Fussball
Gericht - Nicht krankenversicherstes Opfer sitzt auf Arztrechnungen. Gefährliche Körperverletzung in zwei Fällen

Zwei Jahre auf Bewährung für ausrastenden Vater

VON FRANK WILD

REUTLINGEN. Seine Mutter brach in Tränen aus. Seine beiden älteren Geschwister, die Ehefrau und sein Sohn sowie zahlreiche Freunde und Bekannte unter den 50 Anwesenden im Reutlinger Amtsgericht wirkten erleichtert. Da ist der 39 Jahre alte zweifache Familienvater nach seinem Ausraster auf der Sportanlage am Ringelbach gerade noch mal mit einem blauen Auge davongekommen. Weil er am Rande des B-Liga-Fußballspiels gegen den SV Gniebel am 3. November 2013 den Spielleiter der TSG Young Boys Reutlingen II, der Mannschaft seines 20 Jahre alten Sohnes, krankenhausreif geschlagen hat, ist der in Reutlingen geborene und im Storlach groß gewordene Türke zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Das Schöffengericht sprach ihn am Mittwoch der gefährlichen Körperverletzung in zwei Fällen für schuldig.

»Ein Fußtritt ins Gesicht – schlimmer geht’s nicht mehr. Das Leben des Opfers hing an einem seidenen Faden«, ging der Vorsitzende Richter Sierk Hamann in seiner Urteilsbegründung hart mit dem Mann ins Gericht. »Wer so etwas tut, muss eigentlich ins Gefängnis.« Dass der Angeklagte nicht hinter Gitter muss, sondern nur drei Jahre Bewährung bekommt, hat der kaufmännische Angestellte, der das Fußballspielen vor über 30 Jahren beim FC Reutlingen begonnen hatte und zuletzt bei den SF gekickt, sowie die Frauenmannschaft des SF/SSV Reutlingen trainiert hatte, dem wohlwollenden Augenmaß von Oberstaatsanwalt Dr. Thomas Trück zu verdanken. Und der Tatsache, dass der Täter sein ruhendes Arbeitsverhältnis in einem Logistikzentrum in Reutlingen, nach Aussage seines Vorgesetzten, sofort wieder aufnehmen kann. Um seine Schulden (200 000 Euro durch die Finanzierung eines Eigenheims) zu tilgen und der finanziellen Entschädigung des Opfers (7 200 Euro) nachkommen zu können.

»Ein Fußtritt ins Gesicht – schlimmer geht’s nicht mehr«
 
Der ausgerastete Spielervater hatte seit der Tat in Untersuchungshaft gesessen. Er konnte den Gerichtssaal nach dem Urteil nun als freier Mann verlassen. Als Auflage bekam er zusätzlich 100 Stunden gemeinnützige Arbeit sowie die Teilnahme an einem Täter-Opfer-Ausgleich aufgebrummt. Urteilsmildernd wurde dem prügelnden Vater angerechnet, dass er bei der Aufklärung des Falles umfassende Angaben zum Geschehen gemacht und sich immer wieder reumütig gezeigt hatte. »Es tut mir leid. Ich weiß nicht, wieso ich das getan habe. Ich hoffe, dass du mir eines Tages verzeihen kannst.« Mit diesen Worten hatte sich der Täter vor Gericht nochmals entschuldigt, nachdem er dem Opfer bereits aus der Untersuchungshaft ein Entschuldigungsschreiben hatte zukommen lassen.

Was war geschehen? Der Angeklagte hatte sich gegen Ende des Kreisliga-Spitzenspiels beim Stand von 2:0 für den damaligen Tabellenzweiten aus Reutlingen gegen die drittplatzierten Gniebeler in eine Handgreiflichkeit an der Seitenlinie zwischen seinem bereits ausgewechselten Sohn und einem unmittelbar zuvor mit Gelb-Rot des Feldes verwiesenen Gegenspielers eingemischt und den Gniebeler mit seinem Fuß ins Gesicht getreten. »Den Rest habe ich nicht mitbekommen, weil ich weitermarschiert bin«, gab das erste Opfer zu Protokoll.

Doch dann ging es erst richtig los. Weil er sich offenbar provoziert fühlte, überstieg der Täter kurze Zeit später erneut die Bande und ging auf den Young-Boys-Spielleiter los. Er streckte ihn ebenfalls mit einem Fußtritt gegen den Kopf zu Boden und trat nochmals auf das bewusstlos auf dem Rücken liegende Opfer ein. »Als ich wieder zu mir kam, waren schon die Polizei und der Krankenwagen da«, berichtete der Betreuer, der seine ehrenamtliche Tätigkeit beim Verein mittlerweile niedergelegt hat.

Im Krankenhaus wurde unter anderem eine lebensgefährliche Hirnblutung diagnostiziert, sowie ein vierfacher Jochbeinbruch. Zehn Tage lag der Mann zur Beobachtung stationär. Dem Fußball hat er nun abgeschworen: »Ich bin nicht mehr so fußballverrückt, wie ich es mal war, und kann meinen Sonntag mittlerweile besser verbringen.« Sein Geschäft war bis 8. Dezember geschlossen, weil er bis zu diesem Zeitpunkt krankgeschrieben war. Den Verdienstausfall hat das Opfer zu tragen. Und Arztrechnungen in Höhe von 12 000 Euro, weil er nicht krankenversichert war.

Richter, Verteidiger, An- und Nebenklage stimmten dem vorgeschlagenen Strafmaß des Oberstaatsanwalts zu, der die Tat (»Gewalt im Fußball«) nicht in eine Schublade mit den Vorfällen im Zusammenhang mit Hooligans stecken wollte. Das hatte auch der anwesende Frank Thumm von der Rechtsabteilung beim Württembergischen Fußballverband im Vorfeld immer wieder klarzustellen versucht. Was den Vorfall aber nicht minder schlimm macht. (GEA)



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