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Long Covid: Wie Reutlinger Betroffene im Alltag leiden

Die Corona-Pandemie ist zwar vorbei, Long Covid aber bleibt. Betroffene aus Reutlingen erzählen, was ihnen Probleme bereitet - und was ihnen Hoffnung macht.

Viele Betroffene leiden an chronischer Müdigkeit - manche schaffen es kaum, das Bett zu verlassen.
Viele Betroffene leiden an chronischer Müdigkeit - manche schaffen es kaum, das Bett zu verlassen. Foto: NATHANAEL KIEFER/ADOBE STOCK
Viele Betroffene leiden an chronischer Müdigkeit - manche schaffen es kaum, das Bett zu verlassen.
Foto: NATHANAEL KIEFER/ADOBE STOCK

REUTLINGEN. Für sie ist nichts mehr, wie es vorher war: Die Langzeitfolgen einer Corona-Infektion haben Menschen aus Reutlingen aus ihrem gewohnten Leben gerissen. Dem GEA erzählen sie ihre Geschichten – die sich teilweise ähneln. Sie handeln von extremer Erschöpfung, Ärzte-Marathons und dem mühsamen Kampf zurück ins Leben.

Eine Reha machte alles schlimmer

Nach seiner Infektion am 1. Dezember 2021 hatte Christian Reutter zunächst nur leichte Kopfschmerzen. Der Erzieher aus Pfullingen ging bald wieder arbeiten – bis er wenige Wochen später »komische Grippesymptome« bekam. Sein Hausarzt stellte die Diagnose Long Covid. »Er hat aber auch gesagt, er könne gar nichts machen«, erzählt der 38-Jährige. Reutter begann, sich selbst zu informieren, und versuchte sich selbst zu helfen, etwa mit Nahrungsergänzungsmitteln.

Anfang 2023 sollte er in einer neurologischen Klinik professionelle Unterstützung bekommen. Doch die Therapie mit leichter Bewegung verschlechterte seinen Zustand drastisch. »Ich habe einen heftigen Crash bekommen.« Er brach zusammen und lag fortan fast nur noch im Bett. »Ich konnte keine zehn Meter mehr am Stück laufen«, erinnert er sich. »Das war mein Tiefpunkt.« Auch in den Monaten danach ging es ihm schlecht. »Ich lag nur in meinem abgedunkelten Zimmer herum. Ich war extrem geräuschempfindlich, und mir wurde schnell schwindelig.« Einmal war sein Puls so hoch, dass er einen Herzinfarkt vermutete. Im Krankenhaus bekam er lediglich Tabletten und wurde nach Hause geschickt. »Das hat mich sehr überrascht.«

Sein Hausarzt diagnostizierte schließlich ME/CFS – Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom, eine schwere neuroimmunologische Erkrankung, die seit 1969 anerkannt ist, aber bis heute gibt es keine etablierte Therapie.

Reutter eignete sich weiter Wissen an, tauschte sich in einer Reutlinger Selbsthilfegruppe aus, las Bücher, hörte Podcasts. Anfang 2024 begann er mit Meditation und Atemübungen und versuchte konsequent zu vermeiden, über seine Belastungsgrenze zu gehen. Seitdem ging es langsam bergauf. Doch seit einigen Monaten stagniert seine Genesung. »Das kotzt mich richtig an.« Noch immer kann er kaum das Haus verlassen. »Ich könnte zwei Stunden spazieren gehen, aber danach geht es mir viel schlechter.« Darum vermeidet er jede Überlastung – körperlich wie mental. Im Alltag mit zwei Kindern gelingt das nicht immer. Viel beitragen kann er zuhause nicht: »Kochen, putzen, Spülmaschine bedienen – viel mehr schaffe ich nicht.« Auch finanziell stehe er vor Herausforderungen, weil die Erwerbsminderungsrente kaum ausreicht. Trotz einer Phase der Niedergeschlagenheit ist er »felsenfest sicher, dass ich wieder gesund werde«.

Gedämpfter Optimismus

Nach ihrer dritten Corona-Infektion im November 2022 wurde Sandra Zeiler nie wieder gesund. Begonnen hat alles mit einem dauerhaften Kälteempfinden und Gänsehaut-Schüben. Heute, zwei Jahre später, kämpft die 31-Jährige aus Wannweil mit einer ganzen Palette von Symptomen: dauerhafte Erschöpfung, Muskelschmerzen, Gelenkschmerzen, Konzentrationsprobleme, Geräuschempfindlichkeit, Vergesslichkeit, Wortfindungsstörungen, Störungen der Temperaturregulation, Kopfschmerzen, Schwindel, Kraftlosigkeit und Schlafstörungen. Seit einem Nervenzusammenbruch im Juni 2023 ist die gelernte Automobilkauffrau zu Hause. Vor kurzem hatte sie ihre fünfte Corona-Infektion. »Seitdem geht es mir noch viel schlechter.«

Long Covid in Reutlingen: Erste Zahlen der AOK

Erstmals hat die AOK Daten zu Long-Covid-Fällen in der Region veröffentlicht. 2.397 Versicherte im Landkreis Reutlingen wurden 2023 wegen Long Covid behandelt – das entspricht 1,6 Prozent aller AOK-Versicherten vor Ort, berichtet die Krankenkasse. Landesweit waren es 14.272 Fälle.

