Geschichte - Die Erinnerungsstätte in Matthias Erzbergers Geburtshaus hat ein neues Ausstellungsstück bekommen

Relikte aus dem Alltag des Politikers

VON MARION SCHRADE

MÜNSINGEN-BUTTENHAUSEN. Matthias Erzberger. Buttenhausens berühmter Sohn. Aus einfachen Verhältnissen aufgestiegen zum Abgeordneten und Finanzminister. Wegbereiter der deutschen Demokratie. Schließlich Feindbild und Opfer rechter Nationalisten, die ihn am 26. August 1921 mit acht Pistolenschüssen ermordeten. Erzberger muss ein Unermüdlicher gewesen sein, »ein Vielredner und Vielschreiber«, wie Münsingens Bürgermeister Mike Münzing ihn charakterisiert.

Tisch, Sessel und Lampe standen in Matthias Erzbergers Berliner Wohnung, aus dem Nachlass seiner Tochter Gabriele kamen sie nun nach Buttenhausen.  FOTO: SCHRADE
Tisch, Sessel und Lampe standen in Matthias Erzbergers Berliner Wohnung, aus dem Nachlass seiner Tochter Gabriele kamen sie nun nach Buttenhausen. FOTO: SCHRADE
Mehrere Tausend Briefe dürfte Erzberger im Jahr erhalten haben, schätzt der Historiker Dr. Christopher Dowe. Möglich, dass er die Antworten auf dem Tisch schrieb, der seit gestern die Ausstellung im Erzberger-Haus in Buttenhausen ergänzt. Samt Ledersessel und Lampe stand er in Erzbergers Berliner Wohnung, nachdem er 1903 in den Reichstag gewählt worden war. »Weil es dort keine Abgeordnetenbüros gab, wird er einen Teil seiner Korrespondenz zu Hause erledigt haben«, sagt Dowe.

Nachlass der Tochter in Stuttgart

Dowe, Mitarbeiter am Haus der Geschichte in Stuttgart, muss bei aller Wissenschaftlichkeit manchmal auch im Bereich des Spekulativen und Wahrscheinlichen bleiben: Viel Greifbares hat Matthias Erzberger nicht hinterlassen. Sein Nachlassverwalter hat persönliche und politische Dokumente Erzbergers 1933 verschwinden lassen, damit sie nicht in die Hände derjenigen gerieten, die in ihm ihr Feindbild verkörpert sahen. Die rechten Nationalisten hassten Erzberger, weil er den Vertrag zum Waffenstillstand in Compiègne unterzeichnet hatte. Der Verständigungsfrieden des Ersten Weltkriegs war in ihren Augen Kapitulation: »Die Generäle waren nicht zu Kompromissen bereit, sie wollten unbedingt den Siegfrieden«, sagt Dowe.

Über Erzbergers Rolle in der Politik ist viel geschrieben worden. Über sein Privatleben weiß man nur wenig. Deshalb freute sich Christopher Dowe um so mehr, als vor knapp zwei Jahren eine Frau auf ihn zukam und ihm anbot, den Nachlass von Erzbergers Tochter zu sichten. Nach dem Tod des Politikers war seine Witwe Paula mit der Tochter Gabriele nach Stuttgart gezogen, wo die Tochter bis Mitte der Neunzigerjahre des 20. Jahrhunderts lebte. In ihrer Wohnung fand Dowe die Möbelstücke, die als Relikte aus Erzbergers Alltag nun als greifbares Stück Geschichte die Ausstellung in Buttenhausen bereichern.

Er fand aber noch etwas: ein Foto des päpstlichen Nuntius Eugenio Pacelli mit persönlicher Widmung an Erzberger. Der Abgesandte des Vatikans residierte in München und war im Sommer 1917, wie Dowe erläutert, ein wichtiger Gesprächspartner für Erzberger: »Als Stardiplomat des Vatikans sollte Pacelli bei der deutschen Regierung für eine päpstliche Friedensinitiative werben.« Alle diplomatischen Bemühungen scheiterten.

Erzberger unterschrieb wenig später den Waffenstillstandsvertrag. Und aus dem Nuntius Pacelli wurde 1939 ein Papst Pius XII., der auch den Beinamen »Hitlers Papst« trug. Seine Rolle im Zweiten Weltkrieg ist bis heute umstritten.

Neue Erzberger-Publikation

Längst nicht abgeschlossen ist auch die Erzberger-Forschung, wie Mike Münzing betonte. Der Münsinger Bürgermeister sprach Christopher Dowe und dem Haus der Geschichte seinen Dank aus: »Schön, dass diese Erinnerungsstätte nicht statisch bleibt, sondern sich mit neuen Stücken und Inhalten füllt.« Der Historiker gab das Kompliment zurück und betonte den Modellcharakter des »Drei-Säulen-Modells« in Münsingen. Stadt, Geschichtsverein – vertreten durch seinen Vorsitzenden Paul Fink – und das Haus der Geschichte als Institution des Landes kümmern sich gemeinsam um das Erzbergerhaus. »Das ist alles andere als selbstverständlich«, sagte Dowe, der Münzing und Fink den druckfrischen Band »Matthias Erzberger – Ein Demokrat in Zeiten des Hasses« überreichte. Das Buch ist Resultat eines Symposiums in Stuttgart neunzig Jahre nach der Ermordung Erzbergers. (GEA)



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