Sport
Leichtathletik - Der neue 800-m-Weltrekordler David Rudisha legte die Grundlagen in und um Tübingen herum

Von der Steinlach zum Superstar

Von Ewald Walker

TÜBINGEN. Zwei Weltrekorde in einer Woche: David Rudisha aus Kenia kehrt nach der aufregendsten Woche seiner Karriere in seine zweite Heimat zurück. Sie liegt in der Mallestraße in der Tübinger Südstadt. Schon den zweiten Sommer ist der 21-jährige Kenianer aus dem Stamme der Masai zu Gast am Neckar. Seit zwölf Jahren schon sind regelmäßig vornehmlich kenianische Weltklasseathleten in der Unistadt zuhause.

Zahnpasta-Lächeln: Weltrekordler David Rudisha gestern in Tübingen.  GEA-FOTO: PACHER
Zahnpasta-Lächeln: Weltrekordler David Rudisha gestern in Tübingen. FOTO: Uschi Pacher
Stets lächelnd, mit leiser Stimme redend, sitzt der 1,83 Meter große Ausnahmeathlet auf dem Tübinger Österberg und erzählt von seinem steilen Aufstieg auf den Thron einer der Königsdisziplinen der Leichtathletik, den 800 Metern. Rudisha steht in der Nachfolge der Läuferlegenden Sebastian Coe und Wilson Kipketer. Vor gut einer Woche brach Rudisha im Berliner Olympiastadion, wo er ein Jahr zuvor noch im Regen das WM-Finale verpasste, den 13 Jahre alten Weltrekord Wilson Kipketers. Doch die 1:41,09 Minuten hielten gerade mal sieben Tage. Schon zwei Tage nachdem er in Brüssel die Diamond League gewonnen hatte, folgte Rudishas nächster Paukenschlag im italienischen Rieti: 1:41,01 - erneut Weltrekord.

Wenk ist der »Frontmann«

Keine Frage: der 21-Jährige läuft inzwischen in einer anderen Liga. Die Schallmauer von 1:40 min. scheint für ihn greifbar zu sein. »Ich traue es mir zu«, sagt er scheinbar ohne groß nachzudenken. Zwei Runden in jeweils 50 Sekunden - das war bislang unvorstellbar. Doch Rudisha hat die Grenzen verrückt. Mit jeweils 50 000 Dollar für die Weltrekorde, 40 000 Dollar für den Sieg in der Diamond-League und Prämien von elf Siegen bei elf Saisonstarts ist er innerhalb einer Saison zum Großverdiener im Leichtathletik-Geschäft aufgestiegen.

Der Tübinger Kinderarzt Frieder Wenk, selbst Läufer und Organisator des Stadtlaufs, ist der »Frontmann« für das Unternehmen »kenianische Weltklasseathleten am Neckar«. »Frieder ist ein sehr guter Freund von uns«, sagt Rudisha. Während des Sommers hat die Truppe, die von Templeton behutsam organisiert und gelenkt wird, in Europa hier ihre Basis, von der sie über den nur knapp 30 Minuten entfernten Stuttgarter Flughafen zu ihren Starts in Oslo, Rom, Monaco, Brüssel, Berlin oder Rieti abheben.

Die Erfolgsgeschichte begann 1998 mit der ersten Tübinger Kenianer-Generation um Japhet Kimutai, Hindernis-Läufer Kipkirui Misoi, der mehrmalige Stadtlaufsieger Laban Chege und Bernhard Lagat - alle absolute Weltklasse auf den Strecken von 800 und 5000 Meter. Von hier aus eroberte der Wahlamerikaner Lagat die Laufbahnen dieser Welt. Weil er sich am Neckar überaus wohl fühlte, kaufte sich der »Wahlschwabe« ein Appartement und ist inzwischen mit seiner Familie auf dem Lustnauer Herrlesberg zuhause.

Seit dem letzten Sommer aber lebt eine neue, vielleicht noch stärkere Läuferfamilie in Tübingen. Während Manager James Templeton aus dem Zimmer im Keller seine Geschäfte um Starts und Gagen seiner Schützlinge verrichtet, leben die anderen auf zwei Etagen verteilt.

Weltrekordler Rudisha, Star der Truppe, schläft im ersten Stock. Mittelpunkt des Hauses ist die Küche. Hier laufen die Drähte zusammen, wird Ugalli, die beliebte kenianische Maisspeise gekocht, wird am Herd Chapati, das Fladenbrot gebacken. Die Zeit zwischen den Trainingseinheiten und Wettkämpfen verbringen die Afrikaner vor dem TV. Ihre Dauerläufe absolvieren sie an der Steinlach entlang Richtung Stockach hinaus in die Wälder. Das Tempotraining findet entweder am Sportinstitut statt, oder auf der neuen blauen Bahn am Freibad.

Gelegentlich sind sie in der Stadt unterwegs, schauen bei Frieder Wenk in der Praxis vorbei. »Die Jungs sind sehr freundlich und liebenswürdig«, sagt der 57-Jährige über »seine« Großfamilie. Der Baum im Garten des Kenianerhauses ist inzwischen gefällt worden. Afrikaner brauchen in Europa Sonne - und keinen Schatten. Und sie benötigen ein soziales Gefüge. Zwei bis dreimal fliegen sie während ihres Aufenthaltes zurück nach Kenia: zum Training in über 2 000 Meter Höhe und zum Besuch ihrer Familie.

Party auf der Hochebene

Die nächten großen Ziele sind 2011 die WM im koreanischen Daegu und dann Olympia in London. Die Olympische Silbermedaille, die Vater Daniel 1968 in Mexiko mit der 4x400 Meter-Staffel gewann, ist für Rudisha die größte Motivation. »Wenn du eine solche Medaille in der Hand hast, dann bist du ein kompletter Athlet«, erklärt er. Zur Vorbereitung wird er im Mai 2011 wieder nach Tübingen kommen. »Wir werden hier unsere Tempoläufe machen«, sagt der neue Superstar. Das »Unternehmen 1:40 Minuten« wird gleich nach der Party in Kilgorys auf der ostafrikanischen Hochfläche starten. 50 Rinder will Bruder Benson dafür angeblich schlachten. Rudisha lacht laut und sagt: »Fünf sind doch auch schon eine ganze Menge«. (GEA)


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