Weitere Sportarten
Leichtathletik - Carolin Nytra nimmt bei ihrer ersten EM als schnellste Europäerin die Rolle der Gejagten an

»Ich muss die Hürden auffressen«

VON GABRIELA THOMA, ZURZEIT IN BARCELONA

BARCELONA. Manchmal lohnt es sich, ein Pferd von hinten aufzuzäumen, auch wenn es noch so schwer ist. Den Mut und die Willenskraft, genau dies zu tun hat Carolyn Nytra. Die 25-jährige Wahl-Bremerin ist die große deutsche Hoffnung im 100-m-Hürdensprint und startet heute, Freitag, um zehn Uhr mit ihrem Vorlauf in die kontinentalen Titelkämpfe. Dass die Vorzeigefrau des Deutschen Leichtathletik-Verbandes das Finale am Samstagabend erreicht, gilt dabei als ausgemacht.

Dynamisch und superschnell: Carolin Nytra. ARCHIVFOTO: DPA
Dynamisch und superschnell: Carolin Nytra. ARCHIVFOTO: DPA
Gedanken an etwas anderes, womöglich an ein Scheitern, sind schlichtweg verboten. Schließlich hält die stets strahlende Hürdensprinterin seit Anfang des Monats mit 12,57 Sekunden die europäische Jahresbestzeit.

Seither weiß sie ganz genau, wie sich so eine famose Zeit anfühlt, dass sie diese in ihren Beinen hat und vor allem, dass ihr in der ersten Liga nun keiner mehr wegläuft. Doch dieser noch junge Höhepunkt in ihrer Karriere soll nicht der letzte sein, sondern aktuell von einer Medaille bei der EM gekrönt werden.

Damit könnte sie zugleich für einen, wenn nicht gar den Lichtblick in den bislang nicht erfolgsverwöhnten Laufdisziplinen sorgen. Sowohl ihr Trainer Jens Ellrot als auch der Bundestrainer Rüdiger Harksen trauen dies Carolin Nytra fest zu. Auch die Athletin selbst weiß genau, dass sie es »drauf« hat, obschon zehn Hürden eben auch zehn Gefahren bergen. Doch in diesem Jahr hat sie so regelmäßig Zeiten unter 13 Sekunden angeboten, dass sie jederzeit für einen »Knaller« oder »Ausreißer« - so wie sie es nennt - unter 12,80 Sekunden gut ist. So könne sie inzwischen auch gut mit der Rolle der Gejagten leben: »Denn ich kann vom Kopf her gut vorneweg laufen.«

Dafür hat sie sich heuer eigens in vielen Wettkämpfen mit internationaler Konkurrenz gestählt, um vor allem eine Schwäche, die sie noch im Vorjahr bei der Heim-WM in Berlin im Halbfinale scheitern ließ, zu beherrschen. Zusätzlich hat sie sich Hilfe geholt. »Ich habe die Enttäuschung von Berlin verarbeitet und mit einem Psychologen des DLV daran gearbeitet, dass ich nicht mehr zumache, wenn ich spüre, dass die anderen an mich rankommen.« Sie habe gelernt, sich stark zu konzentrieren. Sie sei zuversichtlich, im Gegensatz zu Berlin, als sie zu nervös gewesen sei und zu viel nachgedacht habe, »hier in Barcelona den Kopf im Callroom lassen zu können, denn Ehrgeiz ist meine größte Stärke.«

Genau dieser Ehrgeiz hat dazu geführt, dass die gelernte Bankkauffrau, ihre Karriere genau andersherum gestartet hat, als die meisten anderen Athleten. »Ich bin in Peking 2008 gleich ins kalte Wasser gesprungen. Ich habe also international gleich bei Olympia angefangen und bin dann sofort auch zur WM gekommen und beides Mal im Halbfinale ausgeschieden. Normal baut man ja über eine EM, WM und dann Olympia auf. Ich hab's umgekehrt gemacht, und hoffe, dass es jetzt bei der EM für mich klappt.« Weil sie exzellent startet, eine explosive Sprintqualität sowie feine Technik besitzt, spricht alles für einen Coup der Carolin Nytra. »Ich muss hinten raus die Frequenz und meinen Speed hochhalten und keine Angst haben, auch die neunte und zehnte Hürde noch auffressen zuwollen, dann könnte eine Sechs hinter dem Komma und eine Medaille rausspringen.« Dann könnte sie in die Fußstapfen der EM-Silbermedaillengewinnerin Kirsten Bolm treten. Eine große »mentale Stütze« sei ihr bei dieser großen Aufgabe ihr Freund, der Weitspringer Sebastian Bayer, der sich nach einer Verletzung nicht qualifizieren konnte und deshalb »all seine Kraft ihr schenke«.

In der Rolle der Jägerin fühlt sich unterdessen die zweitbeste deutsche Hürdensprinterin, Nadine Hildebrand aus Kornwestheim, pudelwohl. Die 23-jährige Jura-Studentin der Uni Tübingen kann als Außenseiterin nur gewinnen. Doch um mit Carolin Nytras Lebens-Motto zu sprechen: »Man kann das Leben nur rückwärts verstehen.« Davor jedoch muss es gelebt werden. (GEA)


Seite versenden
 

Multimedia

Sportvideos

Sportvideos
Unsere Kameraleute sind jetzt auf den Sportplätzen der Region für Sie dabei.
lesen »
www.gutefrage.net: Die große Ratgeber-Community für gute Fragen und hilfreiche Antworten

Weitere Fragen und Antworten zum Thema Sport finden Sie auf www.gutefrage.net

Blank