Handball
INTERVIEW - Der Handball-Bundestrainer über den besonderen Reiz, eine junge und unerfahrene Mannschaft zu formen

Heiner Brand: Unsere Zukunft

Von Gabriela Thoma

REUTLINGEN. Mit Platz zehn und damit dem schwächsten Ergebnis der Geschichte bei einer Europameisterschaft hatte im Januar die deutsche Handball-Nationalmannschaft den Anschluss an die Spitze verloren. Seither tüftelt Bundestrainer Heiner Brand daran, wie er mit seinem Team wieder mehr Erfolg haben kann.

»Die Jungen sind sehr willig.« Bundestrainer Heiner Brand macht trotz aller Rückschläge die Arbeit mit seinen unerfahrenen Handballern nach wie vor viel Spaß. FOTO: DPA
»Die Jungen sind sehr willig.« Bundestrainer Heiner Brand macht trotz aller Rückschläge die Arbeit mit seinen unerfahrenen Handballern nach wie vor viel Spaß. FOTO: dpa
Schließlich müssen für die WM-Teilnahme 2011 in Schweden in diesem Jahr noch die eminent wichtigen Play-off-Spiele gegen Griechenland (12. und 19. Juni) erfolgreich absolviert werden. Über den besonderen Reiz, weiterhin mit einer jungen und unerfahrenen Mannschaft zu arbeiten, unterhielt sich der 57-jährige Erfolgscoach aus Gummersbach im Exklusiv-Interview mit GEA-Sportredakteurin Gabriela Thoma.

GEA: Herr Brand, phasenweise wirkten Sie während der EM in Österreich niedergeschlagen und ratlos. Wie haben Sie den Schock über das sehr schlechte Abschneiden Ihrer Mannschaft verarbeitet?

»Es geht um elementare Dinge, wie Angriffe vorbereitet werden müssen«
 

Heiner Brand: Ich habe die EM ganz gut verarbeitet, obschon Niederlagen nie angenehm sind. Ratlos war ich und habe ich gewirkt, weil aktuell während der EM keine Veränderung unserer Spielweise möglich war. Insgesamt aber kamen für mich die Niederlagen gar nicht so überraschend. Die hohen Ansprüche waren von außen an uns herangetragen worden. Ich hatte schon vorher immer wieder auf die Schwere des Turniers, der Vorrunde und damit auf die Gefahren hingewiesen. In unserer Gruppe waren gleich vier Teams auf dem gleichen Niveau und wir hätten genau so wie die Schweden auch gleich rausfliegen können. Deshalb habe ich keinen Schock erlitten und hielt sich auch mein Ärger über Platz zehn in Grenzen.

Haben Sie nicht zu sich selbst gesagt, das muss ich mir nicht mehr antun, ich schmeiß' den Krempel hin?

Brand: Nein, im Gegenteil. Ich arbeite gerne mit jungen Spielern. Für mich ist der Reiz durch das schlechte Abschneiden bei dieser EM noch größer geworden, diese Mannschaft auf ihrem Weg zu Olympia in London weiterhin zu formen und zu fördern. Schon bei meiner Vertragsverlängerung bis 2013 war mir ja bewusst, dass ich es mit einer sehr jungen und unerfahrenen Mannschaft zu tun haben werde. Und mir macht diese Arbeit trotz der Niederlagen bei der EM sehr viel Spaß. Diese Jungen sind sehr willig. Sie arbeiten gut und schinden sich richtig im Training.

Zu welchen Ergebnissen sind Sie bei der Auswertung der EM gekommen?

Brand: Es war ja die Spielweise, besser gesagt die Art unseres Zusammenspiels, was bei der EM nicht funktioniert hat. Den Jungs ist die Umsetzung der Vorgaben auf dem Spielfeld nicht gelungen. Im Tennis würde man von zu vielen 'unforced errors' sprechen. Es war ein Merkmal der Mannschaft, dass unter Druck zu viele unerzwungene Fehler passiert sind. Es sind nicht alle unsere Spieler die technisch stärksten. Ohne Arbeit und ohne eine gute Vorbereitung geht bei uns das Torewerfen nicht. Dafür müssen wir vor allem gute Spielzüge umsetzen.

Sie haben immer darauf verwiesen, dass Ihnen aufgrund der Termindichte zu wenig Zeit bleibt, um mit der Nationalmannschaft zu arbeiten. Wie sieht's in diesem Jahr aus?

