GEA-Forum - Michael Pelzer aus der Modell-Gemeinde Weyarn begeistert mit einer neuen Kommunalpolitik

Zukunft der Dörfer: Besser durch Bürgerbeteiligung

VON CHRISTINE DEWALD

ST. JOHANN/REUTLINGEN. »Ich weiß jetzt gar nicht, ob ich überglücklich oder todtraurig sein soll«, meinte ein Besucher des GEA-Forums zur Bürgerbeteiligung am Donnerstagabend in Würtingen am Ende.

Überzeugt von den Stärken einer Mitmach-Kommune: Michael Pelzer, langjähriger Bürgermeister der Gemeinde Weyarn (3 400 Einwohner, 21 Ortsteile).Bürgerbeteiligung à la Weyarn macht Spaß. Jedenfalls hatten die Besucher der von GEA-Lokalchef Roland Hauser moderierten Veranstaltung (unter ihnen viele Kommunalpolitiker und Gemeinderatskandidaten aus der Region) auch einiges zu lachen.
Überzeugt von den Stärken einer Mitmach-Kommune: Michael Pelzer, langjähriger Bürgermeister der Gemeinde Weyarn (3 400 Einwohner, 21 Ortsteile).Bürgerbeteiligung à la Weyarn macht Spaß. Jedenfalls hatten die Besucher der von GEA-Lokalchef Roland Hauser moderierten Veranstaltung (unter ihnen viele Kommunalpolitiker und Gemeinderatskandidaten aus der Region) auch einiges zu lachen. FOTO: Gerlinde Trinkhaus
Überglücklich deshalb, weil Michael Pelzer, langjähriger Bürgermeister der bayrischen Mitmach-Gemeinde Weyarn, ihn und viele andere Zuhörer begeistert hat mit seinem weitreichenden und erprobten Konzept, Kommunalpolitik zur Gemeinschaftsaufgabe zu machen. Todtraurig, weil solche Ansätze in den Gemeinden »schrecklich rar« sind.

Als in Weyarn der Bau einer Schule bevorstand, waren zunächst einmal die Fachleute gefragt: die Kinder. Der Kindergemeinderat – der meist unter dem Vorsitz einer Kinder-Bürgermeisterin und immer im Sitzungssaal des Rathauses tagt – entwickelte Leitbilder fürs künftige Schulhaus. »Wir wollen eine Schule auf der grünen Wiese«, hieß es zum Beispiel. »Wir wollen viel Licht«. Oder: »Wir wollen uns sehen«.

Ein von der Gemeinde bezahlter Profi hatte die Aufgabe, die Wünsche und Interessen der Kinder gegenüber dem Architekten zu vertreten. Und auch Eltern und Lehrer waren sowohl in der Planung als auch beim Bau aktiv beteiligt. Die Schule wurde dadurch nicht etwa teurer, sondern deutlich günstiger als ursprünglich geplant.

Solche Beispiele nannte Pelzer in Würtingen viele. Seit über zwanzig Jahren feilt die Gemeinde Weyarn an ihrem Konzept der Bürgerbeteiligung, das herkömmlichen kommunalpolitischen Entscheidungswegen eine von den Einwohnern getragene Mitmach-Kultur gleichberechtigt an die Seite rückt (das »Modell Weyarn« hat der GEA im Rahmen der Reihe »Dörfer der Zukunft« am 3. Mai ausführlich vorgestellt).

Am Anfang stand für den kommunalpolitischen Quereinsteiger Michael Pelzer dabei die Erkenntnis, dass nicht nur ein kleiner Kreis von Gemeinderäten über die Entwicklung einer Stadt oder eines Dorfes bestimmen sollte, sondern alle, denen dieser Ort Heimat ist. »Wir brauchen ein neues Verhältnis zwischen den demokratisch Gewählten und denen, die mitmachen wollen«, so das Credo Pelzers. Schließlich sei es schon »empirisch dumm«, den versammelten Sachverstand lediglich bei Bürgermeister und Gemeinderat vorauszusetzen.

»Es ist empirisch dumm, Sachverstand nur im Gemeinderat zu sehen«
 

Ein neues Verhältnis zu Bürgerbeteiligung: Das bedeutet in Weyarn, dass sich die Einwohner ihre Mitmach-Themen selbst setzen und nicht nur unverfängliche »Spielwiesen« beackern, die ihnen die Kommunalpolitik großzügig zuweist. Das bedeutet, dass ein Budget zur Verfügung steht, um die Bürger-Arbeitskreise professionell beraten zu lassen, damit Engagement und Idealismus nicht in Frust münden. Das bedeutet, »den Menschen was zuzutrauen«, betont Pelzer: »Misstrauen nimmt jede Motivation.«

Voraussetzung ist, dass die gewählten Entscheidungsträger bereit sind, von ihrer Macht abzugeben. »Der Bürgermeister darf nicht immer im Weg rumstehen«, formuliert Michael Pelzer den Anspruch an seine Berufskollegen, die Zügel auch mal aus der Hand zu geben, sich eher als Ideengeber und Moderator denn als Chef zu begreifen. Weyarns Arbeitskreise tagen ohne den Bürgermeister (natürlich ebenfalls im Sitzungssaal), falls er nicht ausdrücklich eingeladen ist. Ergebnisse werden nicht nur wohlwollend nickend zur Kenntnis genommen – sondern umgesetzt.

»Die Politik muss wollen.« Die von Pelzer genannte Voraussetzung für mehr Bürgerbeteiligung brachte etliche Zuhörer zu der Frage: »Was tun, wenn sie nicht will?« Was tun, wenn engagierte Einwohner eher als »Störfaktor« in den eingespielten Entscheidungsprozessen eines Gemeinderats empfunden werden? Wenn Kommunalpolitiker Bürgerbeteiligung darauf reduzieren, dass Eltern Spielplätze anlegen oder die Leute »Buswartehäuschen anstreichen«, wie die Gomadinger Gemeinderätin Heike Schmidt-Scheub formulierte? Oder wenn – was Reichenecks Bezirksbürgermeister Willi Igel beklagte – die in Zukunftswerkstätten entwickelten Ideen der Bürger ins Leere zu laufen drohen, weil es am eigenen Budget fehlt?

»Der Bürgermeister darf nicht immer im Weg rumstehen«
 
Ein »Rezeptbuch« hatte Michael Pelzer für seine Zuhörer – unter ihnen viele Bewerber für die Kommunalwahl am 25. Mai – nicht parat. Dafür viele überzeugende Argumente, warum sich Bürgerbeteiligung lohnt. Auch rein wirtschaftlich sei ihr Beteiligungskonzept für die Gemeinde Weyarn ein gutes Geschäft, betont Pelzer. Und: Es wird zum Standortfaktor. Weyarner Neubürger haben sich ihre künftige Heimat danach ausgesucht: »Wir wollen bei euch leben, weil ihr anders seid.« (GEA)




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Zukunft der Dörfer - Dörfer der Zukunft

Infoabend zum »Mitmach-Dorf« Weyarn

Zukunft der Dörfer - Dörfer der Zukunft Infoabend Weyarn in Würtingen
FOTO: Gerlinde Trinkhaus
 

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