liege an der Digitalisierung und an den zähen Genehmigungsprozessen, mag außerhalb des Talkessels verfangen. Wer sich aber auf der Baustelle und in ihrer unmittelbaren Umgebung bewegt, weiß, dass das allenfalls ein kleiner Teil der Wahrheit ist. Von den drei Eingängen des Bahnhofs – der vierte geplante wird zunächst erst gar nicht gebaut – ist ein gutes Jahr vor der bisher behaupteten Eröffnung kein einziger fertig. In der Bahnsteighalle kämpfen die Arbeiter mit dem Verlegen des Bodenbelages. Mehr als ein Rohbau ist nicht zu sehen.
- Was droht nun der S-Bahn?
Das bewegt Zigtausende Menschen, die jeden Tag versuchen, mit der S-Bahn zu pendeln. Bisher sah der Plan vor, dass die neue S-Bahnstrecke nebst dem zusätzlichen Halt an der Mittnachtstraße nach dem Tiefbahnhof in Betrieb gehen würde. Ob das weiterhin gilt, ist offen. Bedeuten die Schwierigkeiten bei der Umstellung auf eine digitale Leit- und Sicherungstechnik, dass die die Bahnen ausbremsenden Baustellen auch in den kommenden Jahren zum Los der Fahrgäste gehören?
- »Fernwanderweg« als Dauerlos?
Apropos schweres Los: Mit der bisher für Sommer 2027 avisierten Außerbetriebnahme des Kopfbahnhofs bestand die Hoffnung, dass dann die weite Wegeführung am Bahnhof, längst vom Volksmud zum »Fernwanderweg« ernannt, verschwinden würde. Das hat sich mit der Verschiebung der Eröffnung erledigt. Denn die Bahn hat immer darauf hingewiesen, dass – egal in welchem Bauzustand das Projekt sich befindet – die Umwege beibehalten werden müssen.
- Wie steht es um die Gäubahn?
Wenig überraschend hat das Eingeständnis der Bahn, mit Stuttgart 21 nicht fertig zu werden, Forderungen entlang der Gäubahnstrecke laut werden lassen, die im Zuge des Baufortschritts im März 2027 unterbrochen werden soll. Die Anrainerkommunen wollen, dass auch dieser Termin nochmals verschoben wird. Die im Aktionsbündnis organisierten S-21-Kritiker erneuern ihre Forderung, auf den Abbau der oberirdischen Gleise gänzlich zu verzichten und stattdessen einen Kombibahnhof mit einen Nebeneinander von unten und oben zu betreiben.
- Was bedeutet es für den Städtebau?
Die Stadt Stuttgart hat sich vor mehr als 20 Jahren für umgerechnet eine knappe halbe Milliarde Euro die Gleisflächen in der Innenstadt gesichert, um an dieser Stelle zu wachsen, statt die grünen Ränder des Stadtgebiets auch noch zu bebauen. So seltsam es klingen mag: für die Stadt kann die Verschiebung der S-21-Eröffnung eine Chance sein. Zum einen kann man sich im Stuttgarter Rathaus ernsthaft mit der Frage beschäftigen, wie die hohen Erschließungskosten für das neue Quartier in Zeiten leerer Kassen zu begleichen wären. Und zum anderen wäre es nun an der Zeit, den bisher eher sprunghaften Planungsprozess, in dem sich Beteiligungsformate, Werkstattverfahren und dergleichen mehr Unverbindliches aneinander reihten, endlich mit mehr Ernsthaftigkeit zu betreiben. (GEA)

