Verwaltungsverband - Planentwurf zur Ausweisung von Konzentrationszonen beschlossen. Bürger auf Barrikaden

Protest gegen Windkraftgiganten

VON HILDE BUTSCHER

GAMMERTINGEN. »Warum nehmt ihr unseren Kindern die Zukunft?« und »Manchmal wünschen wir uns, ein Milan zu sein«. Solches und Ähnliches stand auf den Transparenten der rund 50 Menschen aus Kettenacker, die bei der Verbandsversammlung des Gemeindeverwaltungsverbands Gammertingen in Veringenstadt demonstrierten.

Demonstranten aus dem Gammertinger Stadtteil Kettenacker fürchten einen Windpark direkt vor ihrem Dorf.
Demonstranten aus dem Gammertinger Stadtteil Kettenacker fürchten einen Windpark direkt vor ihrem Dorf. Foto: Butscher
Einziger Tagesordnungspunkt: Windenergienutzung und Festlegung der Konzentrationszonen. Der Protest wurde gesehen und gehört - die Entscheidung für die Ausweisung der vier Zonen fiel trotzdem einstimmig aus.

In Kettenacker sind die Gemüter erhitzt. Die für Gammertingen ausgewiesene Konzentrationszone für Windenergie soll nur 700 Meter vor der Ortsgrenze beginnen. Der Verbandsvorsitzende, Gammertingens Bürgermeister Holger Jerg, beteuerte: »Wir wollen Ihnen nichts Böses«. Den Gemeinden Baden-Württembergs obliege die Aufgabe, die Konzentrationszonen auszuweisen. »Dieser Aufgabe stellen wir uns.«

Ängste ernst nehmen


Der Sitzung am Donnerstagabend waren Bürgerinformationen, Sitzungen der Ortschaftsräte und Entscheidungen der Gemeinderäte vorangegangen. Nachdem in diesem Jahr ein neues Landesplanungsgesetz in Kraft trat, können die Kommunen jetzt durch die Ausweisung von Konzentrationszonen darüber entscheiden, wo Windenergieanlagen überhaupt gebaut werden dürfen.

Unter Berücksichtigung sämtlicher Ausschlusskriterien hatten sich die Gemeinderäte von Gammertingen, Hettingen, Neufra und Veringenstadt bereits auf jeweils eine Konzentrationszone auf ihrer Gemarkung geeinigt. »Sie alle haben schon entschieden, wir könnten es heute Abend also kurz machen.« Aber die Bürger hätten Angst vor den Windrädern. »Diese Ängste nehmen wir ernst, gehen nicht über sie hinweg«, so Jerg.

Welche Ängste die Kettenacker haben, zeigten sie mit Transparenten und einem Flugblatt: »Wir haben Angst vor dem geplanten Windpark, Sie auch?« Darauf werden Bewohner der belgischen Dörfer Estinnes, Bray und Vellereille zitiert, die seit drei Jahren dazu »verdammt sind«, mit 200 Meter hohen Windrädern zu leben. Sie klagen laut Flugblatt über Schlaflosigkeit, Kopfschmerz, Lärm und Vibrationen. »Denken Sie nicht nur kurzfristig, sondern verantwortungsbewusst und solidarisch für Ihre Kinder und Enkel!«, so die Aufforderung. Infraschall werde als harmlos dargestellt, es gebe aber »zahlreiche Gutachten, die das Gegenteil beweisen«.

Hierzu passte Jergs Hinweis, dass nicht alles, was im Internet zu lesen sei, wahr sei. Einzelne Beiträge der Verbandsmitglieder wurden beklatscht, so der von Josef Vogelsang, der darauf hinwies, dass doch schon alles entschieden sei, es an diesem Abend doch nur noch um Kenntnisnahme gehe. Andere wurde mit Lachen quittiert. Wie der von Neufras Bürgermeister Jürgen Beck, der sagte: »Wir machen das hier nicht zum Vergnügen. Unsere Aufgabe ist es, Gebiete auszuweisen, um den Wildwuchs zu verhindern.« Dies alles geschehe »im Interesse unserer Bürger«. - »Das ist ja Hohn«, tönte es aus dem Publikum, worauf sich Vorsitzender Jerg jeglichen Kommentar verbot. Nach der Sitzung seien er und seine Kollegen bereit zu reden, »wenn uns auch der Wind entgegenweht«. Die Demonstranten respektierten dieses Verbot.

Zuletzt wies Jerg noch einmal aufs Verfahren hin. »Heute beschließen wir nur einen Entwurf.« Dazu müssten noch die Einwände der Fachbehörden abgefragt werden. Mit einem Satzungsbeschluss der Verbandsversammlung sei nicht vor dem Frühjahr 2013 zu rechnen.

Einstimmig beschloss die Verbandsversammlung den Planentwurf, in dem die vier Konzentrationszonen ausgewiesen sind. Die Zuhörer nahmen den Beschluss kommentarlos und etwas konsterniert zur Kenntnis. Dass ihr Protest noch kein Ende haben wird, das kündigte Edi Biener an. »Die Kettenacker sind noch zu viel mehr fähig.« (GEA)



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