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Aktuell Chronologie

Vom Lichterspaziergang zum Massenprotest in Reutlingen: Ein Rückblick

Wie aus kleinen Corona-Demonstrationen Großveranstaltungen in der Reutlinger Innenstadt wurden.

Lautstark und mit Plakaten zogen die Demonstranten durch Reutlingen. Foto: Norbert Leister
Lautstark und mit Plakaten zogen die Demonstranten durch Reutlingen.
Foto: Norbert Leister

REUTLINGEN. Während der Pandemie hat sich Reutlingen als Hochburg des Protests etabliert. Samstag für Samstag gingen in der Innenstadt Tausende auf die Straße, um gegen Corona-Regeln oder Impfpflicht zu demonstrieren. Oft waren es die teilnehmerstärksten Kundgebungen im Land. Ein Rückblick.

- Lichterspaziergänge

Die ersten Corona-Demonstrationen in Reutlingen haben Ende 2020 begonnen. An den sogenannten Lichterspaziergängen, die von Mitgliedern der Partei »Die Basis« angemeldet wurden, beteiligten sich Hunderte Personen.

- Telegram

Über eine öffentliche Gruppe im Messenger Telegram wurde im Herbst 2021 zu Corona-Protesten in Reutlingen und der Region aufgerufen. Die Teilnehmerzahl wuchs im Laufe des Winters auf bis zu 2.000 Menschen an.

- Unschöne Szenen

Rund 1.500 Menschen zogen am 11. Dezember 2021 friedlich durch die Reutlinger Innenstadt. Weil kein Verantwortlicher benannt und gegen die Maskenpflicht verstoßen wurde, löste das Amt für Öffentliche Ordnung die Versammlung auf. Gegen Ende kam es zu unschönen Szenen zwischen Teilnehmern und Polizisten. Beide Seiten warfen sich gegenseitig vor, die Schuld an der Eskalation zu tragen. Beamte setzten Schlagstöcke und Pfefferspray ein, umschlossen 100 Personen im Bürgerpark und erteilten Platzverweise.

- Versammlungs-Verbote

Stadt und Landkreis Reutlingen untersagten Corona-Demos im Zeitraum von 18. Dezember 2021 bis 24. Januar 2022. Dennoch kam es unter enormer Polizeipräsenz immer wieder zu Demozügen durch die Innenstadt. Der Ofterdinger Manuel Tharann galt zu dieser Zeit als Organisator. Trotz Verbots warb er im Netz für Protest-Veranstaltungen.

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Datenquelle: Landesgesundheitsamt/Landratsämter
Karte: © GeoBasis-DE / BKG 2019

- Neue Organisatoren

Am 8. Januar 2022 ließ die Stadt dann doch wieder eine Corona-Demo in Reutlingen zu. Der Grund: Die neuen Organisatoren Kevin Brügmann und Michaela Brandner waren bereit, die Auflagen wie Maskenpflicht oder Abstandsgebote einzuhalten und durchzusetzen. Dadurch beendeten sie auch das Katz-und-Maus-Spiel zwischen »Spaziergängern« und Polizei. An diesem Protestmarsch beteiligten sich 1.800 Personen.

- Tausende Teilnehmer

Die Corona-Demos des neuen Orga-Duos entwickelten sich Anfang dieses Jahres zum Großereignis. Viele Teilnehmer brachten Musikboxen, Trommeln und Trillerpfeifen mit. Immer öfter beschwerten sich Anwohner über den Lärm. Am 12. Februar 2022 nahmen laut Polizei 7.500 Personen teil, die Veranstalter sprachen gar von 10.600. Am 19. Februar meldete die Polizei 5.000 Protestierende, die Veranstalter 12.500. Eine solche Zahl wurde seither nicht mehr erreicht.

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- Meinungs-Marathon

Am 5. März 2022 ging in Reutlingen ein regelrechter Meinungs-Marathon über die Bühne. Die Partei Alternative für Deutschland (AfD) traf sich zu einer Kundgebung in Reutlingen, das »Bündnis Gemeinsam & Solidarisch gegen Rechts« organisierte einen Gegenprotest (rund 400 Teilnehmer). Am Abend demonstrierten etwa 3.500 Gegner der Corona-Maßnahmen. Die Polizei war mit einem Großaufgebot und einer Drohne im Einsatz. Wasserwerfer waren ebenfalls vor Ort. Bis auf wenige Zwischenfälle verlief der Tag friedlich.

- Aktueller Stand

Maskenpflicht, 2G, 3G und Impfzwang sind seit April 2022 nahezu Geschichte. Trotzdem finden die Demos in Reutlingen weiter statt. Ein Ende sieht Brandner erst gekommen, »wenn Politiker volksnäher geworden sind und wir gehört werden«. Die Bundesrepublik sei zwar eine Demokratie, »das Volk hat jedoch kein Mitspracherecht«. Laut Polizei lag die Zahl der Teilnehmer zuletzt bei rund 1.000. (GEA)