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Doping - Im Robert-Havemann-Haus kümmert man sich um Folgen des Spitzensports. Zehn Millionen Euro vom BMI

Doping-Opfer: Wen kümmern die Folgen der Medaillen?

AUS BERLIN BERICHTET CHRISTOPH FISCHER

BERLIN. Vielleicht werden sie gar nicht mehr lange hierbleiben können. Paterre ist schon verkauft, der erste Stock auch. Dabei ist es die einzige Stelle in Deutschland, wo man sich intensiv mit der Doping-Vergangenheit des Spitzensports der ehemaligen DDR beschäftigt. Am Robert-Havemann-Haus blättert der Putz von den Wänden. Ein schönes Haus, 1898 gebaut, nun wird es vielleicht ein Objekt für Investoren.

Kämpfer gegen das Dopingunwesen im Spitzensport: Professor Ines Geipel (rechts) und Professor Werner Franke. FOTOS: DPA
Kämpfer gegen das Dopingunwesen im Spitzensport: Professor Ines Geipel (rechts) und Professor Werner Franke. FOTO: dpa
Das Schild der Doping-Opfer-Hilfe ist nur aufgeklebt. Als wäre es vorläufig, vorübergehend. Nach der Haustür muss man durch einen Hinterhof. Und dort geht es dann in den dritten Stock. Auch im Treppenhaus bröckelt die Farbe von den Wänden.

»Wir versuchen hier, Vertrauen aufzubauen. Das ist nicht einfach, aber alternativlos«
 

Marie Katrin Kanitz arbeitet hier. Die ehemalige Eiskunstläuferin war ebenfalls in das teuflische Staatsplanthema 14.25 des DDR-Sports eingebunden, das menschenverachtende Doping. 700 Opfer betreuen sie hier. Es sind vermutlich dreimal so viele, die an den Folgen des Anabolikums Oral-Turinabol leiden. Von den Drangsalierungen der Trainer ganz zu schweigen, die den Sport unmenschlich machten. Manche dieser Trainer arbeiten heute noch. Viele wollen bis zum heutigen Tag nicht reden, auch die meisten Opfer reden nicht. »Wir versuchen hier, Vertrauen aufzubauen«, sagt Kanitz. »Das ist nicht einfach, aber zu dem Versuch gibt es keine Alternative.«

Das Zimmer ist groß, an den Wänden Aktenordner. Deckenhoch Schicksale. Und es gibt einen großen Tisch, an dem die Gespräche stattfinden. Man kann sich schönere Orte vorstellen. Aber Ines Geipel, die Schriftstellerin, selbst als ehemalige Weltrekordsprinterin ein Opfer des perfiden DDR-Hochleistungssports, ist froh, dass es diesen Raum gibt. Mit Gerd Bonk haben sie auch lange gesprochen. Inzwischen ist der legendäre DDR-Gewichtheber tot. Gestorben 2014 an den Folgen des jahrzehntelang verordneten Pillenkonsums. »Es werden vermutlich mehr werden, die sterben«, sagt Kanitz. Manchmal muss sie zwischendurch um den Block laufen. Frische Luft schnappen in den Straßen am Prenzlauer Berg. Weil man es sonst nicht aushält.

Lange Zeit hat das für den Spitzensport zuständige Bundesministerium des Innern eine Unterstützung des Vereins verweigert. Bis der für den Spitzensport zuständige Bundesinnenminister Thomas de Maiziere zehn Millionen Euro, jeweils fünf für 2016 und 2017, im Bundeshaushalt freigab, um die Opfer zu unterstützen. Der Minister hat mehrfach klar gemacht, dass »das jetzt reichen muss«. Im Robert-Havemann-Haus in der Schliemannstraße in Prenzlauer Berg müssen sie das als Hohn empfinden. Man hält es eigentlich mehr für ein Freikaufen von Verpflichtungen als für dringend notwendige Hilfsgelder.

»Aber es sind immerhin zehn Millionen Euro, vor Jahren hätten wir uns das noch gar nicht vorstellen können«, sagt Kanitz. Auch Professor Werner Franke hat sein Archiv im Haus untergebracht, eine lange Liste von Verbrechen, die die rücksichtslose DDR-Sportführung unter Manfred Ewald an den »Diplomaten im Trainingsanzug« verübte. Dabei sind die Opfer nicht nur erfolgreiche Sportler des alten Systems, sondern auch solche, die gnadenlos aussortiert wurden. Und solche, mit denen Mediziner lediglich biochemisch experimentierten.

