STUTTGART. Es ging hoch her bei der Hauptversammlung des Stuttgarter Mietervereins im November. Auf der Bühne stritten sich der langjährige Chef Rolf Gaßmann und der Geschäftsführer Ralf Brodda um den Vorsitz. Der eine wollte Chef bleiben, der andere wollte es werden. Die Belegschaft stellte sich hinter Brodda – und so manches Mitglied zeigte sich entsetzt ob der Darbietung. Nun spricht Ralf Brodda über die Hintergründe des Disputs, seine Ziele und seine Sorgen angesichts der klammen Stadtkasse.GEA: Herr Brodda, Sie sind frisch im Amt. Wie haben Sie Ihre Wahl gefeiert?
Ralf Brodda: Feiern ist ja immer so eine Geschichte nach so einer Situation; das war jetzt kein Party-Abend in dem Sinne.
Sie meinen den Machtkampf zwischen Ihnen und Ihrem Vorgänger Rolf Gaßmann. Wie kam es überhaupt dazu?
Brodda: Herr Gaßmann hat mich vor zwei Jahren gefragt, ob ich hier beim Mieterverein als Geschäftsführer anfangen möchte und damals auch gesagt, dass er als Vorsitzender nicht mehr antreten würde. Und es war auch eine Option, dass ich dann Vorsitzender werden könnte. Das hat sich Herr Gaßmann im letzten Frühjahr anders überlegt und angekündigt, wieder zu kandidieren. Die Situation war aber über einige Jahre hinweg schwieriger geworden. Es gab Konflikte innerhalb des Vorstands, den Eindruck, dass es nicht mehr so richtig vorangeht. Die Vize-Vorsitzenden Katharina Rudel und Alexander Englmann haben dann gesagt, dass sie mit Herrn Gaßmann nicht weitermachen werden.
»Es war ein Riesenfehler, zu verkaufen«
War diese Entscheidung hilfreich oder hat sie die Situation weiter verschärft?
Brodda: Das war ein Mosaikstein. Herr Gaßmann stellt es teilweise so dar, als wäre ich nach Stuttgart gekommen, um ihn zu stürzen. Das war überhaupt nicht mein Ansinnen. Herr Gaßmann hat über 40 Jahre sehr, sehr viel Gutes für diesen Verein getan. In den letzten drei Jahren hat sich aber etwas entwickelt, was man nur schwer beschreiben kann. Da gebe ich auch nicht Rolf Gaßmann die Schuld – es hat im Vorstand nicht mehr konstruktiv funktioniert. Die Belegschaft hat mich gebeten, den Vorsitz zu übernehmen.
Bei der Hauptversammlung kam es dann zum Schlagabtausch auf offener Bühne zwischen Ihnen und Rolf Gaßmann. Einigen ist das sauer aufgestoßen.
Brodda: Rolf Gaßmann hat kurz vorher versucht, die Wahl von der Tagesordnung zu nehmen. Das hat man ihm übel genommen. Was man mir übel genommen hat, war, dass ich mich gegen ihn stelle, nachdem er so viele Jahre Vorsitzender war. Allerdings muss ich sagen, dass mich im Nachhinein nur wenige kritische Reaktionen erreicht haben. Wir haben nur eine einzige Kündigung bekommen.
Welche Schwerpunkte planen Sie?
Brodda: Ich habe mir vorgenommen, mehr zuzuhören als Rolf Gaßmann. Ich möchte einen Vorstand, der sich einbringt. Der Vorstand ist deutlich verjüngt, da wird es neue Ideen geben. Wir wollen wieder stärker rausgehen, in Stadtteile, Schulen, an die Uni und mit anderen Akteuren ins Gespräch kommen – Kirchen, Gewerkschaften, der Verbraucherzentrale etwa. Ich werde den Fokus außerdem stärker auf die jüngere Klientel legen. Es gibt seit vielen Jahren einen Seniorenausflug, eine Seniorenweihnachtsfeier. Wir müssen aber auch die Jungen erreichen und ansprechen.
Welches Thema empfinden Sie als das drängendste Mieterthema?
Brodda: Wir haben viel zu wenig Wohnungen – vor allem zu wenig öffentlich geförderte Wohnungen, bei denen Stadt oder Land Einfluss nehmen könnten. Das ist nicht gestern passiert, das ist über viele Jahrzehnte entstanden: Der Verkauf der Landesentwicklungsgesellschaft, der LEG, war viel zu kurz gedacht – darunter leiden wir heute noch. Man hat die Wohnungen verkauft, mit Sozialcharta. De facto gehören diese heute der Vonovia. Und das ist ein Vermieter, der – ich muss das fairerweise sagen – durchaus nicht die höchsten Mieten in Stuttgart nimmt.
Das ist doch positiv.
Brodda: Ja, aber die Wohnungen sind häufig in einem eher einfachen Zustand. Zudem haben wir gerade einen Prozess gewonnen gegen die Vonovia. Diese hat versucht, Miet-Erhöhungen auszureizen: Man macht Zuschläge auf den Mietspiegel, die es gar nicht gibt. Das hat das Gericht jetzt auch eindeutig bestätigt.
Es war also ein Fehler zu verkaufen?
Brodda: Ja, ein Riesenfehler. Die Stadt hat das erkannt und versucht seit ein paar Jahren gegenzusteuern, auch über die SWSG (Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft, Anm. d. Red.). Früher war es so, dass die Stadt noch Geld rausgezogen hat aus der Gesellschaft. Die Zeiten sind Gott sei Dank vorbei. Das Geld bleibt in der SWSG und kann verwendet werden, um zu sanieren oder um neu zu bauen. Aber das ist einfach zu wenig.
Was müsste das Land Ihrer Meinung nach tun?
Brodda: Erst einmal müsste das Land einen angemessenen Anteil zur Förderung von Neubau beitragen. Es wird in wenigen Bundesländern so wenig gefördert wie in Baden-Württemberg. Andere Bundesländer nehmen das, was vom Bund kommt, und legen noch mal das Gleiche obendrauf. Das Land Baden-Württemberg trägt nur knapp 37 Prozent der Fördermittel. Das ist einfach viel zu wenig.
Und die Stadt?
Brodda: Auch die Stadt muss – und das ist in den Haushaltsverhandlungen ganz wichtig – das Augenmerk weiter auf das Thema Neubau richten. Ein generelles Problem sind die langen Bearbeitungszeiten der Stadt, die von den Wohnungsunternehmen beanstandet werden. Was mich zudem beunruhigt, ist, dass im Moment auch im Sozialbereich gestrichen wird.
Können Sie konkrete Beispiele nennen?
Brodda: Ich denke da etwa an Housing First. Das Projekt kommt möglicherweise unter die Räder, wenn die Fördermittel wegfallen. Und da geht es wirklich um die Ärmsten der Armen. Bei Housing First ist die Idee, dass man Obdachlosen erst mal eine Wohnung besorgt – und alles andere findet sich dann. Ich sage es noch einmal: der Fokus muss ganz klar sein, dass wir genug bezahlbare Wohnungen haben.
Werden die derzeit auch geschaffen?
Brodda: In Botnang etwa sind neue Häuser geplant, dort soll Wohnungsbau entstehen. Das ist richtig und gut. Die Frage ist nur, zu welchen Preisen? Für mich muss in einer Großstadt wie Stuttgart der Fokus auf dem Geschosswohnungsbau und nicht auf dem Reihenhäuschen liegen. Denn Reihenhäuser brauchen viel Fläche und bringen nicht das, was wir wirklich brauchen, nämlich viele Wohnungen – und das brauchen wir wirklich sehr schnell. (GEA)

