Fussball Weltmeisterschaft 2014 Brasilien
Interview - Der Chefscout der deutschen Fußball-Nationalelf erklärt seine Philosophie des Fußballs

Urs Siegenthaler über die falsche Neun und die richtige Taktik

Das Gespräch führte Achim Muth

Urs Siegenthaler kann leidenschaftlich über Fußball debattieren. Mit dem 66-jährigen Schweizer, als Spieler mit dem FC Basel mehrmals Meister, sprachen wir kurz vor der Weltmeisterschaft ausführlich über seine Philosophie des Fußballs. Im Interview spricht Siegenthaler über die bisherigen Fehler europäischer Mannschaften bei Turnieren in Südamerika, erklärt die Vorzüge der „falschen Neun“ für das deutsche Angriffsspiel und schwärmt für den portugiesischen Stürmer Cristiano Ronaldo. Von der WM erwartet der Chefscout, den Jürgen Klinsmann 2006 zum DFB geholt hat, kein großes Offensivspektakel: „Seien Sie nicht überrascht, wenn hinten das Tor zugenagelt wird.“

Urs Siegenthaler
Urs Siegenthaler. FOTO: dpa
Frage: Herr Siegenthaler, die WM in Brasilien wird eine WM der Strapazen. Hohe Temperaturen herrschen vor allem in den deutschen Spielorten Salvador, Fortaleza und Recife. Wie werden sich die klimatischen Bedingungen auf die Art des Fußballs auswirken?

Urs Siegenthaler: Es stimmt schon, wir mussten uns ausgiebig Gedanken machen, wie wir in Brasilien Fußball spielen möchten, insbesondere bei den Spielen im äquatornahen Norden. Die Frage ist doch, warum eine europäische Mannschaft in Südamerika noch nie den Titel gewonnen hat. Alle sagen, es geht nicht: Aber warum? Die Frage trieb mich um und deshalb ich habe mir nochmal alle Halbfinal- und Finalspiele angesehen, bis weit zurück in die 70er Jahre.

Und Ihre Erkenntnis?

Siegenthaler: Die Europäer wollten sich in Südamerika immer verwirklichen. Die Engländer wollten so spielen wie in England, die Italiener wie in Italien. Das gilt umgekehrt auch für Argentinien, für Brasilien, wenn sie in Europa spielen. Mein Fazit daraus: Man muss bereit sein, seine Idee vom Spiel auch mal vorübergehend in den Hintergrund zu stellen. Wir müssen mit der Zeit gehen, und jetzt ist WM-Zeit.

Was heißt das konkret?

Siegenthaler: Das heißt, dass die Engländer und allen anderen gut beraten wären, nicht so zu spielen, wie sie es zuhause tun. Bei 43, 44 Grad mittags um ein Uhr hält das keiner durch. Beim Confed-Cup im vergangenen Jahr war es etwa in Fortaleza und Recife so heiß, dass ich mich nicht auf die Schalensitze setzen konnte.

Aber der Ballbesitzfußball der Marke Bayern war ja zuletzt sehr erfolgreich.

Siegenthaler: Bayern München hat eine riesige Spielzeit hinter sich und der Trainer verdient allerhöchste Achtung. Aber Ballbesitz heißt auch, ständig zu agieren. Agieren heißt Bewegung. Bewegung heißt Aufwand. Es geht an die körperliche Substanz. Ballbesitz um des Ballbesitzes wegen, das würde ich nicht als geschickt erachten.

Was bedeutet diese These für das deutsche Spiel bei der WM?

Siegenthaler: Es wird darum gehen, den Ballbesitz mit einem schnellen, guten und zielgerichteten Torabschluss zu beenden. Wir sprechen von Ballprogression.

Haben Sie das Gefühl, dass Joachim Löw Ihre Ansicht teilt und das Spiel umstellt?

Siegenthaler: Wenn ich das Gefühl hätte, nicht gehört zu werden, wäre ich nicht mehr hier. Ich versuche ihm brauchbare Analysen zu liefern, entscheiden muss er. Aber er war ja beim Confed-Cup selbst vor Ort. Er weiß, dass es eine WM der besonderen Umstände wird. Wir sind gut beraten, nicht zu lamentieren, sondern das Turnier so anzunehmen, wie es ist.