Die AOK betont, dass Long Covid kein einheitliches Krankheitsbild ist. Ursache und Mechanismen sind bis heute nur teilweise erforscht – entsprechend herausfordernd sind Diagnostik und Therapie. Eine spezifische medikamentöse Behandlung gibt es nicht; Ärztinnen und Ärzte behandeln daher vor allem die Symptome. Für schwere oder komplexe Fälle empfehlen Fachleute die Behandlung in Spezialambulanzen.

Wer ist besonders betroffen? Laut AOK-Fachärztin Dr. Alexandra Isaksson zeigen die bisherigen Daten: Frauen häufiger als Männer, junge Erwachsene häufiger als Kinder oder Senioren, Menschen nach stationären Corona-Behandlungen häufiger als nach milden Verläufen. Durch Varianten und Immunität gehen die Neuerkrankungen aktuell insgesamt zurück.

Die AOK bietet ihren Versicherten einen Long-Covid-Coach sowie Beratungsangebote. Mehr Informationen unter: www.aok.de/long-covid

Die Krankheit hat ihr Leben radikal verändert. »Es fühlt sich beschissen an, nicht mehr selbstständig zu sein.« Ihr Mann hilft beim Duschen und Haarewaschen. Einmal pro Woche kommt eine Haushaltshilfe, um ihn zu entlasten. Sie selbst liegt rund 23 Stunden pro Tag mit Oropax in ihrem abgedunkelten Zimmer. »Selbst Fernsehen oder Musik hören ist mir meist zu viel.« Die 40 Treppenstufen aus ihrer Wohnung? »Danach bin ich völlig am Ende.« Ihr Vater begleitet sie zu Arztterminen, weil sie sich die Inhalte nicht mehr merken kann. Besonders belastend: Ihre Hausärztin erkennt eine Long-Covid-Erkrankung bis heute nicht an, sondern diagnostizierte eine psychische Störung. Erst im Mai 2024 stellte ein Reha-Arzt die Diagnose Long Covid – für Zeiler eine enorme Erleichterung: »Ich war froh, dass ich mir das alles nicht einbilde.«

Dank Erwerbsminderungsrente muss sie nicht mehr alle vier Wochen eine neue Krankschreibung erbitten. »Die Diskussionen waren immer anstrengend.« Doch der finanzielle Druck bleibt hoch. Nahrungsergänzungsmittel und Stoßwellen-Therapie, die ihr Linderung verschaffen, muss sie selbst zahlen. »Das geht schnell in die Tausende.« Ohne die Unterstützung ihrer Eltern wäre das nicht möglich. Ihr Optimismus ist gedämpft. »Mein Anspruch ist gar nicht mehr, ganz gesund zu werden.« Sie möchte nur ein halbwegs normales Leben zurück: aufstehen, Freunde treffen, Urlaub machen.

Fast ein Jahr nur geschlafen

An das erste Jahr seiner Erkrankung erinnert sich Florian Degner kaum. »Ich habe zu 95 Prozent geschlafen.« Der 32-jährige Reutlinger infizierte sich im Sommer 2022 mit Corona. Anfangs ging es ihm schnell wieder gut – bis er eines Tages beim Treppensteigen einen Puls von 180 hatte. Und das, obwohl er zuvor fünfmal die Woche ins Fitnessstudio gegangen war. »Dann ging es Schlag auf Schlag.« Über Wochen baute er körperlich und kognitiv extrem ab, bis er bettlägerig wurde. »Selbst essen war mir teilweise zu viel.« Wenn er sich überanstrengt, rutscht er in einen Zustand, der als Brain Fog beschrieben wird. »Ich bin dann bei vollem Bewusstsein, kann aber nicht reagieren, nicht sprechen, mich nicht orientieren.« Anfänglich passierte das täglich; zuletzt zweimal in zwei Wochen.

