Über die Alb
LEUTE - Elvira Gresham schafft es spielend, zwei Kontinente und die Zwiefaltener Fasnet zu verbinden

Ganz normal: Rälle und Koala

ZWIEFALTEN. Ja, es ist so. Kängurus kommen bei Sonnenuntergang auf den Golfplatz gleich neben ihrem Haus. Die Zwiefaltenerin Elvira Gresham lebt ihr Leben mit diesen und anderen Beuteltieren wie den Koalas, die um sie herum schlafend in der von ihnen bevorzugten Sorte Eukalyptusbäume hängen, lebt hier mit dem Australier Hugh Gresham, ihrem Mann, und den 16 und 14 Jahre alten Töchtern Josephine und Alexandra.

Liebt Australien, Tiere und ihre Fasnacht in Zwiefalten: Elvira Gresham. FOTO: KUNZE
Liebt Australien, Tiere und ihre Fasnacht in Zwiefalten: Elvira Gresham. FOTO: Ingeborg Kunze
Zu Hunderten wohnen die australischen Symboltiere dort, wo die Greshams zu Hause sind - in Gilston, Teil der Gold Coast an der Südostküste, 16 000 Kilometer von Deutschland entfernt.

Großes Haus, zwei Hektar Garten. Eine Stunde südlich von Brisbane in Queensland, einem der sieben Bundesstaaten in Australien. Neunhundert Kilometer nördlich von Sydney. Vier Flugstunden bis Perth, dem westlichen Ende des kleinsten Erdteils, des 1770 für die britische Krone in Besitz genommenen Kontinents, der sich als Teil des Commonwealth seit hundert Jahren in der parlamentarischen Monarchie als Staatsform übt mit der Queen als Oberhaupt.
»Fasnacht, das unbeschreibliche Heimatgefühl«
 

Über siebeneinhalb Millionen Quadratkilometer groß und auf Weltrang-Platz sechs ist dieses Känguruland mit mehr als 21 Millionen Menschen: 2,7 pro Quadratkilometer. Die Hälfte Australiens hat Elvira Gresham in ihren zwanzig Jahren dort kennengelernt. Da ist also noch vieles offen für die 1960 in Riedlingen geborene sportliche Blonde aus Zwiefalten, die es spielend schafft, zwei Welten zu verbinden. Den Südpazifik und den Südrand der Schwäbischen Alb. Zwiefalten, zweitausend Einwohner. Das ist Heimat. Das gehört zu ihr.

Wie die Fasnacht, die sie selbstverständlich in Zwiefalten mitmacht, in der Maske des hundertfach zur Fasnetfigur gewordenen »rälligen« Klosterkaters. Oder als eines der sexy »Krättaweiber« mit Zylinder, Frack und dem Mann im Korb, den jede auf dem Rücken wegschleppt. Was sagt ihr Ehemann dazu? Was machen die Kinder? Sie lacht: »Die sind begeistert dabei!«

Hugh Gresham, einer mit dem Familiennamen des im 16. Jahrhundert grandios erfolgreichen englischen Ökonomen Thomas Gresham, Berater Elizabeths I. und Mitbesitzer des damals größten britischen Handelshauses - Gresham kommentiert gelassen: »It's a tribal thing«, meint: zurück zu den Wurzeln, und die Ehefrau macht sich lustig: »Des Gfühl kriegt der doch gar it!«

Die Töchter schon. Sie sind mit der Zwiefaltener Fasnet groß geworden, haben im Blut, was der Freiburger Volkskundler und Forscher Werner Mezger »Fasnacht, das unbeschreibliche Heimatgefühl« nennt.

Die Mädchen (»können inzwischen selbst kochen«) sind der Schule wegen in Australien geblieben. Sie sprechen akzentfrei Englisch und Deutsch, chatten im Internet auf Schwäbisch, weil die Mutter »von Anfang an mit ihnen schwäbisch gschwätzt« hatte. Hugh dagegen hat den Versuch, Deutsch zu lernen, aufgegeben und spricht mit Elvira Englisch. »Wir sind ein gutes Team«, sagt sie.

Sie sind Berufskollegen. Sie hatte im Elternhaus Aierstock in Zwiefalten Friseur gelernt, den Meister gemacht und energisch neue Ziele gesucht.

Während des Studiums der europäischen Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Außenwirtschaft - die Hälfte in Reutlingen, die andere in Frankreich - hatte Elvira ihn beim Praktikum in Australien kennengelernt. Sie ging nach Deutschland zurück, aber sie sind in Verbindung geblieben: Briefe, Telefon, Kurzbesuch.

Nach Abschluss des Studiums 1990 kam sie zurück nach Australien, reiste erst mal zusammen mit Freundin Rita aus Sonderbuch entlang der Ostküste und von Nord nach Süd. Hugh (»wir haben uns von Anfang an gut verstanden«) stellte ihnen das Auto, begleitete sie zeitweise. Sie blieb bei ihm in Sydney, die Zwiefaltener Freundin fuhr allein zurück nach Deutschland. Hugh machte sich als Betriebswirt in Brisbane selbstständig, stellte Elvira ein.
»Mit Internet lässt sich leicht in zwei Ländern leben«
 

Ein unkonventionelles Paar. 1994 wurde Tochter Josie in Reutlingen geboren. Mit Wohnsitzen in München und Australien begann Elvira »das Leben in zwei Ländern auf zwei Kontinenten«, mit Baby, ständig mit Koffern unterwegs.

1994 wurde geheiratet, am 26. Januar, dem australischen Nationalfeiertag, »mit kostenlosem Feuerwerk«. 1995 kam in Australien Tochter Alexandra zur Welt, 1997 wurden für die größer gewordene Familie Häuser in Australien und in Zwiefalten gekauft.

Die Töchter haben ihre Interessen in Zwiefalten ausgespielt - Ministrantinnen, Sportverein, Musikverein, Klavier, Akkordeon. Hier verbrachten sie die ersten Schuljahre, die Ferien aber in Australien. Hugh, beruflich in Sydney gebunden, machte umgekehrt Ferien bei Frau und Kindern in Zwiefalten.

Seit 2007 haben sie neben dem Zwiefaltener Wohnsitz ihre neue feste Bleibe in Australien mit Garten, Hund und Katz und Hühnern: »Wie lieben die Natur.« Neben dem Haus hundert Hektar Green. Hugh Gresham hat jetzt Zeit für Golf, Tennis, Schwimmen.

Elvira Gresham liebt Australien und will auf Zwiefalten nicht verzichten. Der Fasnacht wegen saß sie schon im vorigen Jahr »auf Kohlen: da bin ich einfach gern hier.« Auch ohne die anderen, die jetzt Sommer haben mit feuchttropischen 42 Grad. Doch sie ist ständig mit ihnen in Verbindung: »Mit Internet lässt sich leicht in zwei Ländern leben.« (GEA)


Über 1,3 Millionen Australier haben einen deutschen Vorfahren


Von mehr als 20 Millionen Australiern haben über 1,3 Millionen mindestens einen deutschen Vorfahren. Das »Südland« ( terra australis) war benannt, bevor James Cook 1770 die fruchtbare Ostküste als Britische Kolonie für die Krone in Besitz nahm. Deutsche Siedler brachten Ortsnamen wie Bismarck, Heidelberg und Kirchheim (seit 1916 Haigslea) nach »Oz«, wie die Australier das englisch gesprochenen Wort Australia abkürzen. (GEA)
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