Freilerner - Junge Erwachsene tauschen anlässlich des Internationalen Tags der Bildungsfreiheit Erfahrungen aus

Selbstbestimmt Leben und Lernen

MÜNSINGEN-TRAILFINGEN. Sie sind jung und neugierig. Sie wollen ihr Leben nutzen, um schlau zu werden. »Das Lernen ist ein Beiprodukt des Lebens«, sagt Juri mit Bestimmtheit. Seine Freunde und er - alle zwischen 17 uns 20 Jahre alt - haben es ausprobiert: Keiner von ihnen hat die in Deutschland geforderten zwölf Pflichtschuljahre absolviert. Laura ist sogar nur ein Jahr zur Schule gegangen. Die zehn jungen Menschen haben sich jetzt eine Woche lang in Trailfingen getroffen, um ihre Erfahrungen auszutauschen. Sie alle sind sogenannte Freilerner und bewusst nicht zur Schule gegangen. Im Umgang mit »Experten des Alltags« haben sie Wissen und Erkenntnisse sammeln.

Ihre gemeinsamen Interessen entdeckt haben sie bei Treffen von Freilerner-Initiativen in ganz Deutschland. Noch ist die »Szene« klein, viele Familien kennen sich. Der Austausch über Erfahrungen mit Schulen und Behörden ist für wichtig. Schließlich müssen sie - weil sie sich abseits der Legalität bewegen, wenn sie ihre Kinder von der Schule fernhalten - permanent mit Bußgeldbescheiden oder gar Gerichtsverfahren rechnen.

Die Brüder Immanuel und Juri sind in Trailfingen aufgewachsen. Ein leer stehendes Haus, das ihren Eltern gehört, dient der bunt zusammengewürfelten Schar Jugendlicher aus der ganzen Republik und aus Frankreich als Treffpunkt. Wenn sie gerade nicht diskutieren oder an geplanten Aktionen feilen, packen sie bei der Renovierung des Gebäudes mit an. Sie sind überzeugt, nicht schlechter auf das Erwachsenenleben vorbereitet zu sein, als ihre Altersgenossen, die zur Schule gegangen sind. Juri beginnt nächstes Jahr mit dem Studium. Aus freien Stücken hat er von der 7. Klasse an eine freie Schule, später eine Realschule besucht und hat schließlich sogar Abitur gemacht.

Ihnen liegt es am Herzen, dass »selbstbestimmtes Leben und Lernen« allen erlaubt sein soll, die sich für diesen Bildungsweg entscheiden. »Die Schulpflicht ist einst eingeführt worden, um der Verwahrlosung von Kindern entegegenzuwirken«, sagt Immanuel. Heute stünden die Behörden vor dem Problem, dass sie nicht unterscheiden dürften zwischen Familien, die nach bewusster Entscheidung gegen das etablierte Schulsystem ihr Kinder daheim behalten, und solchen, die sich schlicht nicht um das Wohl ihrer Kinder kümmern, meint Malchus. Deshalb müsse die Politk sich des Themas annehmen.

Die deutsche Gesetzgebeung sei mit die Restriktivste in Europa. In Österreich gebe es nur eine Bildungs-, aber keine Schulflicht, sagt Manuel. In Irland sei es sogar ein in der Verfassung verbrieftes Recht, sich für das freie Lernen zu entscheiden, weiß Helge. Hierzulande müssen Freilerner-Familien dagegen mit Bußgeldbescheiden rechnen. Doch es gibt Ausnahmen, so etwas spricht sich in ihrem Kreis schnell herum. »Es haben auch schon einzelne deutsche Schulämter Ausnahmegenehmigungen erteilt, wenn sie feststellten, dass es den Kindern gut geht, auch wenn sie nicht in die Schule gehen«, berichtet Juri. Es gebe aber auch Familien, die aus Furcht vor Repressalien ausgewandert sind.

»Alle Kinder haben einen natürlichen Wissensdrang«, weiß Laura. Deshalb sei es unproblematisch, ihnen ohne Druck und Notenstress Wesentliches zu vermitteln. Sie alle sind überzeugt, dass eines Tages die Schulpflicht fallen wird. Und dafür setzen sie sich ein, zum Beispiel heute, wenn in Stuttgart der Internatioanle Tag der Bildungsfreiheit mit einem Bildungspicknick gefeiert wird. (GEA)



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