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Turn-EM - Nach einer »Achterbahn der Gefühle« sichert sich Lausitzer EM-Gold. »Schwarze Sekunde« für Nguyen

Boy am Ziel seiner Träume

VON GABRIELA THOMA

BERLIN. »Erst zum Schluss wird abgerechnet«. Allein für diesen Satz hätte Philipp Boy Bundestrainer Andreas Hirsch am liebsten umarmt und in die Luft werfen mögen. Doch da musste sich der 23-Jährige noch ganz auf seine letzte Übung am Boden konzentrieren. Als der letzte Schritt jedoch gesetzt war, wusste er: Es kann reichen. Und es reichte tatsächlich. In einer beispiellosen Aufholjagd hat Philipp Boy im Mehrkampf-Finale bei der Turn-EM in Berlin das Feld von hinten aufgerollt und sich vor dem Rumänen Flavius Koczi und den punktgleichen Briten Daniel Purvis sowie Mykola Kuksenkov aus der Ukraine zum Europameister gekrönt.

Damit ist er nicht nur seiner Rolle als Leitwolf gerecht geworden, sondern beerbte tatsächlich Fabian Hambüchen. Der Wetzlarer hatte vor zwei Jahren in Mailand den einzigen und letzten deutschen EM-Titel im Mehrkampf gewonnen und muss in Berlin verletzt zuschauen. »Für mich ist nun ein Traum wahr geworden, doch ich habe noch nie so einen krassen Wettkampf erlebt. Das war bis jetzt eine geile EM«, sprudelte es aus dem völlig euphorisierten Sportsoldaten nach seinem Coup nur so heraus, während in seinen Augen Tränen blitzten.



Als Bundeskanzlerin Angela Merkel nach ihrer Begrüßungsansprache die Halle schon längst verlassen hatte, hatte er sich mit international eigentlich nur durchschnittlichen 88,875 Zählern und nur 0,5 Punkten Vorsprung, das kommt einem Wimpernschlag im Turnen gleich, den Thron in Europa erobert. Schon bei der WM 2010 in Rotterdam war er als Vize-Weltmeister bester Europäer. Dass der Lausitzer dies momentan im Wettkampf an sechs Geräten wirklich ist, hat er nun trotz vieler Fehler endgültig bewiesen.

»An den Erfolg kann man sich richtig gewöhnen«, jubelte Boy denn auch, räumte aber ein, dass die Heim-EM für ihn ein Stück schwerer war als sein Auftritt bei der WM. »Ich wollte zwar nicht die Rolle des Favoriten hier annehmen, aber mich und das deutsche Turnen hier sehr wohl super präsentieren«, versuchte er den auf ihm lastenden Druck etwas zu erklären. Vielleicht war er deshalb im Endkampf nicht ganz so frei im Kopf wie noch in der Qualifikation. Für ihn war es schon der Horror, am Pauschenpferd beginnen zu müssen. »Ich war schwer nervös und habe sofort Fehler gemacht«, verriet er später. Vor allem fehlte ihm am Ende die Kraft für einen ordentlichen Abgang. Platz 20 leuchtete auf. Sofort wusste er, dass er bis zum bitteren Ende würde angreifen müssen. »Ein Wahnsinn, dass dieser mein Kampf am Ende mit dem Titel belohnt wurde. Ich stelle dieses Gold über den zweiten Platz bei der WM in Rotterdam. Hier, vor dem Publikum in meiner Lieblingsstadt zu gewinnen, das ist nicht zu toppen.«

Dabei erlebte der von 5 000 Zuschauern in der Max-Schmeling-Halle frenetisch angefeuerte Sonnyboy eine Achterbahn der Gefühle. Eine starke Ringe-Übung (14,625) brachte ihn auf Platz 12. Ein Klasse-Sprung (15,95) katapultierte ihn gar auf Platz sieben. »Aber nach dem Barren, als ich aufgesetzt hatte, war ich endgültig gefrustet. Doch ich sagte mir, ich habe noch mein Lieblingsgerät, das Reck und den Boden. Da ist noch einiges rauszuholen.« Gesagt, getan, selbst wenn es für Boy am Reck ebenfalls nicht optimal lief und er als Vierter vor der letzten Runde auch noch bis zur letzten Bahn am Boden sich selbst bibbernd ständig anfeuern musste: »Nur Mut, häng da jetzt alles rein.« Die Fans auf den Rängen wussten mangels Ansage in der Halle sowieso gar nicht so recht von der Schlussdramatik, die auch für Marcel Nguyen hätte erfolgreich mit einem Medaillenplatz ausgehen können.

Der 23-Jährige aus Unterhaching startete elegant und sicher und setzte sich nach den Ringen und Sprung an den ersten Platz. Auch am Barren bewies er, dass mit ihm zu rechnen ist, und hatte er weiter eine Mehrkampfmedaille im Visier. Doch am Reck wurde ihm eine Winzigkeit zum Verhängnis, »eine schwarze Sekunde«, wie er sagte. Er stürzte ab und die Medaille war weg. »Ich bin trotzdem zufrieden mit meiner Leistung, nach meinem Wadenbeinbruch«, sagte der Wahl-Stuttgarter tapfer nach seinem sechsten Platz. (GEA)



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