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Doping - Bewundernswert, wie Ines Geipel für die Opfer des Hochleistungssports in Ost und West kämpft

»Unter dem Verdikt der Lüge«

VON CHRISTOPH FISCHER

SCHWERIN. Es ist bewundernswert, mit welchem Einsatz sie kämpft. Zugleich wirkt sie verletzlich, sensibel, manchmal auch einsam. Irgendwie. Und manchmal auch mit ihren Kräften am Ende.

Weil sie sich manchmal wie ein Don Quijote vorkommen muss, der vergeblich gegen Windmühlen kämpft. Einer sagt in Schwerin, sie ist eine wie Jeanne d’Arc. Vermutlich ist das nicht übertrieben. Sie kämpft für Hunderte im Osten und Westen der Republik im Ringen um olympische Medaillen chemisierte Körper. Von denen niemand etwas wissen will, obwohl mit jedem Tag deutlicher wird, welche Verbrechen an Hochleistungssportlern begangen worden sind. Die Doping-Opfer-Hilfe (DOH) in einem Hinterhof in Berlin kämpft einen heroischen Kampf um Menschen, die früher im Blitzlichtgewitter des sportlichen Erfolges gestanden haben, deren Körper für den Kampf der Systeme missbraucht worden sind. Für Körper, die vielleicht auch nicht im Blitzlichtgewitter gestanden haben, weil sie nur zu Testzwecken manipuliert wurden. »Wer sich bei uns meldet, hat massivste Probleme. Wir sind die letzte Instanz«, sagt Ines Geipel.

Sie ist selbst für die DDR Rekorde gelaufen, sie ist selbst anerkanntes Doping-Opfer. Sie freut sich am Sport, aber nicht mehr am olympischen Sport. Ines Geipel lacht, wenn sie in den Berliner Hinterhöfen Kinder Fußball spielen sieht: »Kann es etwas Schöneres geben?« sagt sie dann. In Schwerin antwortet sie zwei Stunden auf die Fragen von Anno Hecker, dem Sportchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Selten erlebt man eine so konzentrierte Veranstaltung, weil die Kolleginnen und Kollegen aus den Sportressorts der Republik, die zuhören und fragen, einfach schockiert sein müssen vom Ausmaß der chemisierten Körper im deutschen Hochleistungssport.

Ines Gipel will endlich einen »Untersuchungsausschusses Sport« im Bundestag. »Nach allem, was auch in den letzten Wochen über den Fußball herausgekommen ist, geht daran doch gar kein Weg mehr vorbei«, sagt Ines Geipel in Schwerin. »Es reicht mit den ganzen Lügengeschichten. Wir brauchen einen neuen Blick auf diese ganze Vertuschungsgesellschaft«, sagt sie.

Immer mehr Opfer auch aus dem westdeutschen Sport melden sich in Berlin. »Die Rollstühle werden auch aus dem Westen angerollt kommen, zumindest aus Baden-Württemberg«, sagt Ines Geipel. Aus den Reihen der Evaluierungskommission zur Aufarbeitung der Dopingvergangenheit der Universität Freiburg waren zuletzt staatsanwaltliche Ermittlungsergebnisse veröffentlicht worden, denen zufolge es Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre auch bei den Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart und SC Freiburg zum Einsatz von Anabolika gekommen sein soll. Schlüsselfigur war der Freiburger Mediziner Armin Klümper. Bundestrainer Joachim Löw hatte damals für Freiburg und Stuttgart gespielt und war wie zahlreiche andere Fußball-Profis und Spitzensportler bei Klümper in Behandlung gewesen. Heute trifft sich in Freiburg die Evaluierungskommission der Universität mit den betroffenen Clubs, dem Deutschen Fußball-Bund und dem Bund Deutscher Radfahrer. Ines Geipel hatte angesichts der ständig steigenden Opferzahlen einen Akutfonds von Bund und Sport in Höhe von 32 Millionen Euro gefordert. 700 Dopingopfer betreut die Organisation, die Dunkelziffer gibt Ines Geipel mit 2000 an.

Kinder auf dem Chemie-Zug?

«Es gibt in Deutschland weiter keinen politischen Klärungswillen, auch 25 Jahre nach dem Fall der Mauer ist noch nicht viel passiert.« Außer unerträglichen Fensterreden von Politikern, ellenlangen und folgenlosen Briefwechseln zwischen Opfer-Hilfe und Politik, Opfer-Hilfe und Sport. »Unsere Arbeit steht in diesem Land immer noch unter dem Verdikt der Lüge, wir werden aus den Sälen gejagt, wenn wir aufklären wollen«, sagt Ines Geipel. Aber die Todesfälle werden sich häufen in Zukunft, weil »wir im deutschen Sport nicht nur Fußball-Weltmeister, sondern auch Weltmeister in vorsätzlicher Körperverletzung sind«.

»Wollen wir unsere Kinder wirklich weiter auf den Chemie-Zug setzen«, fragt Ines Geipel in Schwerin fast verzweifelt. »Wir brauchen Ärzte, die sich mit kaputten Körpern auskennen, wir brauchen psychologische Therapien für Menschen, die versucht haben, sich umzubringen.« Es sind ja nicht nur die Opfer des Staatsdopings der DDR. Aus Italien melden sich vermehrt Witwen gestorbener Fußballprofis. »Wir werden das nicht mehr lange aushalten können«, sagt sie, »aber wir wollen auch nicht aufgeben«. Sie ist schon auf dem Weg zum nächsten Termin. Und sie lächelt immer noch. Was für eine beeindruckende Frau. (GEA)



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