Ballbesitz mit einem schnellen, guten Abschluss, das klingt nach einem Fußball, den die deutsche Elf einmal ausgezeichnet hat – und das ist noch gar nicht so lange her.

Siegenthaler: Ganz richtig, dieser Fußball hat uns in der Vergangenheit stark gemacht. Aber Sie wissen ja, wie der Mensch tickt: Wenn er etwas gut macht, stellt sich Zufriedenheit ein und man lässt ein wenig nach. Dann braucht es wieder einen Anstoß. Der Bundestrainer hat ja nicht umsonst Dinge eingefordert, die einmal die Grundlage dafür waren, dass sich Deutschland vor vier Jahren und geraume Zeit danach einen Namen in der Fußballwelt gemacht hat.

Was halten Sie vom frühen Gegenpressing im Stile von Bayern München oder Borussia Dortmund, den Gegner also bereits in dessen Hälfte unter Druck zu setzen?

Siegenthaler: Sehen Sie, wenn wir unter die letzten Acht kommen sollten, treffen wir auf gute Mannschaften, das ist Fakt. Und gute Teams lösen sich aus solchen Drucksituationen. Die Italiener werden sie damit nicht in Schwierigkeiten bringen. Es ist zudem gefährlich, mit sieben, acht Mann anzugreifen. Die ganz guten Teams kommen da raus – und dann geht die Post ab und sie stehen hinten viel zu offen da. Wir müssen uns eine andere Taktik einfallen lassen als zu meinen, wir könnten den Gegner erdrücken. Das wäre eine gefährliche Illusion.

An dieser Taktik arbeiten Sie?

Siegenthaler: Ich bin Analyst, ein Berater. Aber das, was im Fußball geschieht, würde beispielsweise in der Wirtschaft keiner verzeihen. Da gibt es viele Firmen, Weltkonzerne sogar, die eine Entwicklung verschlafen haben. Im Fußball entscheiden oft nur Millimeter, ob der Ball an den Pfosten geht oder ins Tor. Oder da kommt ein Balotelli und haut den Ball ins Winkelkreuz. Haben wir dann alles falsch gemacht?

Aber sind Sie nicht dazu da, um eben diesen kleinen Unterschied auszumachen?

Siegenthaler: Ja, dazu bin ich da. Ich spiele jetzt mal Prophet: Der Fußball bei der WM wird nicht den Weg gehen, den wir uns erträumen. Schauen Sie sich Brasilien an, das erinnert mich an 1958. Hinten vier Abwehrspieler, vorne vier Stürmer, ein Spiel ohne Mittelfeld. Seien Sie nicht überrascht, wenn einige Mannschaften dieses 4-2-4-System spielen werden. Hinten wird das Tor zugenagelt und vorne knallen Neymar, Hulk oder Oscar das Ding dann rein. Das könnte die Spielweise dieses Turniers werden.

Trügt das Gefühl, der Nationalmannschaft sind die Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit im Spiel abhanden gekommen?

Siegenthaler: Es stimmt, und es liegt daran, dass uns gegenüber in der Fußballwelt eine totale Akzeptanz herrscht. Wir sind die Nummer zwei der Weltrangliste. An die Spitze zu gelangen ist im Sport manchmal leichter als die Spitze zu behaupten, weil einen alle jagen. Wir stecken da in einem Lernprozess: Die Rolle, dass wir plötzlich die Favoriten schlagen sollen, müssen wir annehmen.

Der Bundestrainer hat Sami Khedira in den Kader berufen, obwohl er nach einem Kreuzbandriss erst seit kurzem wieder einsatzfähig ist.

Siegenthaler: So eine Persönlichkeit kann viel bewirken. Ein Team braucht Führertypen. Es gibt einen, der in Sachen Empathie beispielhaft ist, es gibt den Mannschaftsclown, es gibt den intelligenten Leader. Bei den Italienern hat Trainer Cesare Prandelli auch Zweifel, ob Andrea Pirlo sieben Spiele durchhält. Eigentlich weiß er jetzt schon, dass Pirlo es nicht schaffen wird. Aber er braucht Pirlo für die Statik des Teams, nicht nur auf dem Platz. Da kann ein Fingerzeig, ein kleines Gespräch mit einem jungen Spieler schon viel bewirken. In diese Kategorie gehört Khedira. Die jungen Spieler schauen auf zu ihm, umso mehr nach dem Sieg in der Champions League.

