Fasnet

Narrenzünfte veralbern die Bürgermeister auf der Alb

VON UNSEREN MITARBEITERN

SONNENBÜHL/TROCHTELFINGEN. Das war ja klar: Das Motto »Filmhelden« beim Rathaussturm in Sonnenbühl bescherte Bürgermeister Uwe Morgenstern nicht etwa glanzvolle Auftritte in Heldenkluft, sondern Buckel, Perücke und falsche Zahnstummel. Als Quasimodo hatte sich der Rathauschef den verschiedenen Prüfungen der Sonnenbühler Narrenschar - verstärkt durch Schul- und Kindergartenkinder - zu stellen.

FOTO: Christine Dewald
Morgenstern war chancenlos. Beim Dartspiel, beim Erraten von Filmmelodien und erst recht beim Tauziehen gegen das Feuerwehrteam, das im Genkingen-Film ein ganzes Schiff den Skilifthang hinaufgezerrt hatte. Waren es hier die glattsohligen Lederschuhe, die den Bürgermeister deutlich in Nachteil setzten, so waren es beim verbalen Schlagabtausch mit Narren-Präsident Jan Herrmann die falschen Zähne. »Tu dei Gebiss nei ond sei still«, fuhr der Chef der Karnevalsgesellschaft dem Gemeindeoberhaupt übers Maul.

Von der Sühne, die die Narren Morgenstern aufbrummten, werden alle Sonnenbühler Kinder was haben: Ein Kinoabend soll's sein, in der Halle oder open air, jedenfalls aber mit Popcorn und Getränken.

Im närrischen Orchester

Nicht für eine Rolle im Film, sondern für einen Platz im närrischen Orchester hat sich Bürgermeister Mario Storz in Engstingen empfohlen. Die Lombakabell drückte ihm eine Tuba in die Hand und eine Aufgabe aufs Auge. Storz blamierte sich nicht etwa - er brillierte: Beim »Pupslied« kriegte er jeden Einsatz, sein Spiel gefiel zudem durch sensible Tongestaltung der im Text recht explizit geschilderten Flatulenzen jedweder Ausprägung. Auch daran, dass ihre Geldspende endlich mal für Farbe ausgegeben werden sollte, erinnerten die Narren den Schultes: Assistiert von Feuerwehrkommandant Anton Hummel durfte er probeweise ein Pappkarton-Haus bemalen. Die Attrappe war genauso mit Kritzeleien versudelt wie das echte »Hexahäusle« an der Bushaltestelle, das dringend einen neuen Anstrich braucht.

Umgekehrt wünschen sich die Hästräger eine finanzielle Zuwendung von ihrer Gemeinde. Sie brachten nicht nur den entsprechenden Antrag, sondern auch das ein oder andere Anschauungsobjekt gleich mit. Die alten Verkehrsschilder, mit denen bisher während des Umzugs für Recht und Ordnung im Straßenverkehr wurde, erfüllen die rechtlichen Normen nicht mehr, neue kosten 18 000 Euro. Bis das Geld beisammen ist, basteln die Narren eben selbst. Die Rathaus-Crew, einheitlich im Piraten-Look kostümiert, wurde unmissverständlich ausgeschildert - jetzt weiß jeder, wer für die Kohle zuständig ist, wer eine Auge auf smartphone-süchtige Jugendliche beim Straßenüberqueren hat und wer am Schreibtisch vielleicht doch gerne mal in den wohlverdienten Beamtenschlaf fällt.

Den Rathausschlüssel an Zunftmeister Peter Brändle abzugeben, fiel Storz nicht schwer: »I darf des Geschäft jetzt liega lau und mit auf d' Fasnet zom Feira gau.« Sprach's und reihte sich bereitwilligst in die Schunkel-Kette der Gemeinde-Mitarbeiter und Hästräger ein.

G(K)roko für Hayingen

Bunt und fröhlich ging es in Hayingen zu. Kindergartenkinder und Schüler verwandelten den Marktplatz mit ihren Kostümen in ein schillerndes Farbenmeer, ganz nach dem Motto »Bunt ist die Welt«. Kleine Wikinger tanzten und schunkelten mit Affen, Giraffen, Löwen, Tigern und Drachen, munter mischten sich hier und da Goißa und Rätsch-Kathra unter. Denn alle zusammen hatten sie ein Ziel: den Bürgermeister abzusetzen und die Macht über die Stadt in Narrenhand zu nehmen.

