Vorsorge - Im Landkreis Reutlingen häufen sich Fälle von Hantavirus-Infektionen. Eine Impfung gegen Erreger in Mäuseköteln gibt es bislang nicht
Vorsicht beim Putzen
Von Julie-Sabine Geiger
MÜNSINGEN/REUTLINGEN. Seit Anfang des Jahres habe die Zahl der Hantavirus-Infektionen insbesondere in Süddeutschland deutlich zugenommen, informiert das Robert-Koch-Institut in Berlin. 98 Fälle waren bis zum 4. März beim Landesgesundheitsamt Stuttgart gemeldet, erklärt Pressesprecher Dr. Peter Zaar auf Anfrage dieser Zeitung. Neun davon aus dem Landkreis Reutlingen, bislang keiner aus dem Nachbarkreis Tübingen, jedoch jeweils 19 Fälle aus den Ballungsgebieten Stuttgart und Böblingen.
Putziger Virenträger: Rötelmaus.
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»Die Fallzahl ist für die Jahreszeit ungewöhnlich hoch und übersteigt das bisherige Rekordjahr 2007 mit 41 Fällen im Vergleichszeitraum deutlich. Dies lässt hohe Infektionszahlen für die kommenden Monate erwarten«, warnte das beim Regierungspräsidium Stuttgart angesiedelte Landesgesundheitsamt. Seit 2001, mit Inkrafttreten des neuen Infektionsschutzgesetzes, ist die Hantavirus-Infektion meldepflichtig. Einen Impfschutz gibt es bislang nicht, weshalb zu Vorsichtsmaßnahmen (siehe Box) geraten wird.
Plötzlich hohes Fieber
Als Überträgerin des in Europa vorherrschenden Virustyps Puumala ist längst die wild lebende Rötelmaus ausgemacht, die das Virus über ihren Speichel, Kot und Urin ausscheidet. Der Mensch infiziert sich in der Regel durch das Einatmen erregerhaltigen Staubes, also beim Hausputz oder bei Holzarbeiten im Garten oder im Wald. Bisse der nur bis zu 35 Gramm schweren Waldwühlmaus seien die Ausnahme. Die Ansteckung von Mensch zu Mensch sei bisher auch nicht vorgekommen, sagt Peter Zaar,
Bei den meisten Menschen laufe die Hantavirus-Erkrankung wie ein grippaler Infekt ab. Bei plötzlichem hohen Fieber, begleitet von Kopf-, Glieder- sowie Bauchschmerzen wird zum Arztbesuch geraten. Etwa die Hälfte der Betroffenen werde stationär behandelt. Selten seien hierzulande schwere Krankheitsverläufe mit Nierenversagen, das nach einer Dialyse reversibel sei, oder sogar Todesfälle begründet Zaar, warum das Infektionsgeschehen so streng überwacht werde.
Wird die Schwäbische Alb von den Seuchenexperten des Robert-Koch-Instituts schon seit Jahren als Endemiegebiet geführt, sei der im Januar 2010 beobachtete sprungartige Anstieg der Fälle ungewöhnlich, weshalb eine starke Saison vermutet wird. In den meisten Jahren seit 2001 sei dem Erkrankungsgipfel im Sommer ein Rückgang der Infektionen zum Herbst/Winter gefolgt, welcher im vergangenen Jahr jedoch ausgeblieben sei, beschreiben die Mediziner anhand der Statistik.
Erklärt wird das Phänomen mit der Entwicklung der Mäusepopulation und ihrer Durchseuchung. Die Bedingungen für die Rötelmaus seien im vergangenen Herbst mit einer starken Buchenmast (viele Bucheckern) besonders günstig gewesen. Die lang geschlossene Schneedecke schützt die Tiere vor strengem Frost und natürlichen Feinden.
Der Name Hanta geht auf den Fluss Hantaan in Korea zurück. Während des Koreakrieges Anfang der Fünfzigerjahre erkrankten mehr als 3 000 Soldaten an einem schwer verlaufenden hämorrhagischen Fieber. Das 1977 isolierte Virus erhielt später den Namen »Hantaan«. Hantaviren sind weltweit verbreitet. (GEA)
Wie man sich vor Hantaviren schützen kann
Das Risiko einer Ansteckung durch Hantaviren besteht für die Experten vom Landesgesundheitsamt bei folgenden Tätigkeiten:
Kontakt mit Mäusen oder deren Ausscheidungen, auch im staubtrockenen Zustand. Bei Holzarbeiten im Wald oder im häuslichen Umfeld. Beim Frühjahrsputz in Garagen, auf dem Dachboden, in Kellern, Gartenhäuschen, Waldhütten oder Schuppen, vor allem, wenn Staub aufgewirbelt wird.
Mit folgenden Schutz- und Präventionsmaßnahmen kann das Ansteckungsrisiko verringert werden:
Vor dem Kehren und Staubwischen die Flächen befeuchten. Mäusekadaver und Exkremente vor der Entsorgung mit handelsüblichem Desinfektionsmittel benetzen. Atemschutz tragen (Feinstaubmasken gibt's im Baumarkt). Nach der Arbeit die Kleidung wechseln, keinen Staub in die Wohnung tragen. (GEA)