Die Kunst, sich neu zu erfinden
VON FRANK PLEYER
Die Königsklasse hat ihren König wieder. Das legt die Frage nahe: War die Formel 1 in den vergangenen drei Jahren ohne Michael Schumacher überhaupt präsent, lebensfähig, schlagzeilen-tauglich?
Ohne Zweifel, wenngleich seit Monaten schon überall der Eindruck erweckt wird, die prestigeträchtigste Renn-Serie liege am Boden und brauche nun förmlich die Rückkehr des Ruheständlers, um wieder positive Nachrichten zu schreiben.
Pustekuchen. Die Szene der Vollgas-Branche ist krisenfest. Das hat sie in all den Jahren seit der ersten Weltmeisterschaft 1950 bis heute immer wieder bewiesen. Weder Todesfälle noch Betrugs-Skandale, Machtkämpfe oder Rebellionen konnten ihrer Faszination Abbruch tun. Wo der Fußball mit nahezu unveränderten, simplen Regeln die Fans in seinen Bann zieht, geht die Königsklasse gerade den umgekehrten Weg. Kein Jahr, in dem das Reglement nicht verändert wird, neue Renn-Strecken im Kalender auftauchen oder irgendein Theater vom Zaun gebrochen wird - Hauptsache, das Spektakel wird immer kräftig angeheizt, die Show geht schillernd weiter.
Aktuellstes Beispiel: Die neue Punkte-Wertung. Zum dritten Mal in acht Jahren wird reformiert, aufgestockt. Das macht keinen Sinn, verwirrt mehr als es nützt - auch wenn nun, bei zehn honorierten Plätzen, die Chance für Hinterbänkler größer ist, etwas vom Prämien-Kuchen abzubekommen.
In diesem Zirkus der Eitelkeiten, dem Forum der (Möchtegern-)Helden und globalen Business-Profiteuren passt das Comeback des Rekordchampions als PR-Gag vorzüglich ins Gesamtbild. Und auch, dass Mercedes in Windeseile einen rein deutschen Rennstall aus dem Boden stampft, lässt aufhorchen.
Die Kunst, sich selbst zu erfinden - die hat die Königsklasse perfektioniert. Dass Michael Schumacher in den Vollgas-Kreisverkehr zurückkehrt, wird nicht die letzte Überraschung aus der Wundertüte Formel 1 sein.
frank.pleyer@gea.de