SSV Reutlingen - Nach der Insolvenz-Ankündigung gibt es nur ein Thema. Beim 0:3 in Karlsruhe die Chancen versiebt
Frust und Wut der Spieler groß
Von Frank Pleyer
KARLSRUHE. Auf dem Spielfeld war den Reutlinger Regionalliga-Fußballern am Sonntag nicht anzumerken, dass die Hiobsbotschaft erst zwei Tage alt war. Die 0:3 (0:1)-Niederlage beim Karlsruher SC II spiegelte nicht den engagierten Auftritt der Gäste wider. Nach der Partie im Wildparkstadion aber holte die Spieler in Windeseile die bittere Realität ein: Der Schock, dass der Klub an diesem Montag Insolvenz anmelden wird (wir berichteten), wirkte nach. Das war in allen Mienen ablesbar.
Spielte bei seinem ersten Einsatz nach der Verletzungspause gleich 90 Minuten durch: SSV-Urgestein Andreas Rill (links) beeindruckte mit seiner Dynamik.
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Kapitän Jens Härter schüttelte den Kopf über das Unfassbare. Zwar wussten alle, dass der Verein mit großen wirtschaftlichen Problemen kämpft. Doch war den Spielern gegenüber offenbar bis zuletzt Optimismus verbreitet worden, dass die Schwierigkeiten bewältigt werden könnten. Entsprechend groß war die Verbitterung, als die Bombe platzte.
Offensivspieler Andreas Rill, dessen Herz schon lange am SSV hängt, sprach am deutlichsten die im Team vorherr-schende Meinung aus: »Das tut brutal weh - auch die Art und Weise, wie die Mannschaft Monate lang angelogen wurde«, sagte das Reutlinger Urgestein. Er fordert nach der Zahlungsunfähigkeit des Klubs einen klaren personellen Schnitt innerhalb der Führungsriege: »Wenn diejenigen Charakter haben, die das verbockt haben, treten sie zurück. Es müssen neue Leute her.«
Den Schock verdauen
Der Frust und die Wut sind groß unter den Spielern. Was in der neuen Saison mit ihnen wird, ob sie eventuell für den SSV auch in der Oberliga spielen würden - daran denken sie jetzt noch nicht. »Ich muss nach dem Schock erst mal runterkommen und schauen, was wird«, meinte Mittelfeld-Akteur Fabrice Makiadi. Der 19-jährige Dominik Bentele, der mehrere gute Aktionen gegen die Karlsruher Zweitliga-Reserve hatte, beschrieb die derzeitige Haltung in der Ungewissheit mit zwei Worten: »Mal abwarten.«
Dass das bevorstehende Insolvenzverfahren das alles überlagernde Thema im Mannschaftskreis ist, liegt auf der Hand. »Es ging in den letzten beiden Tagen nur um die Frage: Warum und Weshalb...?«, bestätigte Trainer Roland Seitz. Zumindest drei Gehalts-Zahlungen scheinen für die Betroffenen gesichert. Gelder des Arbeitsamts kommen nun zum Tragen (das sogenannte »Konkursausfallgeld«). Zugleich ist klar, dass die Akteure die restlichen Saisonspiele in eigener Sache nutzen müssen. »Das sind noch 14 Bewerbungsspiele für Mannschaft und Trainer«, betonte Seitz, dessen Vertrag beim SSV nur für die Regionalliga gilt und damit nach dieser Saison hinfällig ist. Wie es mit ihm selbst weitergeht - der Coach hielt sich bedeckt. »Personalien sind derzeit das Unwichtigste von allem.« Denn von jetzt ab hat beim SSV ein Insolvenzverwalter das Sagen. Erst wenn die finanziellen Fragen geklärt sind, ist die Besetzung der Mannschafts- und Trainer-Posten ein Thema. Der Klub braucht unbedingt ein tragfähiges wirtschaftliches Konzept für die Zukunft. Der ehemalige SSV-Spieler Andreas Wahr wird seine Vorstellungen der Klub-Spitze in Kürze vorstellen. An diesem Montag (18 Uhr) wird der SSV im Presseraum des Kreuzeichestadions eine öffentliche Informations-Veranstaltung zur aktuellen Entwicklung abhalten.
Die Nachricht von der bevorstehenden Insolvenz hatte im Übrigen schnell die Runde gemacht. So hörte Ligarivale Stuttgarter Kickers Gerüchte über den Reutlinger K.o. bereits wenige Stunden nach der Ankündigung des SSV.
Rückhalt durch die Fans
Ein unverdienter sportlicher K.o. war die 0:3-Niederlage der Nullfünfer in Karlsruhe. Wer befürchtet hatte, dass die Spieler nach dem Insolvenz-Schock unmotiviert zu Werke gehen würden, sah sich getäuscht. Auch die Anhänger ließen den SSV nicht im Stich. Etwa 80 der 264 Zuschauer kamen aus der Achalmstadt. »Die Fans waren echt toll«, freuten sich Seitz & Co. über die Unterstützung.
Manuel Waidmann (Muskelprobleme) war nicht mit von der Partie, Anton Makarenko (Oberschenkel) fiel frühzeitig aus. Dafür gab Andreas Rill sein Comeback nach der Achillessehnen-Entzündung. Beide Teams erspielten sich jeweils fünf Tor-Chancen. Doch während die Karlsruher drei Mal jubeln konnten durch Christopher Nguyen (5.), Timo Kern (87.) und Max Knorn (90.), vergaben beim SSV - er war in der zweiten Halbzeit das spielbestimmende Team - der agile Bentele (18.), der kampfstarke Rill (64.), Marco Tucci (72./Pfostenschuss) und Marc Hämmerle (72./82.) ihre Möglichkeiten. (GEA)