Biosphären-Wohlfühlwelt - Der ehemalige Nudelfabrikant Franz Tress will im Alten Lager ein Leuchtturmprojekt verwirklichen

So will »albgut« im Alten Lager Münsingen starten

VON ULRIKE OELKUCH

MÜNSINGEN. Elftausend laufende Meter Regenrinnen und Fallrohre: Franz Tress hat sie noch rechtzeitig vor dem ersten Wintereinbruch auf der Alb auf mögliche Schäden kontrolliert. Mitsamt den Dächern jener mehr als 140 Gebäude im Alten Lager, die seit wenigen Wochen ganz allein ihm gehören, dem ehemaligen Nudelfabrikanten, der sich aus dem Berufsleben zurückgezogen hatte auf sein Schloss »Albgut« und jetzt von hier aus aktiver ist denn je.

Franz Tress hat als neuer Besitzer des Alten Lagers jetzt die Schlüsselgewalt über die ehemalige Militäranlage vor den Toren Münsingens. GEA-FOTO: OELKUCH
Franz Tress hat als neuer Besitzer des Alten Lagers jetzt die Schlüsselgewalt über die ehemalige Militäranlage vor den Toren Münsingens. FOTO: Ulrike Oelkuch
Franz Tress, 65 Jahre alt, hat am Tag der Deutschen Einheit, am 3. Oktober also, das rund 70 Hektar große Areal der früheren Militäranlage mit ihren zum größten Teil denkmalgeschützten Gebäuden am Rande des einstigen Truppenübungsplatzes in seinen Besitz gebracht – für einen Betrag, über den in der Stadt viel spekuliert wird. Denn über den Preis schweigt sich Franz Tress genauso beharrlich aus wie darüber, wer seine Mitakteure sind, die ihm helfen sollen, seinen Traum von der gelebten Biosphäre »albgut« im Alten Lager zu verwirklichen, die dem Vernehmen nach rund 25 Millionen Euro kosten soll.

»Meine Mitgesellschafter bleiben im Hintergrund. Das meiste mache ich«, sagt Tress. Und auch, dass er trotz dieses gewaltigen Objekts, das er sich da an Land gezogen hat, um ein touristisches Leuchtturmprojekt daraus zu entwickeln, noch immer gut schlafen könne.

»Ich möchte was bewegen, das inspiriert mich«, berichtet Franz Tress, dass er sich unmittelbar nach der Vertragsunterzeichnung mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, Bima, im Alten Lager ans Werk gemacht und tagelang Haus für Haus seines neuen Besitzes abgeklappert, Dächer bestiegen, Fensterscheiben kontrolliert und dabei über 2 000 Fotos für eine Dokumentation geschossen habe. Anhand der sollen nun den Winter über drei von ihm neu eingestellte Voll- und drei Teilzeitkräfte zusammen mit Fachfirmen eventuelle Schäden an der Immobilie aufarbeiten.

»Die Leute sollen hier Old Germany erleben dürfen«
 

Tress selbst brütet derweil schon wieder über seinen Plänen für eine Biosphären-Wohlfühlwelt, die die vorhandene Militärtristesse ablösen soll. Auch schaut er sich gerade nach einem Städteplaner um, der ihm einen Flächennutzungs- und Bebauungsplan erarbeitet, vor dessen Genehmigung durch die Behörden kein Stein in dem unter Denkmalschutz stehenden Ensemble im Alten Lager bewegt werden darf.

Längst hat der Macher auch seinen Kontakt zur Stadt intensiviert. Von ihr braucht er das O.K., um beginnen zu können. Und er braucht die Kommune auch, um an öffentliche Gelder heranzukommen. Der ehemalige Fabrikant ist immer noch dabei, seine neu erworbene Liegenschaft nach und nach besser kennenzulernen: »Zu Militärzeiten war ich dort nie«, sagt Tress, der sich inzwischen auch durch Berge von Schlüssel für sämtliche Türen im Alten Lager arbeiten konnte. Und durch mehr als 40 Mietverträge, die mit allen möglichen Nutzern bereits zu Bima-Zeiten abgeschlossen worden sind.

