Kirche - Im Zentrum der Bezirkssynode Bad Urach-Münsingen stand der von der Landeskirche auferlegte Pfarrplan 2024

Emotionale Diskussion um verlorene Pfarrstellen

VON MARION SCHRADE

MÜNSINGEN. Keiner streicht gerne Jobs. Wirtschaftliche Entscheidungen zu treffen, schmerzt - das gilt in kleinen Betrieben und Firmen am Weltmarkt genauso wie für die Kirche, die letztlich eben auch ein Unternehmen ist, das mit seinem Geld haushalten, auf Entwicklungen reagieren und für die Zukunft planen muss. Wie viel Zündstoff im »Pfarrplan 2024« steckt, den die Landeskirche ihren Gemeinden als Pflichtaufgabe mitgegeben hat, zeigte sich jetzt bei der Synode im Kirchenbezirk Bad Urach-Münsingen.

Foto: Ralf Hirschberger
Foto: Ralf Hirschberger
Zum Thema meldeten sich viele Synodale zu Wort - einige signalisierten Verständnis für den Stellen-Sparkurs der Landeskirche, die überwiegende Mehrheit allerdings äußerte Kritik, Bedenken und Befürchtungen.

Michael Karwounopoulos ist als geschäftsführender Dekan Herr der Zahlen - und hat als solcher die nicht eben angenehme Aufgabe, bis 2024 fünfeinhalb der bisher noch 46 Pfarrstellen im Kirchenbezirk zu streichen. Den konkreten Realisierungsmöglichkeiten, an denen er mit einem Sonderausschuss in mehreren Sitzungen gearbeitet hat, schickte er allgemeine Bemerkungen vorweg.

Warum die Landeskirche trotz auskömmlicher Finanzlage Pfarrstellen streicht? Zum einen, weil die Gemeinden immer kleiner werden. Allein im Jahr 2016 hat die Landeskirche 26 832 Gläubige verloren. Schuld daran sind nicht in erster Linie Austritte, sondern die prognostizierte demografische Entwicklung mit sinkenden Bevölkerungszahlen. Auf die hat sich die Gesellschaft - und damit auch die Kirche - rechtzeitig einzustellen.

Zum anderen, so Karwounopoulos, gebe es immer weniger Pfarrer: »Es gibt 80 offene Stellen in Württemberg, die die Landeskirche gerne besetzen würde, aber nicht kann.« Strukturplanung, erläuterte der Dekan, sei deshalb sinnvoll - gerade auch im ländlichen Raum. Die verfügbaren Kräfte bündeln: Diese Idee steckt auch hinter dem Konzept, das der Sonderausschuss für den Bezirk Bad Urach-Münsingen erarbeitet hat. Kein eigener Pfarrer für Gemeinden mit weniger als 500 Mitgliedern, nicht mehr als drei Predigtstellen pro Pfarramt: Unter diesen Rahmenbedingungen soll die Seelsorge neu geordnet werden. Auch kommunale und gewachsene Verbindungen - zum Beispiel gemeinsame Schulorte - sollen berücksichtigt werden.

Einen »Prototyp« für dieses Modell gibt's bereits: Hundersingen, Buttenhausen und Apfelstetten werden von Pfarrerin Regina Götz gemeinsam betreut. Zusammenwachsen sollen, so schlägt es der Sonderausschuss vor, auch Böttingen, Auingen und Magolsheim sowie Steingebronn, Gomadingen und Dapfen. Kohlstetten könnte künftig von Kleinengstingen aus betreut werden, Reicheneck und Mittelstadt sollen ebenfalls eine Einheit werden. In weiteren Gemeinden könnten die Stellenumfänge gekürzt werden - in Glems, Upfingen und Laichingen Ost auf jeweils 50 Prozent, in Feldstetten auf 75 Prozent. Zur Debatte steht auch die Streichung einer der beiden Pfarrstellen zur Dienstaushilfe beim Dekan.
»Kleine Seelsorge-Einheiten zu streichen, ist erbärmlich «
 

