BAD URACH. Ohne sie geht es nicht, aber zugleich sind Unparteiische oft die Zielscheibe der Kritik: Das geht so weit, dass es im Rahmen von Spielen »Übergriffe auf sie« gegeben habe, wie Hans Artschwager, der Präsident des Handball-Verbands Württemberg (HVW), in Bad Urach erklärte.
Auch aus diesem Grund hat der HVW das »Jahr des Schiedsrichters« ausgerufen. »Ihnen muss der Rücken gestärkt werden«, sagte Artschwager in einer Talkrunde am Rande des internationalen Frauen-Turniers.
Jeder Spielleiter hat schon seine Erfahrungen mit dem Unmut der Zuschauer gemacht. Da lauschte die geladene Sport-Prominenz gebannt, als etwa Jürgen Rieber aus dem Nähkästchen plauderte. Handball-Legende Bernhard Kempa, Sportkreisvorsitzender Karl-Heinz Walter, Ex-Frauen-Bundestrainer Armin Emrich und der langjährige Neuhäuser Meister-Coach Kurt Reusch - um nur einige zu nennen - schmunzelten, als der Referee des Europäischen Handball-Verbands (EHF) berichtete, dass er einmal in seinen Anfängen nach einem Spiel im Auto verfolgt worden sei. Oder dass an anderer Stätte seine Sporttasche »samt Inhalt geduscht wurde«.
Und Elmar Rebmann, der selbst 25 Jahre lang Fußballspiele leitete, schilderte, wie er einmal auf dem Platz einen schlechten Tag hatte. Nach der Partie ging der jetzige Bürgermeister Bad Urachs in die Offensive: Mit seinen Assistenten suchte er vor Ort im Sportheim den Stammtisch auf und entschuldigte sich bei den Anwesenden für seine Leistung. »Damit war das Thema vom Tisch und ich habe später noch ein paar Mal dort Station gemacht.«
Zugleich betonte Rebmann die positiven Erfahrungen aus seiner Zeit als Referee. Er habe viele Kontakte geknüpft, von denen er heute noch lebe.
Weil der Umgang miteinander ein grundsätzliches Thema ist, hatte Ulrich Goll in seinem Referat den Bogen weiter gespannt. Als der baden-württembergische Justizminister und Schirmherr der HVW-Initiative über »Fairplay in Sport. Politik und Gesellschaft« sprach, hob er den Sport als »Integrationsmittel erster Güte« und »ideale Sache in seiner Vorbildfunktion für andere Teile der Gesellschaft« hervor.
Schwierig ist es allerdings für Spieler und Trainer in der Hitze des Gefechts, zweifelhafte Schiedsrichter-Entscheidungen hinzunehmen. Rieber zeigte Verständnis für solche Über-Reaktionen, denn Emotionen würden dazugehören. Da lag er ganz auf einer Linie mit Juniorinnen-Bundestrainer Andreas Schwabe. »Ich kann nicht verlangen, dass die Spielerinnen heiß sind, wenn ich wie ein Lämmchen heranschwebe«, sagte er unter dem Gelächter der Zuhörer. Die Zusammenarbeit von Trainern und Schiedsrichtern sei »eine Herkules-Aufgabe« (Rieber) - gerade auch, weil ein Coach wissen muss, dass sich die Zuschauer von den Reaktionen am Spielfeldrand beeinflussen lassen.
»Wir müssen die Trainer anweisen, dass sie auf die Eltern einwirken«
Problematisch sind demnach drei Punkte: Die Zuschauer würden oft Entscheidungen auf dem Spielfeld kritisieren, weil sie die Regeln nicht richtig kennen, sagte Artschwager. Zudem kämen überzogene und einseitige Reaktionen auf der Tribüne in vielen Fällen von den Eltern der Spieler(innen). »Das ist eines der größten Felder, das wir beackern müssen. Da müssen wir die Trainer anweisen, dass sie auf die Eltern einwirken«, unterstrich der HVW-Präsident.
Hinzu komme, dass die Klubs, die Unparteiische stellen, viel genauer hinschauen müssten, ob die Person für dieses Amt geeignet sei. Um die Position des Referees zu stärken, sollte auch der Deutsche Handball-Bund (DHB) entsprechende Aktionen starten. »Das wäre ein wichtiges Signal von oben.« (GEA)