Lebens-Wege - Geschichtsverein und Gymnasium Münsingen erinnern an die Familie von Dr. Julius Levi

Menschen wie du und ich

VON ULRIKE OELKUCH

MÜNSINGEN . Der Theatersaal erweist sich als hoffnungslos zu klein, um all die Menschen fassen zu können, die sich auf Einladung von Geschichtsverein und Gymnasium Münsingen für die Lebensgeschichte der vor dem Nazi-Regime in die USA geflüchteten Münsinger Familie Levi-Steiner interessieren. Und es hilft auch nicht, dass im Bühnenraum eilends versucht wird, noch weitere Sitzreihen aufzustellen: Der Besucherstrom reißt nicht ab, ist einfach zu groß. Um niemanden abweisen zu müssen, entschließen sich die Veranstalter doch noch zu einem Umzug in den großen Saal, der dann wiederum rappelvoll wird: ein Beweis dafür, dass die Entscheidung zum Ortswechsel die einzig richtige war.

Hoch geschätzter Arzt

Am Ende der bewegenden Lesung aus den Memoiren von Dr. Nicholas Victor Steiner sind die Zuhörer tief beeindruckt, das zeigt der Applaus, der nicht nur den Akteuren, und hier besonders Elisabeth Kraft als Zeitzeugin sowie Ludwig Tampe und den Abiturientinnen Jana Stammberger, Lisa Sturm und Eva Ilisch vom Gymnasium gilt.

Ihren Beifall senden die Münsinger auch über den Atlantik hinweg direkt zum Enkel des in Münsingen hochgeschätzten jüdischen Arztes Dr. Julius Levi und seiner in Theresienstadt umgekommenen Frau Särle, den Traugott Huppenbauer aus dem Zehntscheuersaal in dessen Wohnung im Staat New Jersey erreicht. »Wir grüßen Sie alle aus Münsingen ganz herzlich«, sagt der Lehrer zu Nicholas Steiner, von dessen Erinnerungen an die Lebens-Wege seiner Eltern und Großeltern das Publikum noch ganz ergriffen ist, bis großer Beifall aufbrandet und jegliche Distanz zwischen alter und neuer Heimat wie weggewischt ist.

An die Levis erinnern in Münsingen eine Dr. Julius-Levi-Straße (oberhalb des neuen Seniorenheims der Bruderhaus- Diakonie) und ein »Stolperstein«, der in Erinnerung an Särle Levi, geborene Steiner, am Weg zum ehemaligen »Doktorhaus« im Glack 1, in dem das Ehepaar lebte,
im
Pflaster
eingelassen
ist. Dr. Levi, der überaus beliebte Arzt – »er hat einem Buben in Münsingen sogar mal eine abgebissene Nase wieder angenäht«, erinnert sich an diesem Abend eine Zuhörerin – stirbt 75-jährig im Februar 1937. Friedlich zu entschlafen, ist seiner ebenfalls jüdischen Ehefrau Särle nicht vergönnt: Die alte Frau kommt am 10. Juni 1942 in Theresienstadt um.

Die Eltern von Elisabeth Kraft sind Nachbarn der Levis: Sie bekommen das Schicksal der Familie hautnah mit. Und so ist es die Münsingerin, die zig Jahre nach dem Krieg noch versucht, Kontakt zu den Nachkommen des 1935 gerade noch rechtzeitig nach Amerika ausgewanderten Sohns der Levis, Dr. Hans Levi und dessen Ehefrau Brigitte, geborene Marquard aus Stuttgart, aufzunehmen, die sich inzwischen den Familiennamen Steiner zugelegt haben, den auch ihrer Großmutter Särle als Mädchen trug.

Das Unmögliche gelingt: Nicholas Steiner meldet sich bei Elisabeth Kraft, kommt sogar mal zusammen mit seiner Schwester Ursula zu Besuch nach Münsingen, wo die kurz darauf an einem Gehirntumor Verstorbene ihre letzte Ruhe findet: Die Urne von Ursula Steiner-Karelsen wird im November 2007 auf dem Stadtfriedhof beigesetzt.

Nie mehr nach Münsingen

Anders als Ursula und ihr Bruder Nicholas wollten deren Eltern Dr. Hans und Brigitte Levi den Ort, an dem die Levis lebten, nach der Auswanderung nie mehr sehen, wiewohl sie nach dem Krieg des Öfteren in Europa sind. Nie mehr aber in Münsingen: Der Schmerz über das, was Särle Levi erleiden musste, bleibt zu groß.

Die alte Dame, zu der trotz subtiler Strafandrohungen durch die Nationalsozialisten viele Münsinger bis zuletzt halten – vor allem die Mutter ihrer Schwiegertochter Brigitte, also Ernestine Marquard – wird zusammen mit vielen anderen Juden von der Alb vom Münsinger Bahnhof aus deportiert. Sie findet 1942 im Vernichtungslager Theresienstadt den gewaltsamen Tod.

Ernestine Marquard, deren Stuttgarter Wohnung ausgebombt wird, zieht in Särles Haus im Glack 1 ein und rettet so womöglich manches daraus vor dem Verschwinden. Und so gibt es ein paar wenige persönliche Dinge, die der Geschichtsverein neben einer ganzen Reihe von Fotos aus dem Familienalbum der Levis jetzt den Münsingern zeigen kann.

Die sind tief berührt. Auch von den Versen, die Dr. Hans Levi noch in seiner Ulmer Schulzeit verfasst hat und die jetzt von den drei Münsinger Schülerinnen gelesen werden, ebenso wie verschiedene Passagen aus den »Lebens-Wegen-Erinnerungen«, die Dr. Julius Levis Enkel Dr. Nicholas Steiner verfasst und Ludwig Tampe in einer deutschen Ausgabe herausgebracht hat. (GEA)



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