Motorsport
Formel 1 - Timo Glock und das schwere Los, der Konkurrenz hinterher zu fahren. »Kein verlorenes Jahr«

Der Angestellte des Milliardärs

VON FRANK PLEYER

HOCKENHEIMRING. WM-Punkte wären eine Sensation, Podest-Plätze sind so unwahrscheinlich wie Schneefall im Hochsommer - Timo Glock hat von allen sechs deutschen Formel-1-Piloten derzeit das schwerste Los zu tragen. Beim Neueinsteiger Virgin ist der 28-Jährige zum Hinterherfahren verdammt. Dennoch will der Odenwälder den Kopf nicht in den Sand stecken. »Das ist kein verlorenes Jahr, sondern eines, in dem ich mich weiter entwickeln kann«, sagt Glock vor dem Großen Preis von Ungarn am Sonntag (14 Uhr) diplomatisch.

Dabei lesen sich die nackten Zahlen niederschmetternd. In elf Rennen sah der frühere GP2-Champion nur vier Mal die Zielflagge. Mehr als Rang 18 unter 24 Konkurrenten sprang bisher nicht heraus. »Die Situation ist, wie sie ist. Ich bin voll motiviert«, erklärt Glock.

Was soll er auch anderes sagen? Dabei ist er ganz bewusst vor dieser Runde das Wagnis eingegangen, zu einem neuen Rennstall zu wechseln. Obwohl er - als Toyota-Pilot - seine Qualitäten mit drei Podest-Plätzen eindrucksvoll demonstriert hatte.

Nach dem Rückzug der Japaner gab es mit Renault und BMW-Sauber auch zwei namhafte Teams, bei denen ihm gute Chancen auf ein Cockpit eingeräumt wurden. Doch die Unsicherheit, ob Sauber einen Startplatz erhalten würde, sowie die Hängepartie mit den Franzosen ließ ihn auf die sichere Karte setzen und bei Virgin unterschreiben. Hinter dem Team aus Dinnington steht als Geldgeber Sir Richard Branson. Der charismatische Milliardär, der im Vorjahr noch das damalige Weltmeister-Team Brawn unterstützt hat, kommt immer wieder an die Rennstrecke. »Er ist ganz locker und ganz easy«, beschreibt Glock seine Erfahrung mit einer der schillerndsten Persönlichkeiten des internationalen Jet-Sets.

Geld ist da, aber nicht soviel, dass man einen Windkanal besitzt oder nutzt - wie es bei allen anderen Teams der Fall ist. Das bedeutet, die Wagen von Glock und seines Teamkollegen Lucas di Grassi wurden ausschließlich im Computer entwickelt. Der Deutsche sieht darin keinen Nachteil. »Wenn diese Vorgehensweise bei der Aerodynamik nicht funktionieren würde, wären wir nochmals fünf Sekunden langsamer.«

Vor allem Probleme mit einzelnen Bauteilen ließen das Team in den ersten Rennen auf der Stelle treten. Mal war es das Getriebe, dann der Auspuff oder das Lenkrad, die einen Streich spielten. Hinzu kam ein zu kleiner Tank, weil der Kraftstoff-Lieferant kurzfristig wechselte und nun das neue Gemisch eine höhere Dichte aufwies. Und schließlich hat der Bolide Defizite beim Abtrieb, ohne den hohe Kurven-Geschwindigkeiten nicht möglich sind. »Uns fehlen vielleicht 40 bis 50 Prozent des Abtriebs, den die Top-Teams haben.« Doch geht es bei Virgin langsam bergauf. Weiter-Entwicklungen in der Aerodynamik brachten das Team näher an Lotus heran, neben dem spanischen Team HRT einer der drei Neuen unter den Rennställen.

»Es wäre geil, wenn wir im Qualifying vor Lotus stehen würden«, nennt der Wersauer die Zielrichtung. Und beginnt zu träumen. »Es wäre super, wenn es im Rennen ein Riesen-Chaos gibt und ich in die Punkte fahre.«

Realistischer ist, dass Glock seine Zukunft nicht auf Dauer bei einem Hinterbänkler-Team sieht. Weil er sonst Gefahr laufen würde, für den Rest der Königsklasse schnell uninteressant zu werden - und damit aus dem elitären Zirkus zu fliegen. Der Hesse hat zwar einen mehrjährigen Vertrag mit Virgin, doch gibt es offenbar die Möglichkeit, vorzeitig auszusteigen. »Mal sehen. Ich werde die Augen offen halten«, sagt Glock, lächelt, und hat damit die Bereitschaft zum Absprung mehr als nur angedeutet. (GEA)


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