Wasserkraft - Das Land verspricht Fördergelder. Warum und wofür, erläutert der Wasserkraft-Experte Elmar Reitter

Wasserkraft: Energiefluss ohne Stillstand

Von Marion Schrade

GOMADINGEN. Steter Tropfen höhlt den Stein: Mit über 40 Prozent steuern 1 700 Wasserkraftanlagen den Löwenanteil zur Ökostrom-Erzeugung in Baden-Württemberg bei. Noch überraschender: Gerade mal 65 Anlagen fallen mit einer Leistung von über einem Megawatt in die Kategorie der »großen Wasserkraft«. Alle anderen zählen mit weniger als einem Megawatt zur »kleinen Wasserkraft«. In der Summe allerdings haben sie durchaus Potenzial. Das sieht auch Umweltminister Franz Untersteller so: Über ein Förderprogramm will er die technische und ökologische Modernisierung von Kleinwasserkraftwerken bis zum Jahr 2015 mit insgesamt 6,9 Millionen Euro fördern.

Im Jahr 2006 gründeten Elmar Reitter (links) und Karl-Wilhelm Röhm (Mitte) eine private Initiative zur Reaktivierung des alten Pumpwerks an der Lauterquelle in Offenhausen. Rechts im Bild: der Gomadinger Bürgermeister Klemens Betz.  GEA-ARCHIV-FOTO: GEIGER
Im Jahr 2006 gründeten Elmar Reitter (links) und Karl-Wilhelm Röhm (Mitte) eine private Initiative zur Reaktivierung des alten Pumpwerks an der Lauterquelle in Offenhausen. Rechts im Bild: der Gomadinger Bürgermeister Klemens Betz. FOTO: Julie-Sabine Geiger
Ein solches Kleinwasserkraftwerk betreibt auch ein rund 25 Mitglieder starker Förderverein in Offenhausen. 2006 reaktivierte der CDU-Landtagsabgeordnete Karl-Wilhelm Röhm das alte Pumpwerk an der Lauterquelle, in dessen Nähe er selbst aufgewachsen ist. Einen Mitstreiter fand er in seinem Schulfreund Elmar Reitter, Ingenieur und Wasserkraft-Pionier in der Region. Mit relativ wenig Aufwand machten die Männer aus dem stillgelegten Pumpwerk, das in den Jahren 1954 bis 1976 Kohlstetten und den Fohlenhof mit Wasser versorgt hatte, ein kleines Kraftwerk. Mit einer Leistung von fünf KW speist es übers Jahr gesehen 20 000 bis 30 000 Kilowattstunden Strom ins Netz ein: »Genug, um 20 bis 30 Personen in diesem Zeitraum mit Energie zu versorgen«, sagt Elmar Reitter.

»Wenn der Klimawandel Maßstab Nr.1 ist, gibt es zur Wasserkraft keine Alternative«
 

Treibende Kraft ist ein Originalteil aus der Bauzeit des alten Pumpwerks: die Francis-Turbine von 1954, die Elmar Reitter wieder hergerichtet hat. Der Ingenieur aus Rechtenstein plant, baut und betreibt Wasserkraftwerke, zudem ist er Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Wasserkraftwerke in Baden-Württemberg (AWK). Als Lobbyist bewegt er sich im Spannungsfeld zwischen Politik und Naturschutz. Das Erneuerbare Energiengesetz (EEG) steht mit seinen Zielen auf der einen, die Gewässerökologie auf der anderen Seite. Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie gibt vor, dass bis zum Jahr 2015 alle Gewässer der Europäischen Gemeinschaft in einem »guten Zustand« sein sollen. Die Schaffung einer Durchgängigkeit für Fische und Kleinlebewesen einerseits und das Aufstauen von Wasser für die CO2-freie Energieerzeugung andererseits führen zu Konflikten, die den Ausbau der Wasserkraftnutzung erschweren.

Der Landesnaturschutzverband befürwortet den Ausbau der Wasserkraft zwar grundsätzlich, besteht aber darauf, dass die Gewässer weiterhin für Wanderfische wie Aal oder Lachs passierbar sein müssen.