Gekündigt hat Tress noch keinen seiner Mieter. Dass die vom Landratsamt in frühere Offiziersunterkünfte einquartierten Asylbewerber bereits im April wieder ausziehen müssen, war gleich von Anfang an so vereinbart.

Diese zum Großteil in gutem Zustand befindlichen und vom Landkreis erst kürzlich mit zusätzlichen Feuertreppen ausgestatteten Gebäude will der »albgut«-Chef schon von Mai an als Gästehäuser nutzen. Denn im ebenfalls noch mit öffentlichen Geldern sanierten »MM 1«, dem früheren Offizierscasino, werden dann schon die ersten Hochzeitsfeiern und andere Feste stattfinden.

Den Charme der Offiziers- und der einfacheren Soldatenunterkünfte sollen später auch solche Gäste genießen dürfen, die Urlaub machen wollen in diesem Leuchtturmprojekt mitten im Biosphärengebiet Schwäbische Alb.

Während das »albgut« jedoch noch in den Kinderschuhen steckt, müssen die so lange nicht gebrauchten Lagerhallen auch nicht leer stehen. Und darf die Kreisverkehrswacht Reutlingen-Münsingen ihr selbst ausgebautes Bürogebäude im Alten Lager ebenso behalten wie die Automobilindustrie den Place de France sowie jene Verwaltungsgebäude, die sie seit Jahren schon angemietet hat. Gut und dauerhaft zum »»albgut«-Konzept von Franz Tress könnte auch die Lifestyle- und Verbrauchermesse »schön & gut« passen. Für deren Besucher will der neue Hausherr bis zum nächsten Mal jedoch wieder eine unkompliziertere Zufahrt schaffen.

Sorgen, dass er mit seinem Konzept völlig falsch liegen könnte, quälen Franz Tress nicht. Er ist überzeugt davon, dass die Leute Interesse haben werden an einer Kaffeerösterei mit Nostalgiecafé im Stil des 19. oder 20. Jahrhunderts, oder an einem Kunsthaus, in dem – getragen von einem Kunstverein – Wechselausstellungen stattfinden sollen. Und genauso begeistert sein werden von einem Schau-Bauernhof, der mit vom Aussterben bedrohten Tierrassen auf Information und Erlebnis ausgerichtet sein werde und nicht auf Erwerb.

Das von ihm neu belebte Alte Lager werde interessant auch für Besucher, die sonst nie auf die Idee kommen würden, Münsingen anzusteuern, sagt Tress. Also auch für Gäste aus dem Ausland, die hier ein Stück »Old Germany« erleben und denen er in einer Gläsernen Produktion alle Schritte der Wollgewinnung und -verarbeitung aufzeigen möchte: Angefangen vom Schaf bis zum schicken Pullover. Und das Ganze genauso beim Flachs, der früher mal auf der Alb angebaut wurde und in so mancher Bauernkate zu edler Tischwäsche für feine Leute verwoben worden ist.

»Wir wollen hier der Wegweiser zu allen anderen sein«
 

Franz Tress sieht sein »albgut« daher auch nicht als mögliche Konkurrenz zu bestehenden Ferienanlagen oder Hotelleriebetrieben auf der Alb. Stattdessen strebt er eine Zusammenarbeit mit sämtlichen Biosphärengemeinden und -städten an, die sich bei ihm im Alten Lager mit all ihren Angeboten präsentieren sollen und sagt: »Wir wollen hier Wegweiser sein zu allen anderen.«

Erste Teilbereiche des riesigen Areals hofft der Unternehmer bereits im kommenden Jahr dem sicher gespannten Publikum öffnen zu können. Den ganzen Winter über werden seine Mitarbeiter jedenfalls hauptsächlich damit beschäftigt sein, all die unzähligen alten Fensterläden der Gebäude ins Trockene zu holen, um ihnen einen neuen Anstrich zu verpassen. Danach, so Tress, »sieht das alles schon mal viel freundlicher und einladender aus«. Und bereits in zwei, drei Jahren könnte es weit mehr sein, was die Menschen im Alten Lager begeistert, als nur mit dem Denkmalamt abgestimmte Farbtöne. Doch: Bis dahin gibt es noch einiges zu tun. (GEA)



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