Doch bis Schultes Kevin Dorner von seinem Thron gestoßen werden konnte, dauerte es noch. Denn der Zunftrat hatte alle Hände voll zu tun, bis endlich unter lautstarkem Hauruck der Kinder der Narrenbaum stand. Dann gab es kein Halten mehr, schließlich lockten im Amtszimmer Süßigkeiten für die Kleinen und Schnäpsle für die Großen. Zunftmeister Daniel Knorr stellte für die Zeit nach der Fasnet Koalitionsverhandlungen mit dem Bürgermeister in Aussicht. Dafür wurde Dorner schon mal in ein Krokodilskostüm für die Hayinger »G(K)roko« gesteckt. »Ich hoffe auf gute Verhandlungen und danach auf eine weiterhin gute Koalition«, meinte er und versprach, den von den Narren geforderten Motor für den Bühnenvorhang in der Digelfeldhalle dann in Angriff zu nehmen.

In Hohenstein haben es die Narren dieses Mal gnädig mit ihrem Schultes, dem »oinziga Mann im Rathaus«, gemacht. Ganz friedlich und mit lautstarker Musik von der Lombakapell Oberstetten und den Eglinger Heimatmusikanten haben Eglinger Brendeler, Urmel und Oberstetter Stöckberg-Hannes von der Gemeindestube Besitz ergriffen. Bürgermeister Jochen Zeller hatte sich nicht versteckt - und auch nicht verkleidet. Nur seine weibliche Mitarbeiterriege hatte sich in Gelbe Säcke verwandelt.

Seinen Rathausschlüssel behielt der Schultes allerdings nicht im Auge. Und so konnte einer der Lomba das goldene Utensil einfach an sich nehmen. Doch Holzauge sei wachsam: Zeller merkte es noch rechtzeitig und nahm den Türschlüssel wieder in Besitz. Aber das Glück währte nicht lange: Die Narren holten das Gemeindeoberhaupt mit samt dem Schlüssel vor die Türe. Er musste seine eigene Abdankung verlesen. Dabei durfte er seine Verdienste noch kundtun. »Unsere Gemeinde, die ist gesund, im Normalfall läuft bei uns alles rund.«

Blondinen-Bürgermeisterin

Und weil ihn die Narren »ganz schön am Wickel hatten«, durfte er sich seine Nachfolgerin - »denn außer mir derf koi Ma durchs Rathaus gau«, bei einem Bewerbungsgespräch selber aussuchen. Und schon hatte der Schultes die Qual der Wahl: Fitness-Lady Denis Werner oder Putz-Mamsell Jan Geckeler? Nein - typisch Mann - entscheidet sich Zeller für die »rattenscharfe Blondine« Bernd Tress. Und rückt seinen Rathausschlüssel tatsächlich ohne Murren an Narrenmeisterin Claudia Schmid heraus.

Drei Bollerschüsse aus der »Theres« markierten um 17 Uhr den Start der Städtlemer Fasnet. Noch konnte Trochtelfingens Schultes Christoph Niesler da gelassen und mit dem Schlüssel winkend aus dem Rathausfenster schauen. Doch mit dem Einmarsch der Narren wurde es so langsam ernst für den Schultes. Nach der Begrüßung des Prinzenpaars - Prinzessin Anne-Kathrin die Erste, Contessa Bella Stella, Haidkatz vom Kloi Eschle und Prinz Sören der Erste, Admiral Butzi, Musaraña aus der Flügelstraße - und dem Hexengedicht mit der Aufforderung zum Narrenbaumstellen ging's stürmend zur Sache. »Vielleich gibt er uns den Schlüssel gleich«, hoffte Narrenmeister Harry Weihbrecht-Betz, doch vergeblich. Flink stellten die Hexen ihre Pyramide, erklommen den ersten Stock des Rathauses und setzten den Bürgermeister auf seinen Folterstuhl, den Beschnarchungsautomaten. Eine überstürzte Flucht Nieslers - ohne Abschied - von einem Motorradausflug in Südtirol mit Stadtpfarrer Ekke (Eckehard Roßbach) und Hobbs (Gottlieb Wacker) ist den Narren zu Ohren gekommen. Weil der Schultes das Geschnarche seiner Mitfahrer nicht ertrug.

Gnade nach Schnarchfolter

»Das hast Du jetzt davon, jetzt drehen wir den Spieß rum« - und die Lautsprecher auf. Bei Stufe eins hieß es »keine Chance«, auch bei zwei blieb Niesler cool. Stufe drei brachte ihn anfangs immer noch zum Lachen, doch dann schaute er etwas gequält. »Gnade«, hieß es, und das Rathaus gehörte den Narren. Nach der Proklamation des Prinzenpaares zählen für die nächsten Tage nur noch zwei Worte im Städtle - »Schrei Au.« (GEA)




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Rathausstürme auf der Alb

Rathaussturm in Engstingen 2018
Im Engstinger Rathaus ändern sich die Machtverhältnisse. FOTO: Marion Schrade
 
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