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Aktuell Parksünder

Gibt es auch in Reutlingen »Anzeigenhauptmeister«?

Ein selbsternannter »Anzeigenhauptmeister« verpfeift derzeit täglich Parksünder in diversen deutschen Städten und hat es so zu bundesweiter Bekanntheit gebracht. Was der Leiter des Reutlinger Ordnungsamtes davon hält, wenn Privatpersonen ihre falsch parkenden Mitbürger anzeigen.

Ganz in der Manier des »Anzeigenhauptmeisters« können Bürger auch in Reutlingen Parksünder anzeigen.
Ganz in der Manier des »Anzeigenhauptmeisters« können Bürger auch in Reutlingen Parksünder anzeigen. Foto: Frank Pieth
Ganz in der Manier des »Anzeigenhauptmeisters« können Bürger auch in Reutlingen Parksünder anzeigen.
Foto: Frank Pieth

REUTLINGEN. Gefühlt spottet das halbe Land gerade über den selbsternannten »Anzeigenhauptmeister«: einen 18-Jährigen aus Sachsen-Anhalt, der sich zur Aufgabe gemacht hat, in jeder Kommune Deutschlands mindestens einen Parksünder zu fotografieren und den Behörden zu melden. Nach eigenen Angaben hat er im vergangenen Jahr mehr als 4.000 Falschparker angezeigt. Nachdem eine Spiegel-TV-Dokumentation über das ungewöhnliche Hobby von »Meister Petze« auf YouTube rund fünf Millionen Mal angeschaut worden ist, fragt sich mancher GEA-Leser: Gibt es auch in Reutlingen solche Hilfs-Ordnungshüter?

Die gibt es tatsächlich – zumindest im Miniatur-Format. »Knapp 20 Personen erstatten immer mal wieder Anzeige«, sagt Albert Keppler, Leiter des Reutlinger Ordnungsamts. Unter den knapp 35.000 »Anzeigen von Ordnungswidrigkeiten im ruhenden Verkehr« im Jahr 2023 seien fast 1.900 Privatanzeigen gewesen. Knapp 700 seien weiterverfolgt worden. Zum Vergleich: Der »Anzeigenhauptmeister« hat in seiner 8.000-Einwohner-Heimatstadt im gleichen Zeitraum allein 889 Falschparker gemeldet. Aber: Nur bei 22 Anzeigen wurde auch ein Verfahren eingeleitet. »Es ist normal, dass es ein gewisses Delta gibt«, sagt Keppler, »aber beim Anzeigenhauptmeister ist das Gefälle schon sehr krass«.

Falschparker sind ein Problem in Reutlingen

Anzeigen von Privatpersonen müssen gewisse Qualitätsstandards erfüllen, erklärt der Ordnungsamt-Leiter. »Sie müssen auch gerichtlich durchsetzbar sein, ansonsten werden wir gar nicht erst tätig.« Denn jeder könne Einspruch gegen einen Bußgeldbescheid einlegen und damit den Rechtsweg einschlagen. Deshalb brauche es etwa eine konkrete Beschreibung des Tatvorwurfs sowie Angaben von Tatort, Tatzeit und Zeugen mit vollem Namen. Eine öffentlich einsehbare Liste aller Standards existiert nicht. »Wer sich nicht sicher ist, kann uns fragen.« Die Privatanzeigen erreichen das Ordnungsamt auf unterschiedlichen Wegen. »Eine Person gibt noch handgeschriebene Briefe ab«, sagt Keppler. Andere schicken Mails mit Fotos im Anhang. Anzeigen-Apps, wie sie der »Anzeigenhauptmeister« benutzt, »spielen bei uns keine Rolle«.

 

Vor allem in der Innenstadt sind Falschparker durchaus ein großes Thema. »Alle Städte mit einer gewissen Zentralität haben da Probleme«, erklärt der Ordnungsamt-Leiter. Die Leute fahren ins Zentrum, um dort einzukaufen, Essen zu gehen oder einen Arzt aufzusuchen. Und dann sind da auch noch die Anwohner, die einen Parkplatz brauchen. »Das vom Gemeinderat genehmigte Personal ist gerade noch ausreichend für die Kontrollen«, sagt Keppler. Aktuell sind von 20 Stellen im »Vollzugsdienst im ruhenden Verkehr« aber nur 16 besetzt. Wäre die Stadtverwaltung da nicht dankbar, wenn die Bürger noch mehr Parksünder anzeigen würden?

Reutlinger Ordnungsamt gibt keine Empfehlung

»Wir forcieren Privatanzeigen nicht, unterdrücken sie aber auch nicht«, beschreibt der Amtsleiter die grundsätzliche Haltung der Behörde. Warum will man nicht mehr »Anzeigenhauptmeister« in der Stadt? »Es ist nicht schön, wenn sich die Leute gegenseitig überwachen. Das stört das Zusammenleben.« Man wolle keine Denunziationskultur fördern. »Das gab es in Reutlingen mal eine Zeit lang. Es war keine schöne Zeit.« Deswegen will Keppler auch keine Möglichkeiten aufzeigen, wie Bürger eine Anzeige einreichen können. »Das würde man als Aufforderung auffassen können.«

Andererseits wird auch nicht davon abgeraten, Falschparker selbst anzuzeigen. »Es ist gut, wenn uns Vorfälle gemeldet werden, die einfach nicht gehen.« Für die Verkehrsüberwacher sei es unmöglich, alle 1.200 Straßen in Reutlingen im Blick zu behalten, besonders am frühen Morgen oder am späten Abend. »Unsere Bürger haben ein gutes Gespür dafür, was geht«, findet Keppler. »Es hat sich gut eingespielt, wann sie Anzeige erstatten und wann nicht«. Handlungsbedarf sieht er deshalb derzeit keinen.

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Würde er es trotzdem begrüßen, wenn der »Anzeigenhauptmeister« Reutlingen einen Besuch abstatten würde? Die Achalmstadt fehlt nämlich noch auf seiner Liste, auf der mittlerweile fast 100 Kommunen notiert sind. »Wir brauchen keine Nachhilfe«, sagt Keppler lachend. »Er kann sich gerne andere Städte aussuchen.« (GEA)