INTERVIEW - Angelique Kerber vor dem Fed Cup in Stuttgart über ihren märchenhaften Aufstieg auf Rang 27 der Welt
»Schüchtern bin ich nicht mehr«
STUTTGART. Angelique Kerber hat den anderen Spielerinnen des neuen deutschen »Fräulein-Wunders« eins voraus: Die 24-jährige Kielerin stand als erste Deutsche seit Steffi Graf vor 15 Jahren im September im Halbfinale der US Open. Das hat noch keine aus der jungen, erfolgreichen Garde um Andrea Petkovic, Julia Görges und Sabine Lisicki geschafft. Tauchte Angelique Kerber im Herbst des Vorjahres noch als Unbekannte auf der großen Tennis-Bühne auf, so zählt sie heute nach ihrem kometenhaften Aufstieg auf Platz 27 der Weltrangliste schon zu den festen Größen in der deutschen Nationalmannschaft. Die Linkshänderin aus Kiel wird im Fed Cup gegen Favorit Tschechien wohl als zweite Einzelspielerin eingesetzt. Bekannt gegeben wird das aber erst am heutigen Freitag. »Die Partie wird schwierig, aber ich tippe auf einen 3:2-Sieg für uns«, sagte sie im Gespräch mit GEA-Redakteurin Gabriela Thoma.
GEA: Angelique Kerber, haben Sie sich seit Ihrem märchenhaften Aufstieg bei den US Open inzwischen an die neue Popularität gewöhnt?
Angelique Kerber: So langsam ja, aber im September war das schon alles ganz schön aufregend für mich. Dass nach meinem Halbfinal-Einzug in Flushing Meadows alles und jeder auf einmal etwas von mir wollte, war ganz neu für mich. Darauf war ich nicht vorbereitet und für die vielen Interview-Anfragen auch nicht geschult.
Wird Ihnen jetzt der Rummel gerade auch hier in Stuttgart mit und um das Fed-Cup-Team nicht schon zu viel?
Kerber: Das mit den Terminen geht gerade noch. Wir versuchen sie auch kurz zu halten und seit Donnerstag ist sowieso damit Schluss, weil wir uns konzentrieren müssen. Außerdem ist es für die anderen stressiger als für mich, weil sie stärker im Fokus stehen.
Aber eine Schattenfrau sind Sie nicht?
Kerber (lacht): Nein, und schüchtern bin ich auch nicht mehr. Ich bin selbstbewusst und weiß, was ich im Tennis drauf habe.
Sie spielen nach vier Jahren erstmals wieder im Fed Cup ...
Kerber: Es ist einfach nur schön, wieder dabei zu sein. Ich genieße es, ein Teil dieses tollen Teams zu sein, und unsere Teamchefin Barbara Rittner entscheidet, wer spielt. Ich kann im Training nur mein Bestes geben und mich anbieten. Aber egal, wer von uns spielt: Der Fed Cup ist ein Mannschaftswettbewerb, wir sind ein Team und gemeinsam haben wir nur ein Ziel: Gewinnen.
Ihr Motto lautet: Immer nach vorne schauen, nie zurück. Wohin führt Sie Ihr sportlicher Blick nach vorne?
Kerber: Mein Motto hat sich daraus entwickelt, dass ich es in meinen zurückliegenden acht Profijahren nicht so leicht hatte. Ich hatte einige Jahre zwischen Frust und Lust mit vielen Höhen und Tiefen, mit vielen Verletzungen und vielen Erstrunden-Niederlagen. Ich habe nicht wirklich an mich geglaubt und hatte Zweifel und einige Male ans Aufgeben gedacht. Aber ich wollte mich als Person insgesamt weiterentwickeln, und das geht nur, wenn man mit Mut und Kraft nach vorne schaut.
Psychische Stärke allein war aber nicht der Knackpunkt für Ihren Durchbruch bei den US Open vor knapp einem halben Jahr?
Kerber: Nein, der Knackpunkt war meine Fitness. Ich bin jetzt austrainierter, drahtiger als früher und kann viel mehr Matches nacheinander spielen. Selbst wenn ich in einem harten Dreisatz-Match an den Punkt komme, an dem es weh tut, kann ich heute meinen inneren Schweinehund überwinden und alles geben, was ich habe.
Und das haben Sie alles an der Offenbacher Tennis Akademie von Alexander Waske und Rainer Schüttler gelernt und trainieren dort ständig?
Kerber: Ich habe in Offenbach wichtige Impulse für meine Karriere bekommen. Ich trainiere aber nicht ständig dort, sondern nur in bestimmten Phasen.
»Ich bin jetzt austrainierter und drahtiger als früher«
Unter den aktuell erfolgreichen deutschen Tennis-Damen heißt es immer, dass der Erfolg der einen, die anderen motiviert hat ...
Kerber: Ja, das stimmt. Ich bin jetzt die Vierte, die den Sprung in die Weltspitze geschafft hat. Ich kenne die Mädels seit zig Jahren. Wir haben immer miteinander gespielt, ich habe gute Tipps von ihnen bekommen und so wusste ich, dass ich dran bin, dass ich das auch kann, was den anderen geglückt ist. Wir freuen uns bei aller Konkurrenz ehrlich über die Erfolge der anderen, denn der Coup der einen ist für alle anderen ein Ansporn, ebenfalls alles zu geben.
Was wollen Sie an Ihrem Spiel noch verbessern?
Kerber: Ich muss weiter an meiner Fitness arbeiten. Schlagtechnisch ist bei mir eigentlich alles da. Ich kann sehr variabel spielen, aber die Sicherheit und die Konstanz fehlen mir noch.
Wie gehen Sie mit dem ständigen Vergleich mit Steffi Graf um?
Kerber: Mit Steffi Graf kann und wird sich keine von uns vergleichen. Ich bin mit ihr groß geworden. Sie war, als ich mit Tennis begonnen habe, allgegenwärtig und sie war und ist mein Vorbild. Sie ist eine Legende. Was sie erreicht hat, kann man nicht einfach nachmachen, und so geht eine jede von uns ihren Weg.
Wie geht die Fed-Cup-Partie gegen Tschechien aus?
Kerber: Es wird schwierig, doch ich sage: Wir gewinnen 3:2. (GEA)