Unter den vielen Wortmeldungen war auch die des Dapfener Pfarrers Siegfried Kühnle, der sich in einem emotionalen Beitrag an die Synodalen wandte. »Schmerzlich« sei der Gedanke, dass Dapfen ab 2024 keinen eigenen Pfarrer mehr haben solle. Die »lebendigen Bilder zur Weihnacht«, der Eiermarkt, der Kreuzweg von Sieger Köder und andere Veranstaltungen ziehen Besucher aus der näheren und weiteren Umgebung an. »Kleine Seelsorge-Einheiten zu streichen, ist erbärmlich, weil gerade im Kleinen viel bewegt werden kann«, verlieh Kühnle seinem Bedauern offen Ausdruck. Verständnis für die von der Landeskirche vorgegebene Richtung und die Überlegungen des Ausschusses im Bezirk Bad Urach-Münsingen signalisierte Eberhard Seybold: Für eine Kirche, die immer mehr zur »Pastorenkirche« geworden sei, sei der Pfarrplan auch eine Chance, »Wege neu zu überdenken, Gemeinde anders zu bauen und Kooperationen zu stärken«, argumentierte der Mehrstetter Pfarrer.

Im März 2018 entscheidet die Synode über den Pfarrplan im Bezirk, bis 30. November nimmt der Sonderausschuss noch Rückmeldungen und Anregungen an. An den Streichungen führe kein Weg vorbei, betonte Karwounopoulos: »Wenn wir's nicht selbst machen, sagt uns die Landeskirche, wo die fünfeinhalb Stellen gestrichen werden.« Umgesetzt werden soll der Pfarrplan nicht sofort, sondern sukzessive: »Die Stellen werden nach dem Beschluss im Frühjahr nicht sofort gestrichen, sondern erst dann, wenn sie der Stelleninhaber verlässt - spätestens aber 2024«, erläuterte Karwounopoulos.

Sein für Münsingen zuständiger Kollege Norbert Braun hat sein Amt definitiv in schwierigen Zeiten angetreten. In seinem ersten Bericht gab sich der Dekan nach vier Monaten in Münsingen dennoch optimistisch. In Anlehnung an den Titel des Buchs über den Landkreis Reutlingen, das ihm Landrat Thomas Reumann geschenkt habe, bekannte Braun: »Ich bin einfach gerne hier und habe das Gefühl, ich bin am richtigen Platz.« Gerne hier seien auch die Menschen auf der Alb und die Pfarrer in der Region. Das motiviert - allen Sparplänen zum Trotz.

Die Kirche will er nicht nur als »Dienstleistungsbetrieb«, sondern vor allem auch als Gemeinschaft verstanden wissen, die nicht allein von Pfarrern gestaltet werde. Die Denksportaufgabe, die er an den Tischen der Synodalen verteilt hatte - neun Punkte eines Quadrats sollten mit vier geraden Strichen in einem Zug verbunden werden - wollte Braun als Metapher für die Aufgaben der Zukunft verstanden wissen: »Wenn man die Lösung nicht schon kennt, dann muss man vielleicht etwas nachdenken und probieren. Aber probieren ist erlaubt - und Fehler machen auch.«
»lch bin einfach gerne hier und habe das Gefühl, ich bin am richtigen Platz«
 

Ebenfalls auf der Tagesordnung der Bezirkssynode stand das Thema Teilhabe. Dieter Kaufmann, Oberkirchenrat und Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks Württemberg, stellte den Aktionsplan »Inklusion leben« vor. Das Diakonische Werk und die Landeskirche haben einen Fonds eingerichtet, aus dem mit insgesamt 1,5 Millionen Euro über fünf Jahre hinweg Inklusionsprojekte in kirchlichen und diakonischen Einrichtungen gefördert werden.

Inklusion in einer »exklusiven Leistungsgesellschaft« bedeutet für Kaufmann, Ausgrenzung jedweder Art entgegenzutreten. Cafés für von Armut bedrohte Menschen, ein Gebärdensprachendolmetscher für den gehörlosen Konfirmanden sind zwei von vielen konkreten Beispielen für förderfähige Projekte. Außerdem werden Teilhabegutscheine ausgegeben - für Menschen auf Jobsuche genauso wie für von Armut bedrohte Familien oder Alleinerziehende, die so die Chance erhalten, an kulturellen oder sportlichen Angeboten teilzunehmen. Die Gutscheine werden von den Kirchengemeinden beantragt. (GEA)

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