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Rodeln - Natalie Geisenberger wiederholt eindrucksvoll ihren Gold-Triumph von Sotschi. Silber für Dajana Eitberger

Ein Märchen im Eiskanal

VON THOMAS WEITEKAMP

PYEONGCHANG. Natalie Geisenberger blieb nicht lange allein. Die alte und neue Olympiasiegerin hatte sich kaum von ihrem Schlitten erhoben, da stürmte Felix Loch bereits im Vollsprint auf sie zu, gefolgt von Silber-Gewinnerin Dajana Eitberger und der fast kompletten deutschen Rodelmannschaft - nur Tatjana Hüfner stand nach ihrem vierten Platz völlig verloren im tosenden Zielraum. Sie kaute auf ihren Lippen, und dann flossen die Tränen.

Und wieder Olympiagold: Rodlerin Natalie Geisenberger umarmt Bundestrainer Norbert Loch.
Und wieder Olympiagold: Rodlerin Natalie Geisenberger umarmt Bundestrainer Norbert Loch. FOTO: dpa
Es war dieser Kontrast, der das letzte große Duell zwischen Geisenberger und Hüfner in Pyeongchang prägte: Die Bayerin holte ihr zweites Einzelgold und ihr drittes insgesamt, ist nun erfolgreichste Rodlerin der Geschichte. Hüfner blieb nur »Blech«, doch das ging fast etwas unter im Jubel über den deutschen Doppelsieg. »Das ist einfach nur geil, genau das, was ich mir seit vier Jahren erträumt habe«, sagte Geisenberger: »Ich habe alles gewonnen, was man im Rodeln gewinnen kann und das mehrfach. Olympia, Weltmeisterschaften, Europameisterschaften, Weltcup. Es ist unglaublich.«

»Ich gönne es ihr, sie hat alles richtig gemacht, alle vier Läufe getroffen. Im Gegensatz zu mir«
 

Selbst Felix Loch konnte am Dienstag wieder lachen, freute sich sichtlich mit seiner langjährigen Trainingspartnerin. Noch am Sonntag war eine Sportwelt über ihm zusammengebrochen, als er auf den letzten Metern des letzten Laufs Olympia-Gold verschenkte, in der tückischen Kurve neun. »Ich gönne es ihr total«, sagte Loch, »sie hat einfach alles richtig gemacht, alle vier Läufe getroffen. Ganz im Gegensatz zu mir.«

Nur wenige Meter weiter hielt Bundestrainer Norbert Loch zu diesem Zeitpunkt Tatjana Hüfner im Arm, fest und ausdauernd. Die 34-Jährige weinte und weinte, auch als sie viel später die Bahn verließ, standen ihr die Tränen noch in den Augen. »Es ist jetzt, wie es ist«, sagte Hüfner. Besonders bitter war es für sie, weil sie nicht schlecht gefahren war, keiner der vier Läufe war wirklich unsauber. Dennoch verlor sie im unteren Bereich Zeit, zu viel Zeit in einem »brutalen Rennen um die Plätze zwei, drei und vier«, wie Norbert Loch sagte. Und so wurde Hüfner von der starken Kanadierin Alex Gough auch noch vom Bronzerang verdrängt. Der erste Platz schien dagegen nie in Gefahr, Geisenberger hatte am Ende 0,367 Sekunden Vorsprung. Nur ein krasser Fehler hätte sie in Pyeongchang den Sieg kosten können. Und genau vor diesem hatte sie Angst, als sie vor dem entscheidenden Lauf am Start stand - Felix Loch sei dank. »Sein kleiner Fehler hatte am Sonntag riesige Auswirkungen, und das habe ich einfach nicht aus meinem Kopf gekriegt«, sagte sie. Man merkte ihr diese Anspannung bis kurz vor dem Start intensiv an. Aber dann siegte die Konzentration.

Zudem wurde Geisenberger nur Minuten vor ihrem Start auf schockierende Weise erneut daran erinnert, wie gefährlich Kurve neun ist. Die erfahrene Amerikanerin Emily Sweeney verlor dort die Kontrolle über ihren Schlitten und krachte mit beiden Beinen voraus in die obere Bande der Kurve 10. Nach langer Behandlung lief sie wacklig ins Zielgelände und wurde ins Krankenhaus gebracht. In diesen Minuten herrschte Stille an der Strecke. Noch Augenblicke zuvor war die frühere deutsche Junioren-Weltmeisterin Aileen Frisch, die vor einem Jahr die südkoreanische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, vom Publikum für Rang acht gefeiert worden.

Aber als Geisenberger über den roten Zielstrich raste, ging es nur noch um sie und Dajana Eitberger. Geisenberger fuhr im letzten Durchgang wie auf Schienen, keinen einzigen Fehler erlaubte sie sich. Wie es mit ihrer Karriere weitergeht, ist auch noch nicht entschieden, erfolgreicher kann eine Rodlerin nicht mehr sein. Da macht es dann auch nichts, dass diese olympische Sportart ambitioniert nur noch von zwölf Nationen weltweit betrieben wird. Das deutsche Olympiamärchen lebt im Eiskanal fort. (SID)

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