Über die Alb
LEUTE - Afrika, Brasilien, Lautertal: Dieter Roos hat viel erlebt. Vor Kurzem hat er sich in Gundelfingen niedergelassen

Ein Lebenskünstler auf drei Kontinenten

Von Marion Schrade

MÜNSINGEN-GUNDELFINGEN. Gerade Linien. Mehr braucht Dieter Roos nicht, um Kunst zu schaffen. Waagrecht und senkrecht laufen sie übers Papier, parallel oder im rechten Winkel, hin und wieder kreuzen sie sich oder machen kehrt, um Landschaften und Gestalten zu formen. Folgt man ihnen mit den Augen, werden Dieter Roos' Bilder schnell zu Labyrinthen. Wege, sie zu durchqueren, gibt es viele - nur wer den einzig richtigen, den Königsweg sucht, geht in die Irre.

Von Brasilien nach Deutschland: Dieter Roos lebt mit Frau Hidriane und Sohn David in Gundelfingen.
Von Brasilien nach Deutschland: Dieter Roos lebt mit Frau Hidriane und Sohn David in Gundelfingen. FOTO: Marion Schrade
Dieter Roos' Kunst ist nicht einfach irgendeine Art zu malen: Sie ist Sinnbild des Lebens, seines Lebens. Wirklich sesshaft war Roos nie. Zwischen Ebersbach an der Fils, wo er 1942 geboren wurde, und Gundelfingen im Lautertal, wo er seit ein paar Monaten lebt, liegen nicht nur 80 Kilometer Straße, sondern Kontinente. Dieter Roos ist einer, der bleibt, so lange es ihm gefällt. So hat er es schon immer gemacht. Seit 1963, als er bei Nacht und Nebel über die Mauern des Krankenhauses in Ludwigshafen kletterte, hinter denen er als Kriegsdienstverweigerer seinen Ersatzdienst abzuleisten hatte. Nicht, weil er sich um seine staatsbürgerlichen Pflichten drücken wollte, sondern weil er es nicht mehr aushielt: »Ich musste einen Job in der Leichenhalle machen, der für einen 20-Jährigen sehr belastend war«, erzählt Roos. »Mehrere Versetzungsanträge waren bereits abgelehnt worden.«

Als Deserteur nach Afrika

Mit seiner Flucht wurde Roos zum Deserteur. Über Holland, Belgien, Frankreich und Spanien reiste er bis nach Marokko und von dort aus an der westafrikanischen Küste entlang - zu Fuß, per Anhalter, auf Schiffen und mit Karawanen. Beeindruckt von den Ausdrucksformen der afrikanischen Völker begann er, ihre Lieder aufzuschreiben und Bilder in ihren Farben und Formen zu malen. Manche davon einfach auf die Straßen größerer Städte, um sein Leben von der Hand in den Mund irgendwie zu finanzieren. Andere mit Bleistift oder Ölfarbe auf Packpapier und Leinwand. Immer wieder wurde der Mann, der mit dem Rucksack von Ort zu Ort zog, ausgeraubt, immer wieder musste er in diesen vier Jahren neu anfangen. Manche Bilder und Notizbücher, in die Roos literarische und philosophische Texte schrieb, waren für immer verloren. Andere schickte er in regelmäßigen Abständen heim zu seinen Eltern.



Das große Thema Zeit

In deutschen, französischen oder amerikanischen Kulturzentren und in kleinen Galerien stellte er seine Bilder aus. Wenn das Geld, das er mit seiner Kunst verdiente, nicht reichte, arbeitete er eben bei Handwerkern oder auf Bauernhöfen. Dieter Roos ist gelernter Maschinenbauer, das Handfeste, Bodenständige hat ihn nie gestört und stand nie im Widerspruch zu seiner Kunst. Die klaren Linien, aus denen er seine Bilder entstehen lässt, vergleicht er mit technischen Zeichnungen: »Sie sind auf das Wesentliche reduziert.«

Was in der Kunst, im Leben wesentlich ist? Für Roos ist es die Auseinandersetzung mit der Zeit: Woher kommen wir, wo sind wir und wohin gehen wir? Diese Fragen stellt sich das abstrahierte Menschenwesen »Wosiwasiwusi« auf Roos' Bildern in unzähligen Variationen, immer aber mit denselben Mitteln: Die waagrechte Linie ist für ihn die »Linie des Seins«, die ewige Konstante. Die Senkrechten symbolisieren das Werden und Vergehen, die Zeit, das Suchen.

