Interim - Die Münsinger Bildhauerin Mirja Wellmann arbeitet für die Kunstbiennale im Alten Lager an einer Hörtour

Entdeckungsreise für die Ohren

Von Julie-Sabine Geiger

MÜNSINGEN-AUINGEN. Das Alte Lager fasziniert, gibt Anlass zu Nachforschungen, wird zum besonderen Ort für einen Kunstparcours, der den speziellen Charakter des historischen Ensembles, seine Wandlung thematisiert. Metamorphose ist das Thema der ersten Interim Kunstbiennale im Biosphärengebiet Schwäbische Alb. Knapp drei Wochen lang, von 21. Juni bis zum 7. Juli, verwandelt sich das ehemalige Militärgelände in ein temporäres Kunstwerk, an dem viele Menschen teilhaben sollen. Die Münsinger Bildhauerin und Klangkünstlerin Mirja Wellmann erarbeitet dafür in ihrem Atelier, einer ehemaligen Schreinerwerkstatt in Auingen, eine Entdeckungsreise für die Ohren.

Mirja Wellmann protokolliert die Geräusche des Duschraums. FOTO: WOLF NKOLE
Mirja Wellmann protokolliert die Geräusche des Duschraums. FOTO: WOLF NKOLE
Sechs hörwürdige Stationen hat Mirja Wellmann dafür ausgesucht. Ein kleiner Rundkurs in einem überschaubaren Quartier in der Nähe des Biosphärenzentrums, der ganz unterschiedliche akustische Eindrücke gibt, in einer Stunde machbar sei und dem, der zuhören kann, ein neues, anderes Bild vom früheren Kasernenareal verschafft. Mirja Wellmann nennt es Hörbild.

Heft zur Hörtour

Die Anweisung zur Hörtour gibt es gegen einen kleinen Obolus als Heft zu kaufen. Ein Routenplan führt zu den akustischen Orten. 500 Hefte hat die Künstlerin drucken lassen. »Bei Bedarf sind schnell weitere da.« Auf zwölf Seiten kann jeder seine Höreindrücke von jedem Ort protokollieren. Interessant sei, dass dabei jeder seine Sprache finde. »Die einen notieren Schritte, Lachen, Vogelgezwitscher, Bleistift fällt auf Boden. Andere malen Laute, übersetzen die Geräusche in pak, pak, pak, ha, ha, ha, tschilipp und plong.« Das sei jedem selbst überlassen. Ganz spannende Hörprotokolle hat die Künstlerin schon von dem von ihr konzipierten Stadtrundgang »Stuttgart und seine Hörwürdigkeiten«, gesehen, den es seit Jahresbeginn gibt. Für die Münsingerin geht es beim Abhorchen eines Ortes um ein intensives Kennenlernen der Umgebung. »Das Visuelle wird durch eine Komponente ergänzt.« Das schärfe die Wahrnehmung.

»Ich arbeite mit Geräuschen, die da sind«, erklärt Wellmann. Geräusche sind immer und überall. Und sie lassen Assoziationen zu. Auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz bedeutet es die Orte zu erhören, zugleich Stimmungen zu erspüren, in die Vergangenheit zu schweifen, sich mit der Geschichte zu befassen, sich ein Bild des Ortes zu machen. »Das Alte Lager war ja voller Menschen«, animiert Mirja Wellmann dazu, die eigene Vorstellungskraft in Gang zu setzen. »Was sind hier für Gespräche geführt worden, was hat die Leute bewegt, was haben sie für Spuren hinterlassen.«

Das Hineinhorchen an den Stationen soll Ortskenntnis bringen. Jeder Platz hört sich anders an, hat seine typischen Geräusche und Rhythmen. Der Duschraum mit seinen gekachelten Wänden, der Erinnerungsplatz der Fremdenlegion, ein Hörort zwischen den Mauern zweier Baracken. »Die Unterschiedlichkeit der Orte macht die Hörtour aus«, erklärt Wellmann, die sorgfältig ausgewählt hat, um die unterschiedliche Akustik der von Natur oder Architektur bestimmter Hörorte zum Klingen zu bringen.

Zehn Minuten pro Hörort

Zehn Minuten gibt die Klangkünstlerin für einen Hörort vor. »Für Leute, die das nicht gewohnt sind, reicht das«, findet sie. Für ihre eigenen faszinierenden Hörbilder von Räumen mit weißer Acrylfarbe auf schwarz grundierter Leinwand verbringt sie Stunden in Häusern, in der Magolsheimer Kirche und in Ausstellungsräumen. »Ich fertige immer zuerst ein akustisches Bild von dem Raum an, in dem ich ausstelle, danach entsteht die Ausstellung.« Einige ihrer Hörbilder sollen bei der Kunstbiennale in den Duschräumen gezeigt werden. Mirja Wellmann wird dort an zwei Wochenenden im Tagesprogramm – Samstag, 22. bis Montag, 24. Juni sowie von Freitag, 5. bi 7. Juli – Hörbilder anfertigen. »Pro Tag ist eines geplant.«

Des Weiteren sollen die individuellen Hörprotokolle der Interimbesucher an einer großen Wand ausgestellt und damit zu einem Teil des Gesamtkunstwerks werden. »Die Besucher werden selbst zu Ausstellenden«, weist Wellmann auf den Teilhabe-Part von Interim hin. (GEA)

Das könnte Sie auch interessieren
Regionen

Wählen Sie Ihre Region

Karte mit einzelnen Regionen Tübingen Reutlingen Pfullingen Eningen Lichtenstein Über der Alb Neckar und Erms
Mitarbeiter gesucht!
  • Stellenanzeigen werden geladen...


Schiedsrichter-Chef Fröhlich: Videobeweis wird bei WM kommen

Plädiert für den Videobeweis auch bei der WM in Russland: Schiedsrichter-Chef Lutz Michael Fröhlich. Foto: Andreas Arnold

Frankfurt/Main (dpa) - Der deutsche Schiedsrichter... mehr»

Nur ein Sieg zählt: DHB-Team gegen Tschechien unter Druck

DHB-Team Bob Hanning sieht das deutsche Team gegen Tschechien in der Pflicht. Foto: Monika Skolimowska

Varazdin (dpa) - Es geht jetzt nur noch ums Gewinn... mehr»

Wieder Wirbel um Aubameyang: BVB streicht Gabuner erneut

lässt das Sportliche bei Borussia Dortmund derzeit in den Hintergrund rücken: Angreifer Pierre-Emerick Aubameyang. Foto: Guido Kirchner

Berlin (dpa) - Er ist nicht dabei, und dennoch dre... mehr»

Frist für Angebote im zweiten Niki-Insolvenzverfahren endet

Auch der ehemalige Formel-1-Weltmeister Niki Lauda bietet für die von ihm gegründete Fluggesellschaft. Foto: Wolfgang Duveneck

Korneuburg (dpa) - Im Insolvenzverfahren für die A... mehr»

Erste Fernzüge der Deutschen Bahn rollen wieder

Berlin (dpa) - Nach der deutschlandweiten Einstell... mehr»

Aktion

Zeitungspaten gesucht

Zeitung lesen macht schlau! Setzen Sie sich als Zeitungspate dafür ein, dass alle Kinder und Jugendlichen einen kostenlosen Zugang zur Tageszeitung haben.
lesen »
Aktuelle Beilagen