Kartoffelfest - Großer Bauernmarkt als Spätsommer-Ereignis im Gestütshof St. Johann am Mittwoch, 8. September
Erdäpfel beflügeln die Fantasie
Von Julie-Sabine Geiger
St.JOHANN. Kartoffeln ernähren die Welt, sie schrieben Geschichte, zierten Briefmarken, sind zum gentechnisch manipulierten Zankapfel avanciert, werden zur Weltanschauung, wenn es um die Macharten des schwäbischen Kartoffelsalats geht. Sie wurden besungen, beschrieben, bewacht, gemalt und werden zum Erdapfel des Jahres gewählt. Museen wurden ihnen gewidmet und sogar ein eigenes Fest kreiert.
Die Kleinsten ernten die größten Kartoffeln. Die kuriosesten Funde des Erntewettbewerbs werden prämiert. GEA-ARCHIV-FOTO: BRÄUNINGER
Das kulinarische Kartoffelfest, das am Mittwoch, 8. September, als Spätsommer-Höhepunkt von den Schmeck-den-Süden-Küchenchefs, dem Haupt- und Landgestüt Marbach, dem Landwirtschaftsamt des Landkreises Reutlingen, der Gemeinde St. Johann und dem Reutlinger General-Anzeiger gemeinsam auf die Beine gestellt wird, um zu zeigen, was Region ist. Rund sechzig Direktvermarkter breiten ihre Waren in der schönen historischen Kulisse des Gestütshofs zu diesem Bauernmarkt der Sonderklasse aus, bei dem natürlich die Kartoffel im Mittelpunkt steht.
Fast alle Kartoffelsorten tragen heutzutage Frauennamen: Nicola, Sieglinde, Carola, Christa, Désirée, Melina, Annabell. Es gibt noch viele mehr. Um 1900 soll ein belgischer Grundschullehrer verschiedene Sorten miteinander gekreuzt und so neue Sorten geschaffen haben. Die Ersten habe er nach seinen Kindern benannt, heißt es. Da er nur neun Kinder hatte, gab er der zehnten Sorte den Namen seiner kleinsten Schülerin: Bintje. Diese Anekdote haben die Kartoffelzüchter vom Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg mit anderen zusammengetragen. Demnach war es auch die Kartoffel, die nach ihrer Verbreitung als Grundnahrungsmittel, woran der Preußenkönig Friedrich wesentlichen Anteil hatte, Schluss mit den ewigen Hungersnöten im Land machte.
Kartoffel in Reim und Malerei
Joachim Ringelnatz lässt eine Knolle beim Kochen erzählen und reimte launig »Abschiedsworte an Pelka«. Heinz Erhardt dichtete dem Alten Fritz, dem Preußenkönig, an, dass er die Bratkartoffel erfunden habe. »Drum heißen sie auch - das ist kein Witz - Pommes Fritz!», juxte der deutsche Komiker der fünfziger und sechziger Jahre. In Uwe Timms Roman »Johannisnacht« spielt die Kartoffel eine tragende Rolle. Vincent van Gogh ist mit sechs Werken der Maler der meisten Kartoffelbilder. Gefolgt von Max Liebermann. Sein Bild, das Tischgebet, zeigt eine Familie, die mit ernstem Gesicht das Tischgebet spricht, vor sich eine große Schüssel mit dampfenden Kartoffeln. Selbst Heinrich Zille, der Maler des Berliner Hinterhoflebens, soll zwei Kartoffelbilder gemalt haben.
Sieglinde die Sorte des Jahres
Die Vereinten Nationen hatten das Jahr 2008 zum »Internationalen Jahr der Kartoffel« erklärt, um damit die Bedeutung der Feldfrucht in den Vordergrund zu stellen. Zur »Kartoffel des Jahres 2010« haben mehrere Umwelt-, Verbraucher- und Bauernorganisationen »Sieglinde« gewählt. »Sieglinde«, seit 75 Jahren in Deutschland als Speise- und Pflanzkartoffel im Handel, ist damit die älteste noch zugelassene Kartoffelsorte in Deutschland. Ihr feinwürziger Geschmack und das gelbe Fruchtfleisch hätten zur Verbreitung der festkochenden Sorte über Italien, Frankreich bis nach Finnland geführt.
Von ihren Nachtschattengewächsverwandten Tomate und Paprika unterscheidet sich Solanum tuberosum dadurch, dass nur ihre unterirdisch wachsende Knolle essbar ist. 300 Millionen Tonnen sollen jährlich weltweit geerntet werden, davon nur vier Prozent in Deutschland, wo die Trüffel des Volkes längst nicht mehr nur satt machen sollen, sondern vor allem schmecken.
Vielseitiger ist kein Lebensmittel, das selbst populär als Pellkartoffel mit Quark und Schnittlauch aufgetischt zur Delikatesse wird. Die Schmeck-den-Süden-Wirte erweisen der tollen Knolle beim St. Johanner Kartoffelfest ihre ganz besondere Ehre mit köstlichen Gratins, herbstlicher Kartoffel-Kürbispfanne und Kartoffel-Käsespätzle und zeigen so, dass die einstige Hungermahlzeit in der Zeit Max Liebermanns längst in die Küchen kreativer Köche gewandert ist, die für ihre Kunst nur ins Biosphärengebiet Schwäbische Alb hineinzugreifen brauchen. (GEA)
Geschmackstest, Information und Unterhaltung
PROGRAMM DES KARTOFFELFESTS AM MITTWOCH, 8. SEPTEMBER
Der große Bauernmarkt beginnt am Mittwoch, 8. September, von 10 Uhr an im Gestütshof St. Johann. Eröffnet wird das Kartoffelfest um 11 Uhr durch Landoberstallmeisterin Dr. Astrid von Velsen-Zerweck und Landrat Thomas Reumann.
Von 11 bis 19 Uhr bietet der Markt ein reichhaltiges kulinarisches Angebot rund um die Kartoffel mit Kartoffel-Geschmacktest und Verbraucherinformationen, Spiel- und Bastelangebote für Kinder mit Spielstraße, Planwagenfahrten mit Marbacher Hengsten, Markt-Parcours-Quiz, Kartoffelessen für Kinder, Baumklettern und Holzarbeiten.
Um 13 Uhr messen sich Prominente in der Schupfnudelmanufaktur. Jeweils um 12.30, 13.15 und 14 Uhr fährt der Bus zum Kartoffellesen auf den Acker. Um 14 Uhr gibt es aktuelle Informationen zu Kartoffelsorten, Anbau und Zubereitung. Ab 15 Uhr spielt das Akkordeon-Duo Siegfried und Ernst Ziegler. Blumenwiesen- und Wacholderkönigin verleihen die Preise für den Kartoffellese-Wettbewerb, das Markt-Parcours-Quiz und den Kartoffelschätzbewerb des Reutlinger General-Anzeigers.
Um 17 Uhr beginnt die After-Work-Party mit Kartoffel-Rösti-Festival am Kartoffelfeuer. Überraschungsgäste sind Schauspieler der Fernsehserie Laible & Frisch. (GEA)