Mit dem Schiff nach Brasilien

Seine eigene Suche führte ihn 1968 nach Rio de Janeiro. Nach vier Jahren verließ er Afrika in Richtung Südamerika. Warum er sich von seinem ersparten Geld ausgerechnet ein Ticket für das Schiff nach Rio kaufte? »Ich war immer noch Deserteur - und Brasilien war zum damaligen Zeitpunkt eben ein Land, in das ich auch ohne Visum einreisen durfte.« Roos reiste weitere vier Jahre durch Südamerika, lebte mal hier, mal dort. Im Strandbungalow eines Freundes, auf einer Kakaofarm oder als Hausmeister in einem Krankenhaus im Amazonasgebiet.

Den Behörden ging er aus dem Weg, doch es war die Zeit der Guerilla-Kriege. Roos wurde irgendwann von einer Miliz aufgegriffen, landete im Militärgefängnis und schließlich bei der deutschen Botschaft, die ihm nahelegte, die längst überfällige Angelegenheit zu klären.

So kehrte er 1972 nach Deutschland zurück - neun Jahre, nachdem er das Land als Deserteur verlassen hatte. Roos stellte sich der Polizei, kam glimpflich davon und ließ sich mit seiner brasilianischen Frau in seiner alten Heimat im Filstal nieder. Sein zweiter Sohn wurde hier geboren, Roos arbeitete als Reparaturschlosser in einer Fabrik - bis er sich beim Entwicklungsdienst bewarb und mit seiner Familie nach Afrika reiste. Vier Jahre bildete er in Burkina Faso junge Leute zu Handwerkern aus, 1978 zog er weiter nach Brasilien, wo er in verschiedenen Ausbildungsprojekten für Jugendliche mitarbeitete. 1986 kaufte er eine abgelegene kleine Farm, die er mit seiner Familie bewirtschaftete. Dieter Roos war als Selbstversorger sesshaft geworden - vorübergehend.

Im Oktober vergangenen Jahres zog er mit seiner zweiten Frau Hidriane nach Gundelfingen. Ihr gemeinsamer Sohn David geht hier in den Kindergarten, das zweite Kind ist unterwegs. Roos werkelt viel in seiner Scheune. Er arbeitet an Skulpturen aus Holz, bunt und geometrisch wie seine Gemälde: »Seit etwa fünf Jahren setze ich meine Bilder in Gegenstände um«, erklärt der Künstler. Praktische Gegenstände. Für David hat er eine Wiege gebaut, Spielgeräte und Möbel. Unterm Trauf seines Scheunendachs hängen kleine Stühle und Windspiele - für zufällig Vorbeifahrende bunte, heitere Blickfänge im tristen Wintergrau. Wer anhält, anklopft, mehr wissen und sehen will, ist willkommen. Sobald das Frühjahr kommt, will Roos seine Scheune ohnehin zum offenen Atelier machen.

Heimat ist, wo man sich wohlfühlt

Dass er nach Gundelfingen kam, warreiner Zufall. Das Haus aus den 30er-Jahren, das schon eine Weile zum Verkauf stand, war ihm auf den ersten Blick sympathisch. Wie lange er bleiben will? Der große Mann mit dem grauen Bart zuckt die Schultern und lächelt. So lange eben, wie es ihm und seiner Familie im Lautertal gefällt. Die eine Heimat gibt es für Roos, den Weltenbummler, nicht: »Heimat hat für mich viel mehr mit Wohlfühlen als mit einem bestimmten Ort zu tun. Im Moment fühle ich mich hier wohl - aber ich kann mich an unheimlich vielen Orten wohlfühlen.« (GEA)



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