Karl-Wilhelm Röhm indes verweist darauf, dass die kleinen Kraftwerke Querverbauungen zur Stauung nutzen, die nicht neu gebaut werden, sondern längst vorhanden sind. Vor allem in Zeiten der Begradigung von Flussläufen seien solche Staustufen entstanden. Die Kleinkraftwerksbetreiber nutzen nicht nur vorhandene Strukturen zur Ökostromgewinnung, sondern bauen auch Treppen und raue Rampen für die Fische. »Jede Querverbauung, die genutzt wird, ist segensreich«, sagt Röhm. Und: »Wenn man den Klimawandel als Maßstab Nummer 1 ansetzt, dann gibt es zur Wasserkraft keine Alternative.«

Denn Wasserkraft ist, sagt Reitter, »Energie, die den Treibstoff umsonst mitbringt. Wasserkraftwerke bringen es auf 6 000 Volllaststunden im Jahr«, erläutert der Fachmann. Zum Vergleich: Bei der Windkraft sind es hierzulande 2 000, bei der Solarenergie 900. Wasserkraft ist beständig im Fluss: »Deshalb stellt sich das Problem mit Überschuss und Verknappung hier gar nicht«, betont Röhm und denkt dabei an Schwierigkeiten bei Solar- und Windenergie. Auch die öffentliche Akzeptanz sei hoch: »Wasserkraft genießt in der Bevölkerung größere Sympathien als Windkraft«, so Röhm. Sie ist emissionsfrei und hat, im Gegensatz zur Windkraft, nur wenig Potenzial, ein Spekulationsgeschäft zu werden. Der Nachteil der Wasserkraftwerke ist der vergleichsweise hohe Unterhaltsaufwand: Kontrollen und die Säuberung des Rechens etwa sind täglich vonnöten.

»Wasserkraft genießt in der Bevölkerung größere Sympathien als Windkraft«
 
Derzeit werden acht Prozent des Strombedarfs in Baden-Württemberg aus Wasserkraft gewonnen. Eine Verdopplung hält Elmar Reitter technisch für möglich: »Vorhandene Anlagen lassen sich beispielsweise mit weiteren Turbinen oder kleinen Gefälleänderungen auf einen höheren Wirkungsgrad bringen.« Für derartige Modernisierungen - inklusive Gewässerschutzmaßnahmen - sollen die Fördergelder verwendet werden. Umgerechnet auf die 1 700 Wasserkraftwerke im Land sind die knapp sieben Millionen Euro aus Reitters Sicht allerdings kaum mehr als ein »politisches Zeichen«. Viel bleibt da für die einzelnen Kraftwerksbetreiber nicht übrig - zumal längst nicht jeder, der möchte, überhaupt an die Zuschüsse komme.

Zu hoch seien die Hürden bei den Antragsverfahren, kritisiert Reitter, der den Abbau bürokratischer Hemmnisse und höhere Vergütungen für die Ökostromeinspeisung fordert. Er geht davon aus, dass vor allem kommunale Projekte, weniger aber private oder mittelständische Initiativen vom Förderprogramm profitieren werden. Die Fördergrundsätze zur kleinen Wasserkraft stehen auf der Internetseite des Umweltministeriums unter www.um.baden-wuerttemberg. de/servlet/is/102570/ zum Download bereit. Grundsätzlich förderfähig sind nicht nur bestehende Anlagen bis 1 000 KW, sondern auch Konzeptstudien oder Pilotstandorte. Das Antragsformular selbst soll Mitte März folgen. (GEA)

Alte Mühlen zu Kraftwerken: Projekte im Lautertal


41,5 Kilometer legt die Große Lauter auf ihrem Weg von der Quelle in Offenhausen bis zur Donau-Mündung bei Lauterach zurück. Auf dieser Strecke treibt sie acht kleine Wasserkraftwerke an, wie eine Studie des Regionalverbands Neckar-Alb zeigt - ehemalige Mühlen und Pumpwerke, die zur Stromgewinnung umgewidmet wurden. Zu Hochzeiten nutzten 25 Mühlen die Kraft der Lauter. Nach dem Mühlensterben wurden Wasserräder durch Turbinen ersetzt. Um 1880 hatte die Wasserkraftnutzung in Süddeutschland mit 70 Prozent einen überragenden Anteil an der Stromerzeugung. Derzeit liegt die Quote in Baden-Württemberg nur noch bei acht Prozent. Woran liegt das? Zum einen daran, dass die Industrie zunehmend Strom aus fossilen Energien wie Kohle einkaufte. Groß- und ab den 60er-Jahren Atomkraftwerke machten die kleinen Anlagen uninteressant. Auf der anderen Seite ist der geringe Prozentsatz auch darauf zurückzuführen, dass der Strombedarf in den letzten hundert Jahren insgesamt stark gestiegen ist. (GEA)

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