Der eigentlich zuständige Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hält sich aus allem heraus. Alle Bittbriefe nach Frankfurt blieben unbeantwortet. »Es ist ein Hohn, eine Unverschämtheit, dass dort nichts passiert«, sagt Ines Geipel. Alfons Hörmann hat offenbar andere Sorgen, als sich mit Ex-Spitzensportlern zu beschäftigen, die ihr Leben nicht mehr alleine bewältigen können. Katarina Witt, das Gesicht des Sozialismus, hat sich auch nie gemeldet. Kanitz kennt die Schöne aus Karl-Marx-Stadt aus gemeinsamen Eiskunstlaufzeiten, aber es gibt keinen Kontakt mehr.

Das Leben mit den Opfern ist ein frustrierendes Geschäft, aber nicht nur. »Es gibt Menschen, die können nur reden, wenn sie angerufen werden. Von sich aus haben sie nicht die Kraft, sich zu melden.« Aber wenn die Gespräche dann in Gang kommen, wenn sich etwas löst, wenn etwas vorangeht, dann sind das die guten Momente in diesem tristen Geschäft. Kanitz weiß das. Sie selbst hat Monate, Jahre gebraucht, um sich aus den Zwängen des alten Systems zu lösen. »Es konnte sich doch ernsthaft niemand vorstellen, was mit uns passierte. Wir haben den Druck gespürt, aber das war normal für uns. Weil wir uns für den Spitzensport in der DDR entschieden haben.« Marie Katrin Kanitz wird mit 450 Euro am Monat entlohnt, manchmal sind es Zwölf-Stunden-Tage, die sie in der Beratungsstelle verbringt. Die erste Forschungsstudie zu den Opfern des DDR-Sports ist angeschoben. Es gibt Mediziner, denen das wichtig ist. Manchmal hat man das Gefühl, die Dinge gehen voran.

Vielleicht wird es irgendwann eine Beratungsstelle im Berliner Olympiastadion geben. Oder keine Beratungsstelle mehr, wenn auch der dritte Stock im Havemann-Haus verkauft und zu einem teuren Loft umgebaut wird. Und die Akten verschwinden müssen.

Sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, ist schwer. Mitunter sehr anstrengend. Zu allem körperlichen und seelischen Unglück müssen die Opfer auch mit dem gnadenlosen Vorurteil fertig werden, ihnen ginge es nur um das Geld. »Was für eine bodenlose Frechheit«, sagt Kanitz. Sie haben die Schädigungen der Ex-Athletinnen zusammengestellt, die Fehlgeburten, die Missbildungen der Kinder der Ex-Spitzensportlerinnen, die Tumore. Dass die Aufmerksamkeit steigt, wenn noch mehr Menschen sterben, glauben sie in Berlin nicht. Es ist mehr als ein Vierteljahrhundert her, seit die Mauer fiel, Werner Franke beschäftigt sich nicht erst seit dieser Zeit mit dem Dopingproblem. Was nichts daran ändert, dass Verbrecher von damals immer noch ungestraft durch die Gegend laufen. Viele wurden in der neuen Republik weiterbeschäftigt.

Weil die neue deutsche Republik ebenso medaillenorientiert ist wie die beiden alten. (GEA)

Doping-Opfer-Hilfe


Der Verein Doping-Opfer-Hilfe versteht sich als die Interessenvertretung der Geschädigten des organisierten deutschen Sports. Der Verein arbeitet unabhängig von Sportorganisationen und -verbänden. Der Verein wurde 1999 gegründet, die Beratungsstelle in Berlin besteht seit 2013. Ines Geipel, eine ehemalige Weltklassesprinterin, ist seit 2013 Vorsitzende. Sie war im Jahre 2000 Nebenklägerin beim Berliner Dopingprozess und ist als staatliches Dopingopfer anerkannt. 2005 gab Ines Geipel ihren Sprintstaffel-Weltrekord zurück, da er nur aufgrund ihrer unfreiwilligen Einbindung in das staatliche Zwangsdoping der DDR zustandegekommen war. (cfi)

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