Über die Alb
Ausstellung - Die Neu-Ulmer Künstlerin Dorothee Herrmann zeigt in der Münsinger Zehntscheuer subtile Arbeiten mit Nadel und Zwirn. Eröffnung am Sonntag

Zartes und Grausames

MÜNSINGEN. Der Titel der Kunstausstellung, die an diesem Sonntag in der Münsinger Zehntscheuer eröffnet wird, sagt schon viel über ihren Inhalt.

Arbeiten von Dorothee Herrmann, darunter diese Installationen, sind bis 19. Februar in der Münsinger Zehntscheuer zu sehen.
Arbeiten von Dorothee Herrmann, darunter diese Installationen, sind bis 19. Februar in der Münsinger Zehntscheuer zu sehen. FOTO: Christine Dewald
»vonderdehnbarkeitdesfadens« pendelt zwischen witzig und schmerzhaft, bis zum Zerreißen gespannt. Zwischen diesen Polen bewegen sich auch die Arbeiten der Neu-Ulmer Künstlerin Dorothee Herrmann, die ihre Bilder statt mit Pinsel und Farbe mit Nadel und Faden gestaltet.

Die Zehntscheuer Münsingen ist in der Kunstszene inzwischen kein Geheimtipp mehr. Kunstschaffende weit über die Region hinaus interessieren sich für eine Ausstellung in den markanten Dachgeschossen des früheren Fruchtkastens. Auch Dorothee Herrmann - 1950 geboren, an der Stuttgarter Kunstakademie ausgebildet - hat sich selbst beworben. Sie zeigt Bilder und Skulpturen, die in die Ausstellungsräume passen wie dafür gemacht.



Pumps und Haifischflossen


Die Holztreppe im Dachspitz zum Beispiel ist nicht mehr nur ein Hindernis im Raum. Sie ist Bühne geworden für ein Trüppchen weißer Pumps, die sich wie eine Schafherde um ihren Fuß drängen. Zwei Schuhe haben es auf die ersten Stufen geschafft. Eine eher finstere Prozession führt an der Treppe vorbei: schwarze Filzobjekte, geformt wie Haifischflossen oder Ku-Klux-Klan-Kapuzen.

Subtile Kunst in den Stockwerken darunter. »Zeichnungen« gestaltet Dorothee Herrmann nicht mit Tusche oder Bleistift, sondern mit schwarzem oder weißem Zwirn, wobei der Schattenwurf zur Wirkung beiträgt. Das Werkzeug Nadel transportiert nicht nur den Faden, sondern perforiert auch das Papier. Feine Muster oder Umrisse entstehen, die in ihrer Zartheit auch Grausames zu berichten wissen. Ein Umriss gleicht dem vietnamesischen Mädchen, das als Napalm-Opfer zum Symbol für Kriegsgräuel wurde. Ein Feld von schwarzen Blumen aus mit der Strickliesel gefertigten Schläuchen zeigt nur eine winzige Spur von Grün. Andere Bilder verführen zum Lachen. Eine Arbeit, interessanter Mix aus Fotografie und Näharbeit, zeigt ein Spiegelei, die Eiweißränder säuberlich umsäumt. Es heißt: »dem jubilar«. (dew)



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