Verbraucher - Mit Qualität und Marketingstrategie. Gentechnikfreie Anbauregion Neckar-Alb soll mit Zeichen werben

Kartoffelanbauer sind fein raus

VON JULIE-SABINE GEIGER

MÜNSINGEN/REUTLINGEN. »Ohne Gentechnik«. Das Zeichen, das Bundesagrarministerin Ilse Aigner seit August 2009 Produkten verleiht, die garantiert ohne die umstrittene biotechnologische Methode erzeugt worden sind, soll Verbrauchern die Wahl erleichtern. Noch ist die mit dem hellgrünen Logo ausgezeichnete Produktpalette sehr übersichtlich. Erst 15 Hersteller nutzen das Zeichen, informierte Dr. Alexander Wirsig, Agrarmarketingberater beim Stuttgarter Büro Terra Fusca, die Direktvermarkter der Region am Dienstagabend in Münsingen.

Nach Alb-Gold-Nudeln ist inzwischen die »faire Milch« der Bauern aus Bayern, Baden-Württemberg und Hessen in den Filialen zweier Supermärkte zu haben. Mit offiziellem Siegel »ohne Gentechnik« und garantiert regional. - Weitere Molkereien seien dran, gab Gebhard Aierstock, Vorsitzender des Kreisbauernverbands Reutlingen bekannt.

Aufmerksamkeitswirksam wurde die »faire Milch« erst kürzlich in die Regale gestellt und mit reichlich Verbraucherinformation begleitet. Den Konsumenten genügend Wissen über das Zeichen »ohne Gentechnik« und seine Hintergründe in die Hand zu drücken, habe die Verbraucherministerin bislang versäumt, muss sich Ilse Aigner vorwerfen lassen. Auch sehen sich die Erzeuger bislang mit Unwägbarkeiten konfrontiert. Zum Beispiel darüber, wer das Zeichen künftig vergibt und wer darüber wacht. Einzig die Voraussetzungen sind klar. Was garantiert ohne transgene Pflanzen produziert wird, darf mit dem Siegel geschmückt werden.

Entweder transgen oder nicht

Geplant sei, dass ein Verein der Lebensmittelindustrie die Vergabe des Siegels übernimmt. Bis der gegründet ist, vergibt das Bundeslandwirtschaftsministerium - quasi auf das Ehrenwort des Produzenten - das Zeichen unentgeltlich auf den formlosen Antrag hin.

Fein raus sind die Kartoffelerzeuger. Weil Pflanzen entweder gentechnisch manipuliert sind oder nicht, in Deutschland der Anbau transgener Pflanzen momentan ohnehin verboten ist. Komplizierter sei es für die Lebensmittelverarbeiter stellte Michael Rebmann fest, Agraringenieur und Vertriebsleiter Bio bei Alb-Gold. »Wir müssen unsere Warenströme erforschen, um uns vor transgenen Kontaminationen schützen.« Sollten Verunreinigungen festgestellt werden, die den Grenzwert überschreiten, kann das Verbrauchervertrauen ins Produkt schneller erschüttert sein, als ein Betrieb seine gentechnikfreie Produktion zertifizieren lassen kann. Noch sei auch das Haftungsproblem nicht geklärt, machte Wirsig aufmerksam.

Kriterien kaum nachvollziehbar

Sieht die Ministerin mit dem neuen Siegel die Lücke im europäischen Lebensmittelkennzeichnungsrecht als geschlossen an, haben die Direktvermarkter am Dienstagabend bereits weitere Ungereimtheiten für die Erzeugung entdeckt. Bei tierischen Lebensmitteln wie Fleisch, Eier und Milch bezieht sich »ohne Gentechnik« ausschließlich auf das Verfütterungsverbot gentechnisch veränderter Pflanzen und Futtermischungen mit solchen Bestandteilen. Das beziehe sich jedoch nicht auf das ganze Tierleben, erklärte Wirsig. Genau hier setze die Kritik der Verbraucherverbände ein. Für Schweinefleisch gibt es das grüne Zeichen auch, wenn nur während der Mastperiode - also den letzten vier Lebensmonaten - auf gentechnisch veränderte Futterpflanzen verzichtet wurde. Bei Milch produzierenden Tieren reichen drei Monate, bei Hühnern für die Eiererzeugung die letzten sechs Wochen. Zeichen-Kritiker sprechen bereits von Verbrauchertäuschung und Etikettenschwindel.

»Was ist, wenn ich das Zeichen für die Milch habe, und kaufe eine Kuh zu. Muss ich deren Milch dann drei Monate lang wegschütten?«, sorgte sich ein Landwirt ums Betriebsmanagement. Nachgebessert werden muss, das sieht Wirsig wohl. Dennoch forderte er, wie auch Gebhard Aierstock die Bauern dazu auf, nach wie vor Qualität zu produzieren, um sich am Markt damit zu positionieren und das Zeichen als Marketing-Instrument zu nutzen. Die gentechnikfreie Anbauregion Neckar-Alb, 2004 gegründet und 2006 eingetragen, sei die Größte unter den dreißig gentechnikfreien Regionen Baden-Württembergs mit 146 000 Hektar Fläche und 5 000 Landwirten. Wirsig: »Ein enormes Potenzial ist das. Leider steht das einfach nur da. Sie sollten etwas draus machen!« (GEA)



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