Viele Freundschaften zerbrachen. »Sie konnten es nicht verstehen und sagten, ich solle mich nicht so anstellen.« Auch sein Hausarzt hielt Corona nicht für die Ursache. Es müsse psychisch sein. Alle Tests unauffällig: »Mir hätte es eigentlich super gehen müssen«, sagt Degner. Alle vier Wochen musste er sich eine Krankschreibung holen – ein Jahr lang. Erst in einer sechswöchigen Reha durchbrach er diesen Kreislauf. »Dort wurde ich endlich aufgeklärt, was die Krankheit im Körper verursacht.« Er kämpfte sich langsam zurück – bis er wenigstens 100 Meter im Rollstuhl draußen fahren konnte, ehe er völlig erschöpft einschlief. Nach der Reha schloss er sich einer Selbsthilfegruppe an. Hingehen konnte er nicht selbst; seine Partnerin übernahm das. »Ich habe nicht die Energie.« Der Austausch hilft dennoch.

Degner probierte Vitaminpräparate, Medikamente und Sitzungen beim Heilpraktiker – alles ohne Erfolg. Hoffnungsvoll verfolgt er Studien zu einem Medikament, das in den 1990er Jahren für Krebspatienten entwickelt wurde. »Ich würde sofort an einer Studie teilnehmen. Irgendwann klammert man sich an jeden Strohhalm.«

Zurück im Beruf

Fatih Artar aus Kirchentellinsfurt leidet seit einem Jahr an Long Covid. Dass seine Beschwerden – Erschöpfung, Schwindel, Magen-Darm-Probleme, Taubheitsgefühle und Panikattacken – Folgen einer Corona-Infektion waren, wusste der 37-Jährige lange nicht. Zwölf Ärzte fanden keine Ursache. Bis Februar arbeitete er weiter als Teamleiter im Vertrieb – obwohl sein Zustand immer schlechter wurde. Selbst als er wegen Verdachts auf Herzinfarkt den Rettungsdienst rief, hieß es: körperlich alles unauffällig. »Da bin ich langsam verzweifelt.«

Seine Hausärztin diagnostizierte Burnout. Er hielt die Diagnose für falsch, trat aber dennoch eine psychosomatische Reha an. »Zum Glück«, sagt er heute. Zwar verschlimmerten sich die Beschwerden zunächst; doch nach einigen Tagen nahm ihn eine Psychologin in die Post-Covid-Gruppe auf. »Die Erzählungen der anderen passten perfekt zu meinen Symptomen.« Pacing wurde als Therapie verordnet – die gezielte Regulierung der eigenen Energiereserven. In Kombination mit Antidepressiva brachte es deutliche Besserung.

Ganz weg ist die Erschöpfung nicht. »Die ist immer noch extrem.« Aber nach acht Monaten zu Hause wollte er unbedingt wieder arbeiten, trotz ärztlicher Empfehlung zu warten. Im Job geht er offen damit um. »Das hilft mir sehr.« Dennoch ist der Alltag anstrengend: viel unterwegs, viel Computerarbeit. Yoga und Atemübungen sollen Stress abfangen. Artar hofft weiter auf vollständige Genesung. Vor seiner Erkrankung trieb er viel Sport. »Ich bin froh, dass ich vergleichsweise schnell Hilfe bekommen habe.«

Was sich ändern muss

An Unterstützung fehlt es vielerorts, kritisieren die Betroffenen. »Man fühlt sich wie ein Einzelkämpfer, ein Pionier«, sagt Florian Degner. Das Hauptproblem: Viele Ärzte stufen Long Covid als psychisch ein, statt als körperliche Erkrankung. Medizinische Vereinigungen seien sich uneinig. »Es sollte kein Glück sein, auf einen Arzt zu treffen, der einen ernst nimmt«, sagt Christian Reutter. Er fordert verpflichtende Fortbildungen für Mediziner und besseren Zugang zu Therapie und Medikamenten – inklusive Kostenübernahme durch die Krankenkassen.

Weitere Wünsche: mehr Forschung, mehr Unterstützung für Angehörige, bessere Informationsangebote, öffentliche Vorträge von Experten. Vor allem aber wünschen sich die Betroffenen mehr Aufmerksamkeit und Verständnis – in der Öffentlichkeit, in Arztpraxen, im beruflichen wie privaten Umfeld.
Denn, sagt Christian Reutter: »Es kann jeden treffen.«

Die Betroffenen aus dem Raum Reutlingen haben ähnliche Tipps für Leidensgenossen: Offen über die Erkrankung sprechen, um sich nicht allein zu fühlen. Nicht in Selbstmitleid verfallen und sich nicht immer weiter zurückziehen. Ein Austausch in Selbsthilfegruppen kann da entgegenwirken. Das A und O sei, den eigenen Körper zu beobachten und Belastungsgrenzen strikt einzuhalten. Zudem kann es nicht schaden, sich professionelle psychische Unterstützung zu suchen, um die Krankheit emotional bewältigen zu können. (GEA)