Brand: Wir haben heuer ein paar zusätzliche Einheiten und machen schon jetzt am 16. März in Aarau und dann tags drauf am 17. März in Stuttgart Testländerspiele gegen die Schweiz. Dann starten wir Mitte April beim Vier-Nationen-Cup in Norwegen gegen die starken skandinavischen Mannschaften wie Norwegen, Schweden und Dänemark. Dort startet neben unserer A-Auswahl auch eine ganz junge B-Nationalmannschaft, denn es ist schon lange unser Wunsch, uns breiter aufzustellen und den Auswahlkandidaten möglichst früh viel internationale Spielpraxis zu ermöglichen. Im Mai trommle ich dann noch einmal alle Spieler zusammen mit Ausnahme derer, die in der Champions League spielen. Im Juni folgen die WM-Play-offs und im Juli habe ich aufgrund einer Kooperation mit dem US-Verband und eines Promotionsspiels dort gegen Polen noch einmal für eine Woche alle bei einem Lehrgang an der Universität von Chicago.

Sie haben in Innsbruck angesichts teils haarsträubender Fehler der Spieler gesagt, dass sie künftig geduldig und intensiv auch wieder Grundlagen schulen wollen. Wie soll das aussehen? Arbeiten Sie dafür mit den Bundesliga-Trainern zusammen oder haben die Spieler spezielle Trainingspläne mitbekommen?

Brand (lacht): Grundlagen schulen heißt für mich nicht, dass wir bei den einzelnen Spielern die handballerischen Fertigkeiten grundsätzlich trainieren müssen. Es geht um das Zusammenspiel, um die Feinabstimmung und um elementare Dinge, wie Angriffe vorbereitet werden müssen. Klar werden wir immer mit einzelnen Spielern darüber sprechen, wo ihre Defizite liegen. Zum Beispiel sagen wir, wer seine Beinarbeit verbessern muss. Aber es ist nicht meine Art, den Bundesliga-Trainern besondere Trainingsprogramme für die Nationalspieler mitzugeben. Was zu tun ist, sehen diese selbst. Außerdem sind ihnen in der Alltagsarbeit der Bundesliga auch Grenzen gesetzt. Trotzdem versuchen wir künftig verstärkt, auf einzelnen Positionen mit den einzelnen Spielern zu arbeiten.

Halten Sie für all diese Maßnahmen an den Spielern fest, die bei der EM dabei waren?

Brand: Alle Spieler, die in Österreich dabei waren, zählen weiter zum Kader. Doch ich werde auch andere testen. Das ist aber eine ganz normale Aktion. Außerdem sind einige Spieler zurzeit verletzt wie Michael Kraus. Dafür kehren die bei der EM noch wegen Verletzung fehlenden Pascal Hens und Sebastian Preiß schon jetzt für die Testspiele im März wieder ins Team zurück.

Apropos Michael Kraus: Weder er selbst noch Sie waren mit seiner Rolle bei der EM zufrieden. Ist die Bürde für ihn zu groß, Führungsspieler und Mannschaftskapitän zu sein?

Brand: Michael Kraus genießt weiterhin mein Vertrauen. Ich habe absolut keinen Grund, mir über seine Führungsrolle oder über sein Kapitänsamt Gedanken zu machen und diesbezüglich von der EM irgendetwas mit ihm aufzuarbeiten. Wenn ich aber irgendwann einmal herausspüren sollte, dass diese Rollen für ihn eine Last sein sollten, dann kann ich darüber mal losgelöst von seiner Leistung mit ihm sprechen. Jetzt aber haben wir genug andere Felder zu beackern.

Welche denn?

Brand: Mimi konnte bei der EM keine wirklich vernünftige Leistung bringen, weil er im Vorfeld trotz dauernder Verletzungen und Blessuren im Verein immer gespielt hat. Das heißt, bei der EM hatte Mimi physische Defizite. Aber er lebt als Spieler eben fast ausschließlich von seiner Kraft und Dynamik. Und nur wenn er wirklich fit ist, kann er Führungsspieler sein, weil er dann für die Mannschaft vorneweg marschiert. Er ist nicht so ein vom Kopf gesteuerter Typ wie Markus Baur. Das einzige wirklich Wichtige bei ihm ist, wie er gesund bleibt und somit optimal für die Mannschaft von Nutzen sein und seine Leistung bringen kann.

»Ich habe absolut keinen Grund, mir über Michael Kraus' Führungsrolle Gedanken zu machen«
 

Gab's für Sie eine Entdeckung bei der EM?

Brand: Nein, denn was die Spieler können oder nicht, war ja vorher schon bekannt. Nur so viel: Michael Haaß hat bei seinem ersten internationalen Großereignis seinen Part als Regisseur gut gespielt und auch Außen Uwe Gensheimer hat seine Berufung gerechtfertigt.

Wie gehen Sie jetzt die WM-Qualifikation an?

Brand: Das Gute an der EM war, dass alle gesehen haben, dass wir wieder bescheiden sein und uns auch über Siege gegen die vermeintlich Kleinen der Handballszene wie Slowakei und Tschechien freuen müssen. Damit will ich sagen, die Play-offs gegen Griechenland werden keine Selbstläufer sein. Wir werden uns die Siege wirklich erkämpfen müssen. Doch wir wollen bei der WM unbedingt dabei sein, also setzen wir alles daran, zu gewinnen. (GEA)


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