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Filmemacher aus L.A. feiert Stuttgart

Der Filmschaffende Rattanamol Singh aus den USA ist begeistert von Stuttgarts Subkultur

Wo Veränderung stattfindet, entsteht auch Kreativität: Rattanamol Singh (rechts) in Stuttgart mit Alexander Supper vom Tattoo-St
Wo Veränderung stattfindet, entsteht auch Kreativität: Rattanamol Singh (rechts) in Stuttgart mit Alexander Supper vom Tattoo-Studio Mommy I’m Sorry. FOTO: PATTERNS & CONTRASTS
Wo Veränderung stattfindet, entsteht auch Kreativität: Rattanamol Singh (rechts) in Stuttgart mit Alexander Supper vom Tattoo-Studio Mommy I’m Sorry. FOTO: PATTERNS & CONTRASTS

STUTTGART. Wenn man den Filmemacher Rattanamol Singh fragt, ob es etwas gibt, was ihn an Stuttgart nervt, muss er lachen. Schließlich hat gerade seine halbstündige Doku über Stuttgarts Kreativszene im Tattoo-Studio Mommy I’m Sorry in der Sophienstraße Premiere gefeiert – einen Film, den er selbst als »Liebeserklärung an Stuttgart« bezeichnet.

Und wenn es etwas ist, das er seltsam findet in dieser Stadt, dann ist der Minderwertigkeitskomplex, den man hier zu haben scheint. Denn ständig wird er gefragt, warum er sich entschieden hat, ausgerechnet Stuttgart in seiner Dokuserie »Patterns and Contrasts« zu porträtieren. »Warum Stuttgart?«, wollen alle von ihm wissen. »Warum nicht?«, lautet seine Standardantwort.

»Da steckt oft was Spannendes dahinter«

Weil andere Episoden zum Beispiel in Hongkong oder Paris spielen, versteht Singh zwar, woher die Frage nach dem Warum kommt. »Aber es wäre schön, wenn die Leute in Stuttgart irgendwann sagen: Natürlich sind wir dabei – das ergibt total Sinn.« Dass die Stadt nicht ganz so selbstbewusst auftritt, findet er zugleich aber auch faszinierend: »Ich mag das. Wenn ein Ort sich wie ein Underdog anfühlt, steckt oft etwas Spannendes darin«, sagt er.

Im Gespräch erzählt Singh, was ihn an Stuttgart überrascht hat – und warum er in den unscheinbaren Ecken der Stadt besondere Energie spürt. »Wir wollten Orte finden, an denen etwas unter der Oberfläche brodelt«, sagt er. Bereits die erste Episode in Hongkong war von dem Gefühl geprägt, sich in einem Übergangsraum zu befinden, in dem Identitäten verhandelt werden und Menschen die Chance nutzen, ihre eigene Geschichte zu gestalten.

Dieses Motiv zieht sich für ihn auch durch Stuttgart: eine Stadt mit industrieller Vergangenheit, die auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen ist. »Städte wie L.A., London oder New York sind zwar aufregend, aber Orte mit einer industriellen Geschichte, deren Zukunft noch unklar ist, sind interessanter.« Für die Doku hat er junge Kreative in ihren Kellerstudios besucht oder lässt sie auf Dachböden versteckte Kunstwerke hervorholen. In den Zwischenräumen entstünden oft die besten Impulse. Singh tummelt sich aber auch beim Champions-League-Spiel des VfB gegen Paris Saint-Germain mit Fanschal auf dem Stadiongelände und ist bei der Demo gegen Rechtsruck im Februar auf dem Schlossplatz dabei.

Elena Kaifel vom Stadtpalais erzählt ihm, dass die Subkultur in Stuttgart lange übersehen und zu wenig dokumentiert wurde, die Cannstatter Künstlerin Dilây Ibis spricht darüber, wie sehr Migrationserfahrungen die Kultur der Stadt prägen, und Alexander »AJ« Supper, der Ge-schäftsführer von Mommy I’m Sorry erklärt, wie das Tattoo-Studio zu einem Knotenpunkt werden will, um die junge Kreativszene besser zu vernetzen. Und bei der Premiere der Stuttgart-Episode von »Patterns and Contrasts« dienen die Räume des Studios dann auch als Ausstellungsraum, in dem die beteiligten Künstlerinnen und Künstler ihre Arbeiten präsentieren.

Auf die Frage nach dem Vergleich von Stuttgart mit Detroit – einer Stadt, die für den Niedergang der Autoindustrie steht – reagiert Singh zurückhaltend, aber offen: »Der Detroit-Vergleich ist eine einfache Analogie. Aber keiner weiß, wohin sich ein Ort wirklich bewegt. Es gibt mögliche Zeitleisten, in denen Stuttgart eine ähnliche Entwicklung nimmt – aber auch welche, in denen es zu etwas ganz Anderem und sehr Spannendem wird.« Entscheidend sei für ihn, dass Menschen selbst Einfluss darauf nehmen können, welche Zukunft sich durchsetzt. Und Stuttgart habe ihn auf jeden Fall überrascht: »Ich hatte vorher keine Ahnung, dass Stuttgart so eine lebendige Stadt voller kreativer Menschen ist«, sagt er. Und Stuttgart habe ihn gelehrt, wie viel man entdeckt, wenn man sich treiben lässt. (GEA)