Motorräder - Landkreis und Polizei stellen neue Maßnahmen gegen Verkehrsrowdys im Lautertal und anderswo vor

Mit vereinter Kraft gegen den Motorradlärm im Lautertal

VON CHRISTINE DEWALD

MÜNSINGEN/REUTLINGEN. »Langsamer!«, mahnt die Tafel, wenn einer zu schnell durch die Straßen rauscht. »Leiser!«, fordert die digitale Anzeige, wenn das Dröhnen der Maschine zu laut war. Ein freundliches »Danke!« liest dagegen derjenige, der an dieser Neuerwerbung des Landkreises zivilisiert und vorschriftsmäßig vorbei fährt.

Landrat Thomas Reumann (l.) und Straßenbauamtsleiter Udo Pasler (r.) mit den Bürgermeistern (v. l.) Matthias Henne, Klemens Betz, Kevin Dorner und Mike Münzing.
Landrat Thomas Reumann (l.) und Straßenbauamtsleiter Udo Pasler (r.) mit den Bürgermeistern (v. l.) Matthias Henne, Klemens Betz, Kevin Dorner und Mike Münzing. FOTO: Christine Dewald
Zu erleben ist das neue System zur Verkehrsbeeinflussung seit gestern im Münsinger Stadtteil Gundelfingen. Es soll aber wandern - an andere Orte im Landkreis Reutlingen, die wie das Lautertal dauerhaft oder temporär unter Lärm und Verkehrsbelastung leiden. Nach den Informationen von Landrat Thomas Reumann ist sein Landkreis der erste, der sich ein solches Warnsystem angeschafft hat. Es ist - wie Reumann bei einem Pressetermin am Mittwoch betonte - nur ein Baustein eines Gesamtkonzepts, mit dem Polizei und Behörden für mehr Rücksichtnahme werben, aber auch verschärft gegen Verkehrsrowdys vorgehen wollen.

Kontrolle zeigt Wirkung

Weitere Maßnahmen stellten die Vertreter von Polizei und Landratsamt ebenfalls vor. Eine ist ganz klassisch: mehr Kontrolle. Bereits in der ersten Hälfte der Saison haben die Beamten der Verkehrspolizeidirektion Tübingen so viele Kontroll-Einsätze hinter sich gebracht wie im ganzen vergangenen Jahr, wie ihr Leiter Konrad Bold berichtete. »Deutlich über 600 Motorradfahrer« seien dabei kontrolliert worden, wobei einer der Schwerpunkte im Lautertal lag.

Dort wirkt sich vermehrte Polizeipräsenz stets unmittelbar aus, wie beispielsweise Buttenhausens Ortsvorsteher Rudolf Schustereder beobachtet hat. Sobald die Radarfalle aufgebaut ist, »bleiben die Chaoten weg«. Wenn in sozialen Netzwerken vor dem Blitzer gewarnt wird, fahren die meisten langsam - und die Raser suchen sich andere Strecken.

Ein Effekt, gegen den Konrad Bold eigentlich nichts einzuwenden hat. Die dämpfende Wirkung halte nämlich in der Regel ein paar Stunden vor. Die Radarfalle steht da längst woanders. Aufgestockt hat die Polizei auch ihre Motorrad-Truppe, die - so Bold - »auf Augenhöhe« mit den Bikern argumentieren kann, beispielsweise wenn vorschriftswidrig am Maschinen-Sound manipuliert wurde.

»Wir haben Schilder aufgestellt ohne Ende. Das ist ausgelutscht«, bestätigte Gomadingens Bürgermeister Klemens Betz die Beobachtung des Landrats, dass sich Appelle wie »Bitte langsam und leise fahren« inzwischen abgenutzt haben.

Auf mehr und vor allem weniger berechenbare Kontrolle setzt deshalb auch der Landkreis, dessen Messtrupp nicht mehr nur an Werktagen, sondern auch am Wochenende unterwegs ist. Während bei herkömmlichen Blitzern von vorne fotografiert wird und Motorradfahrer, die vorn kein Nummernschild haben, häufig ungestraft davonkommen, ist der Landkreis-Trupp inzwischen mit einem von beiden Seiten fotografierenden Gerät unterwegs, wie Sebastian Ritter als Leiter des Verkehrs- und Ordnungsamts in der Reutlinger Behörde berichtet. Falls sich Raser auf zwei Rädern trotzdem herauszuwinden versuchen, weil hinterm dunklen Helmvisier der Fahrer nicht zu erkennen ist, fährt der Landkreis noch schärferes Geschütz auf. Trägt der Biker zum Beispiel auffällige Kleidung, hat das Landratsamt auch schon einen Durchsuchungsbeschluss erwirkt, um dem Verkehrsrowdy auf diesem Weg auf die Spur zu kommen.

Ein weiteres drastisches und nur bei gravierenden Verstößen gewähltes Mittel ist die Auflage, ein Fahrtenbuch zu schreiben. Wird solches angedroht, »dann erinnern sich die Leute plötzlich doch, dass sie gefahren sind«, so die Erkenntnis im Landratsamt. Gute Erfahrungen wurden auch mit »Verbundmessungen« gemacht: Der Landkreis kontrolliert, die Polizei winkt ein kleines Stück weiter die Verkehrssünder an die Seite. Wer dann nicht nur zu schnell, sondern auch mit einem zu lauten Motorrad unterwegs ist, der zahlt doppelt.

Laut beim Beschleunigen

Ein weiterer Baustein im Konzept des Landkreises sind seit einigen Wochen Lärmmessungen, die bereits an verschiedenen Stellen im Lautertal vorgenommen wurden. Dabei zeichnen unauffällige Kästchen am Straßenrand auch auf, ob Auto oder Motorrad den Krach verursacht haben. Während innerorts die Lärmkurve beider Fahrzeugarten ungefähr die gleiche ist, sind an Stellen, wo stark beschleunigt wird, die Motorräder tendenziell deutlich lauter. »So haben wir die Möglichkeit, zu differenzieren und dann in verkehrsrechtliche Maßnahmen einzusteigen«, erläuterte Kreis-Ordnungsdezernent Dr. Claudius Müller.

Ein solches Mittel könnte beispielsweise sein, Tempo 50 schon ein Stück vor dem eigentlichen Ortsrand vorzuschreiben. In eine ähnliche Richtung zielen Verengungen oder Verschwenkungen der Fahrbahn, wie sie der Landkreis jetzt an zwei Stellen in Buttenhausen und in Bichishausen in Angriff nimmt. Manchmal, so Udo Pasler als Leiter des Kreisstraßenbauamts, müsse man die Verkehrsteilnehmer eben »zur Vernunft zwingen«.

Sperrung keine Option

Das Lautertal oder auch bestimmte Steigen für Motorräder zu sperren, ist keine Option. Das wurde beim Pressetermin immer wieder betont. Vorstöße in diese Richtung hält Münsingens Bürgermeister Mike Münzing für »unsinnig«. Eine bestimmte Gruppe von Verkehrsteilnehmern, die sich an gesetzliche Vorgaben hält, könne nicht einfach von öffentlichen Straßen ausgeschlossen werden: »Das entspricht nicht der Rechtslage.« Rücksichtnahme ist und bleibt für ihn die Zauberformel zur Konfliktminderung.

Denn während viele über Motorradlärm klagen und Wittstaig-Gastronom Hermann König von einem lärmbedingten Rückgang bei Langzeitgästen berichtet, sind Motorradfahrer vielerorts gern gesehene Gäste. Zwiefaltens Bürgermeister Matthias Henne wies auf die »Zweischneidigkeit« des Themas hin. (GEA)







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