Erinnerung - In Münsingen werden in der kommenden Woche zwei Stolpersteine für Nazi-Opfer verlegt

Verdrängtes zurück in der Stadt

Von Christine Dewald

MÜNSINGEN. Verbrechen aufzuarbeiten, ist eine Aufgabe für mehrere Generationen. Das zeigt das Schicksal zweier Nazi-Opfer aus Münsingen. Über das Unrecht, das dem Trailfinger Lehrer An-dreas Bückle und der jüdischen Münsinger Arztwitwe Särle Levi angetan worden war, wurde viele Jahrzehnte lang nicht gesprochen. Erst die Enkelgeneration hat sich dieser Vergangenheit gestellt - im Gedenken, in der Versöhnung.

Das Münsinger Arzt-Ehepaar Julius und Sara Levi mit seinem Sohn Hans.
Das Münsinger Arzt-Ehepaar Julius und Sara Levi mit seinem Sohn Hans.
In der kommenden Woche wird die Erinnerung an Andreas Bückle und Särle Levi zurück in die Stadt geholt. Vor ihren früheren Wohnhäusern werden künftig kleine Messingtafeln, in den Boden eingelassen, auf ihr Schicksal aufmerksam machen - Teil der Stolperstein-Aktion des in Köln lebenden Künstlers Gunter Demnig, der bundesweit bereits an mehr als fünfhundert Orten viele Tausende solcher Tafeln verlegte. In der Region sind Stolpersteine bislang rar. Im Landkreis liegt lediglich in Bad Urach einer, der an Dr. Georg Goldstein erinnert, den Bauherrn des »Hauses auf der Alb«.

Aus dem Vergessen

Die Stolpersteine holen die Opfer aus der Anonymität, aus dem Vergessen. Über das Schicksal von Andreas Bückle, der am 17. November 1889 in Trailfingen geboren und am 5. August 1940 in Grafeneck ermordet worden war, hatten die Angehörigen jahrzehntelang geschwiegen. Erst sein in Hamburg lebender Großneffe Ludwig Tampe hat vor zwei Jahren begonnen, sich mit dem traurigen Leben des Lehrers zu befassen, der über den schockierenden Erlebnissen des Ersten Weltkriegs psychisch krank geworden war und nach einer jahrelangen Odyssee durch verschiedene Krankenhäuser und Heilanstalten nach Grafeneck »verlegt« wurde. Dort fiel er der sogenannten Euthanasie-Aktion der Nationalsozialisten zum Opfer.

Tampe hat bei seinen Recherchen viel darüber herausgefunden, wie die Nazis ihre Verbrechen zu verschleiern versuchten. Den Angehörigen war mitgeteilt worden, Bückle sei in Österreich an Grippe und Gehirnhautentzündung gestorben. Und die Urne, die mit seinem Namen am 18. Oktober 1940 in Trailfingen beigesetzt wurde, enthielt vermutlich die Asche eines anderen Toten.

Auch das Schicksal von Sara »Särle« Levi, der Witwe des jüdischen Arztes Julius Levi, war in Münsingen lange kein Thema. Nach der Emigration ihres Sohnes 1935 und dem Tod ihres Mannes zwei Jahre später allein geblieben, lebte Särle Levi im Nazi-Deutschland unter zunehmend bedrückenden Bedingungen.

Tod in Theresienstadt

Nur einige beherzte Münsingerinnen hielten zu ihr. Im August 1942 ist die 70-Jährige zusammen mit einer Gruppe von Juden aus Buttenhausen nach Theresienstadt deportiert worden. Dort ist sie am 10. Juni 1943 unter ungeklärten Umständen gestorben.

Erst vier Jahre ist es her, seit die in den USA lebenden Enkel des Münsinger Arzt-Ehepaars zum ersten Mal den Kontakt in die Heimat ihrer Vorfahren suchten. Angestoßen hatte das Elisabeth Kraft, deren Mutter die jüdische Arztwitwe in ihren letzten Lebensjahren unterstützt hatte. Ursula Karelsen und Nichol-as Steiner haben Münsingen besucht, einmal, dann wieder. Als die Levi-Enkelin Ende 2007 starb, ist sie sogar hier begraben worden. Ihr Bruder Nicholas und seine Kinder Mark und Nadine werden zur Verlegung des Erinnerungssteins an ihre Großmutter und Urgroßmutter erneut nach Deutschland und auf die Alb reisen.

Anlässlich der Stolperstein-Verlegung ist im Rathaus Münsingen von 16. September bis 10. Oktober eine Sonderausstellung zu sehen. An Andreas Bückle erinnern hinterlassene Schulbücher, pädagogische Schriften und Fotografien aus dem Familienarchiv. Von der Arztfamilie Levi sind Fotografien und Gegenstände aus ihrem Haushalt zu sehen. (GEA)



Das könnte Sie auch interessieren
Regionen

Wählen Sie Ihre Region

Karte mit einzelnen Regionen Tübingen Reutlingen Pfullingen Eningen Lichtenstein Über der Alb Neckar und Erms
Mitarbeiter gesucht!
  • Stellenanzeigen werden geladen...


Schnee erschwert Bergung nach Flugzeugabsturz mit drei Toten

Ravensburg (dpa) - Nach dem Absturz eines Kleinflu... mehr»

Deutliche Mehrheit ist für den Videobeweis im Fußball

Trotz aller Kritik ist ein Großteil der deutschen Fußball-Fans für den Einsatz des Videobeweises. Foto: Rolf Vennenbernd

Frankfurt/Main (dpa) - Trotz massiver Kritik in de... mehr»

Fassaden-Montage läuft auf Hochtouren, dauert aber etwas länger als geplant

**REUTLINGEN. **Ob nun zu 99 Prozent, wie Architek... mehr»

Vier-Punkte-Spiele

**REUTLINGEN. **In Sindelfingen kommt es zum Krach... mehr»

LINIENFÜHRUNG DES BUSSES

So soll der Quartiersbus fahren:Rommelsbach Mitte-... mehr»

Aktion

Zeitungspaten gesucht

Zeitung lesen macht schlau! Setzen Sie sich als Zeitungspate dafür ein, dass alle Kinder und Jugendlichen einen kostenlosen Zugang zur Tageszeitung haben.
lesen »
Aktuelle Beilagen