Und kommt dann ins Spiel, um nochmal neue Impulse zu bringen?

Siegenthaler: Warum nicht? Es wird bei dieser WM extrem wichtig sein, Auswechselmöglichkeiten zu haben, die das Niveau nochmals heben. Ideal wäre es, wenn einer rausgeht und ersetzt wird durch einen, der vielleicht noch stärker ist.

Die hohen Temperaturen in Brasilien werden sich auf die Laufleistung der Spieler auswirken.

Siegenthaler: Absolut. Wobei nicht der Verschleiß das Problem ist, sondern die Erholung. Die Frage lautet: Schaffen wir es, genügend Erholung zu geben. Ein junger Mensch erholt sich am meisten beim Schlafen. Das ist ganz wichtig.

Könnte auch Miroslav Klose einer dieser furchteinflößenden Einwechselspieler sein, die einer Partie nochmal eine Wendung geben können?

Siegenthaler: Ja, das könnte ich mir gut vorstellen.

Erfahrene Spieler müssen demnach nicht auf dem Zenit ihrer Leistungsfähigkeit sein?

Siegenthaler: Für ein junges Team ist es wichtig, dass erfahrene Spieler dabei sind. Einer muss wissen, wie das Siegen geht.

Wieviel Einfluss haben Sie auf die Zusammenstellung des Kaders?

Siegenthaler: Fragen Sie das den Bundestrainer. Ich muss nicht der große Zampano sein, ich muss nicht im Vordergrund stehen. Aber wenn ich in der Diskussion mit Joachim Löw spüren würde, dass kein Echo mehr da ist, würde ich sagen: Danke, das war’s.

Wie weit sind Sie in der Beobachtung der drei deutschen Gruppengegner Portugal, Ghana und USA?

Siegenthaler: Wir sind fertig, die Analysen liegen alle in der Schublade.

Wie oft haben Sie beispielweise die USA gesehen?

Siegenthaler: Sieben oder acht Mal. Für mich ist sogar jedes Training ein großes Erlebnis. Nehmen Sie den argentinischen Trainer Marcelo Bielsa, das ist ein ganz Großer. Er hat eine Mentalität wie Hennes Weisweiler. Er ist der Grund, warum in Argentinien eine Trainergeneration voller Leadertypen nachkommt. Männer wie Bielsa zu beobachten ist wichtig, aber aufwändig. Sonst würde uns die Entwicklung des Fußballs davonlaufen. Das geht zack-zack. Die ganz großen Mannschaften sind schon wieder dabei, die anderen abzuhängen.

Ist das Ihr Ernst? Deutschland ist die Nummer zwei der Weltrangliste.

Siegenthaler: Wir sind dran. Wir haben’s gemerkt. Aber es gibt Mannschaften, die verschlafen die Entwicklung ganz gehörig. Da geht vorne etwas.

Was geht denn?

Siegenthaler: Im Fußball wird zu wenig über Detailarbeit nachgedacht. Nehmen Sie das Umschaltspiel: Schauen Sie mal, was im internationalen Eishockey nach einem Puckgewinn abgeht. Das Gleiche im Handball. Ich habe unseren Spielern neulich eine Szene aus einem Handball-Länderspiel Deutschland gegen Spanien gezeigt. Da hatte der Ball die Hand des spanischen Spielers beim Torwurf noch gar nicht verlassen, da rannte der deutsche Außen schon wieder in einem Höllentempo nach vorne. Das ist es im Übrigen, was Cristiano Ronaldo so auszeichnet. Im Gegensatz zu vielen Stars, hat er noch Fortschritte gemacht.

Welche?

Siegenthaler: Schauen Sie sich seine Tore an, die er erzielt. Phänomenal. Er kommt aus dem Schatten der Verteidiger. Sie müssen erstmal 58 Tore schießen, und zwar nicht gegen Rote Erde Hamm oder Zürich, sondern gegen Manchester, gegen Bayern. Er zieht in einem Spiel nicht fünf-, nicht acht-, sondern 15-mal einen Konter an. Ronaldo läuft auch zehnmal vergebens, er bekommt nicht immer den Ball, aber er läuft. Aktion löst eine Reaktion aus, und das verwirrt den Gegner. Er schießt nicht nur von der linken Seite, auch von der rechten, von der halbrechten. Und dann: Bumm und Tor!

