Neues Wettkampfsystem - Wie früh sollen oder müssen Kinder mit der »richtigen Leichtathletik« beginnen?
Pro und Kontra aus der Region
REUTLINGEN. Es geht um die Zukunft der Leichtathletik - das ist unumstritten. Doch bei den Verantwortlichen aus der Region Reutlingen halten sich bei der Beurteilung des neuen Wettkampfsystems für die Kinderleichtathletik positive und skeptische Aspekte die Waage.
Gerd Brenner (Schülertrainer der LAV Tübingen und Lehrwart im Kreis Tübingen): »Ich finde die Abkehr vom reinen Werfen, Springen und Laufen bei Kindern super. Wir haben Teile dieser neuen Inhalte schon seit vielen Jahren in unserem Training integriert.«
Johannes Ferdinand (Trainer im Leistungssport beim VfL Pfullingen und Lehrer am Albert-Einstein-Gymnasium Reutlingen): »Ich stehe den Neuerungen hinsichtlich des Nutzens für die Vereine skeptisch gegenüber und bin eigentlich dagegen, da der Ansatz weggeht von der ernsthaften Leichtathletik. Für die Schule sind sie sicher ein Gewinn. Wenn ich beim VfL Zehnjährige trainiere, sagen die mir: 'Ich will richtige Leichtathletik machen'.«
Barbara Mayer (erfolgreiche Mittelstrecklerin, seit vielen Jahren Trainerin beim LAC Pliezhausen): »Diese Reform ist längst fällig, weil sie sehr motivierend ist. Wir hatten die neuen Inhalte schon im Training der Kinderleichtathletik, diese haben mit dem alten Wettkampfsystem aber nicht zusammengepasst. Die Teamorientierung hat im Zeitalter vieler egoistischer Kinder eine erzieherische Wirkung. Ich bin sehr neugierig.«
Uwe Euchner (seit zig Jahren Trainer der TuS Metzingen): »Ich kann dem neuen Wettkampfsystem für die Kinderleichtathletik mehr positive als negative Aspekte abgewinnen. Gut finde ich den Mannschafts- und Teamgedanken, der in Leichtathletik gegenüber anderen Sportarten meist fehlt. Allerdings dürfen besonders im U 12-Bereich auch die Einzelleistung nicht zu kurz kommen, da sonst den Talenten das Erfolgserlebnis fehlt und diese sich in Richtung anderer Sportarten orientieren. Durch Wettkampfformen wie Zielweitsprung, Zielweitwurf und Übungen, bei denen koordinative Fähigkeiten gefragt sind, können sich auch körperlich noch nicht so weit entwickelte Kinder Erfolgserlebnisse holen.«
Isabelle Baumann (ehemalige Bundestrainerin, arbeitet als Trainerin der LAV Tübingen mit 15- bis 18-Jährigen): »Leichtathletik war noch nie echter Kindersport. Es gibt doch einige Skepsis und Kritik am Neuen. Natürlich brauchen Kinder eine breite Grundausbildung, aber Kinder wollen auch Rückmeldung über ihre eigene Leistung, was im neuen System mit der Teamausrichtung nicht gegeben ist«.
Olaf Fundel (Lehrwart Kreis Reutlingen, Schülertrainer TuS Metzingen): »Das neue Wettkampfsystem ist eine logische Folge der Kinderleichtathletik aus den 90er Jahren. Gewisse Probleme sehe ich bei der Umsetzung. Man muss an der Basis das Umdenken einfordern und dazu auch in die Schulen gehen«
Rainer Haas (langjähriger Trainer und Abteilungsleiter beim TSV Riederich): »Wir sehen die neue Kinderleichtathletik kritisch, weil sie aus unserer Sicht die größeren Vereine bevorteilt, da zukünftig nur Teamwettkämpfe stattfinden. Wir machen ein spielerisches Training, aber Leichtathletik ist im Kern eine Individualsportart. Im Wettkampf wird das neue System wohl für den Ausrichter anspruchsvoller und da sehe ich schwarz, wenn ich unseren Kreis ansehe. Hier reden viele, aber Wettkämpfe ausrichten wollen nur wenige«. (ewa)