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Olympia - Felix Neureuther meint, dass die olympische Idee in Zeiten der spitzensportlichen Krise überleben muss

»Mein Traum schon als Kind«

Von Dr. Christoph Fischer

PYEONGCHANG/REUTLINGEN. Felix Neureuther ist intensiv geprägt. Was für ihn, vor allem aber auch für seine Eltern Rosi Mittermaier und Christian Neureuther spricht. »Olympische Spiele sind nach wie vor das faszinierendste Sporterlebnis, das man sich vorstellen kann«, sagt Felix Neureuther. Der seine vierten Olympischen Spiele verpasst, weil im Training das Kreuzband gerissen ist. Und der um sein Comeback kämpft, weil es das noch nicht gewesen sein soll. Neureuther wäre in Pyeongchang 2018 ein Medaillenkandidat im Slalom gewesen. Aber Neureuther schließt nicht aus, dass er es in vier Jahren noch einmal versuchen will. Warum? »Es war schon als Kind immer mein Traum.«

Auf los geht es los: Rennrodlerin Natalia Geisenberger startet in die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang. Das Ziel ist olympisches Gold.
Auf los geht es los: Rennrodlerin Natalia Geisenberger startet in die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang. Das Ziel ist olympisches Gold. FOTO: dpa

Ein kritischer Zeitgenosse

Neureuther ist ein begeisterter Olympionike, ein glühender Verteidiger der olympischen Idee. Und genau deswegen ist Neureuther auch ein überaus engagierter und kritischer Zeitgenosse, der an der olympischen Idee keinerlei Zweifel aufkommen lässt, ganz sicher aber am Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Dass der erste deutsche Präsident des olympischen Zirkels Olympische Spiele in Deutschland nur deshalb verhinderte, weil er in Buenos Aires zum Präsidenten gewählt werden wollte, ist für Neureuther jedenfalls nicht zu weit hergeholt. »Da war jemand sehr clever«, sagte Felix Neureuther im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung.

Und trotzdem will Neureuther, dass die olympische Idee weiterlebt. Weil es keine Alternative zu ihr gibt. Sein ultimatives Erlebnis waren die Winterspiele 2010 in Vancouver, als sich das kanadische Volk hinter Olympia versammelte, nicht nur im Eishockey-Finale zwischen Kanada und den USA, sondern hinter allen, die vor Ort waren. Grenzenlose Begeisterung in einem Land, das erneut den Sport für sich entdeckte, wo die Jugend der Welt willkommen war.

Für die Kanadier war jede Athletin, jeder Athlet ein bewundernswertes menschliches Geschöpf, in des Wortes edelster Bedeutung. Menschen, die »das Feuer aus dem Stein schlagen«, wie das der große deutsche Olympier Willi Daume einmal gesagt hat. Auch Daume war einer, der Olympische Spiele für das Nonplusultra des Sports gehalten hat, der aber nicht erst in seiner letzten Lebensdekade vor einer »tumultarischen Entwicklung des Weltsports« warnte.

Vancouver sei ein Zeichen »von Sportbegeisterung und Fairplay« gewesen, sagt Neureuther, »Vancouver 2010 war so wie Olympia sein sollte«. In Pyeongchang, sagt Neureuther, habe er nicht das Gefühl, dass sich ein vergleichbares Flair auch nur ansatzweise entwickeln könnte. Südkorea sei so wenig eine Wintersportnation wie China, dort finden 2022 die Winterspiele statt. In Peking. Soviel Fantasie kann kein normaler Mensch aufbringen, um sich dort Winterspiele vorstellen zu können.

Schon 2014 in Sotschi begann für Felix Neureuther, der in Pyeongchang für Eurosport das sportliche Geschehen kommentieren wird, die Negativentwicklung. Wenn gigantische Sportstätten und Hotelkomplexe aus dem Nichts entstehen, »für die mit dem Bulldozer die Natur plattgemacht wird, dann verschwinden die olympischen Werte im Schutt«, sagt Neureuther überall, wo er auftritt, zuletzt auch im Aktuellen Sportstudio des Zweiten Deutschen Fernsehens. Das in Sotschi investierte Geld hätte weit sinnvoller in andere Projekte investiert werden sollen, aber Nachhaltigkeit sei dem Internationalen Olympischen Komitee nun einmal vollkommen egal: »Es geht allein um eine gigantische Show und darum, wie viel Geld generiert werden kann.«

Was ist mit der Agenda 2020?

Das würde Thomas Bach natürlich ganz anders sehen. Immer wieder bringt der Präsident seine »Agenda 2020« ins Spiel, in der es doch in erster Linie um die Nachhaltigkeit Olympias geht, um einen olympischen Sparkurs, weil die Kosten allerorts aus dem Ruder gelaufen sind. Und um Naturverträglichkeit und Umweltbewusstsein. Dumm nur, dass die Olympiaausrichter dieser Politik bisher keineswegs entsprechen. Siehe Pyeongchang und Peking.

Die Winterspiele 2018 sollten in Deutschland stattfinden. Und die wären vermutlich umweltverträglicher, kostensparender und umweltbewusster geworden. Aber die Deutschen sollten sie trotzdem nicht. Wie auch alle ins Auge gefassten Spiele in Deutschland danach. Jetzt sprechen sie in Nordrhein-Westfalen von einem neuen Anlauf für ein Sommer-Olympia 2032. Es wird aber viel passieren müssen, um Bürgerinnen und Bürger Deutschlands hinter dem Projekt zu versammeln. Für Neureuther ist klar, dass es ohne radikale Schnitte vor allem im IOC nicht gehen wird. Dass sich in Deutschland eine selbstständige Athleten-Vertretung gegründet hat, passt ins Bild. Die Athleten, die Olympia ausmachen, machen sich unabhängig von den herrschenden Funktionärsbürokratie - und werden entsprechend vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) kritisiert. Wenn sich »Athleten Deutschland« im organisierten Sport etabliert, würde Neureuther mitmachen, »weil es um die Zukunft des Sports geht, nur so schaffen wir wieder nachhaltig Vertrauen«, das viele seit langem verloren haben.

Die Jugend braucht Vorbilder

Dass es der Sport als gesellschaftspolitischer Faktor in Deutschland schwerer hat als jemals zuvor, liegt unter anderen an den Fehlentwicklungen des Spitzensports.

Aber Jugend braucht Vorbilder. Die gab es lange Zeit im Spitzensport. Felix Neureuther ist ein Produkt dieser Vorbilder. Rosi Mittermaier und Christian Neureuther, selbst begeistert vom olympischen Sport, engagiert, aber am Ende doch enttäuscht. Und mittlerweile in kritischem Abstand zu Organisationen wie dem IOC. Aber grundsätzlich immer noch von der olympischen Idee fasziniert. Wie der Sohn, der eine Botschaft senden will an alle, die zweifeln. Olympia sei weiter das größte vorstellbare Faszinosum, sagte Neureuther der Süddeutschen Zeitung weiter.

Neureuther hat festgestellt, es habe in den letzten Jahren »leider eine große Entzauberung stattgefunden«. Davon wird er sich aber nicht beirren lassen, für sich selbst lässt er das nicht zu. Er ist einer, der weiter an Olympia, die Olympischen Spiele und den olympischen Spitzensport glaubt. Die olympische Idee, der Plan von Pierre Baron de Coubertin, muss überleben. Nur anders. Ohne radikale Schnitte wird es nicht gehen. Ehe es auch dafür zu spät ist. (GEA)



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