Ist der spanische Fußball noch immer das Vorbild für die deutsche Elf?

Siegenthaler: Die Antwort geben Sie sich doch hoffentlich selbst: Real Madrid ist Champions-League-Sieger, Atlético stand im Finale und ist Meister, Sevilla gewann die Europa League, der FC Barcelona ist Vizemeister. Und jetzt fragen Sie, wer die Nation Nummer eins ist? Die Antwort gebe ich Ihnen nicht.

Im deutschen Team setzt Joachim Löw zunehmend auf das System der „falschen Neun“. Mit Miroslav Klose hat er auch nur einen Stürmer klassischer Prägung im Kader. Ist diese taktische Variante eine echte Alternative oder eher ein notwendiges Übel?

Siegenthaler: Blicken wir mal über die Grenzen: Alle Spitzenvereine sämtlicher Ligen verfügen über Abwehrspieler, die bis 1,95 Meter groß sind. Das sind oft Schränke. Ramos, Kompany, Pepe, die freuen sich doch alle nur darauf, wenn wieder mal eine Flanke aus dem Halbfeld kommt. Die köpfen die Bälle wieder 40 Meter aus dem Strafraum. Da laufen die Stürmer wie gegen eine Wand. Wir müssen also andere Lösungen finden.

Und die sehen Sie in kleinen, wendigen Spielern. Fehlt denen nicht die Durchschlagskraft?

Siegenthaler: Ich würde kleine, wendige Stürmer bevorzugen. Einige Mannschaften werden sich hinten reinstellen, da müssen wir eine Antwort finden.

Aber, so scheint es, ein Mario Götze, ein Mesut Özil, sie nehmen diese Position nur ungern an.

Siegenthaler: Der Bundestrainer wird einen Weg finden, dass Mesut Özil wieder zu seiner Spielfreude findet.

Wenn nicht, könnte das Offensivspiel das deutsche Problemfeld werden.

Siegenthaler: Ich sehe als Neutraler die Entwicklung anders als Sie. Deutschland kam von der Weltranglistenposition 16. Wir hatten keine Idee. Die Situation ist heute eine ganz andere, Wenn Sie wie wir, seit Jahren immer mindestens im Halbfinale stehen, dann ist das eine überragend gute Leistung. Diese Bilanz hat England nicht, hat Frankreich nicht, hat Holland nicht. Irgendwann wird der Bundestrainer diesen Titelerfolg haben, davon bin ich überzeugt. Vieles braucht Geduld. In vielen Nationen ist der deutsche Fußball bereits der Maßstab. Im Ausland werden wir weniger kritisch betrachtet.

Es könnte Ihnen ja auch recht sein, wenn die Erwartungen in Deutschland nicht mehr so hoch sind? Das nimmt ein wenig den Druck.

Siegenthaler: Unser erstes WM-Spiel gegen Portugal ist ja eigentlich finalwürdig. Da spielt der Weltranglisten-Zweite gegen den Dritten. Das ist das Topspiel. Nicht Holland gegen Spanien, da spielt der Neunte gegen den Ersten. Das wird oft vergessen und dann heißt es, jetzt fegt mal Portugal weg. Leute, schaut Euch mal die Realitäten an.

Ist Brasilien Ihr Top-Favorit?

Siegenthaler: So einfach wird das nicht. Ich weiß, wie viel Druck auf die brasilianischen Spieler ausgeübt wird. Dem müssen sie standhalten.

Beim Confed-Cup war zu beobachten, dass Brasilien sehr oft mit taktischen Fouls operiert hat, um den Spielfluss des Gegners zu unterbinden.

Siegenthaler: Ich habe dieses Phänomen sogar bei der FIFA angesprochen. Wenn die Schiedsrichter da nicht durchgreifen bei der WM, dann ist der Pokal schon vergeben. Beim Confed-Cup wurden bis zu 90 Prozent der Gegenstöße von den Brasilianern mit taktischen Fouls unterbunden. Ein kurzes Halten, damit nehmen sie dem Gegner alle Waffen weg. Die FIFA muss das thematisieren, denn es gehört für einen Schiedsrichter Mut dazu, vor 80 000 Zuschauern einem brasilianischen Spieler deswegen zu verwarnen. (dpa)

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