Geschichte - Tübinger Studentin untersuchte die Erinnerungen der Engstinger an die Zwangsarbeit in der Muna Haid

Ein großes Stillschweigen

VON CHRISTINE DEWALD

ENGSTINGEN. Zwei Namen sind bekannt. Nur. Tatsächlich haben in der früheren Luftwaffen-Munitionsanstalt (Muna) auf der Haid während des Zweiten Weltkriegs zwischen zwei- und dreihundert Frauen und Männer unfreiwillig gearbeitet: Kriegsgefangene aus Russland oder Frankreich, aus ihrer Heimat deportierte »Fremdarbeiter« aus dem Osten. Ein Kapitel der Engstinger Ortsgeschichte, über das heute kaum noch gesprochen wird - zumindest nicht in der Öffentlichkeit.

Neben Zwangsarbeitern aus verschiedenen Ländern haben auch viele Frauen aus der Umgebung in der Munitionsanstalt Haid gearbeitet. ARCHIVFOTO: PR
Neben Zwangsarbeitern aus verschiedenen Ländern haben auch viele Frauen aus der Umgebung in der Munitionsanstalt Haid gearbeitet. ARCHIVFOTO: PR
Dabei sind in vielen Engstinger Familien durchaus noch Erinnerungen da an die frühere Muna Haid. Ganz unterschiedliche Erinnerungen. Manche haben die Munitionsanstalt als »versperrten Ort« in ihrem Gedächtnis abgespeichert, aggressiv umzäunt, unzugänglich. Andere denken an sie als ein abenteuerliches Gelände, das - mit Genehmigung - sehr wohl zugänglich war, zum Beispiel zum Himbeerensammeln.

Alles halb so wild?

Diesen Widersprüchen hat Sarah Kleinmann nachgespürt. Die Tübinger Studentin der Empirischen Kulturwissenschaft hat die Erinnerung der Engstinger an die Zwangsarbeiter auf der Muna Haid zum Thema ihrer Magisterarbeit gemacht. Sie hat Zeitzeugen und ihre Angehörigen befragt, hat mit Gruppen von Schülern über das Thema gesprochen. Und am Ende ihre Arbeit mit einem Satz überschrieben, der für einen ihrer Gesprächspartner den Umgang der Engstinger mit dem Thema prägt: »Hier ist irgendwie ein großes Stillschweigen.«

Die Quellenlage ist dürftig. Zur Muna Haid, einer der größeren unter den rund 190 deutschen Munitionsanstalten, vor allem aber zu den dort beschäftigten Zwangsarbeitern, sind kaum geschichtliche Dokumente bekannt. Sarah Kleinmann fiel auf, dass die wenigen Veröffentlichungen zum Thema das spärliche Wissen oder Vermuten teilweise in identischem Wortlaut weitergeben.

Noch kritischer hinterfragt die Kulturwissenschaftlerin, wie mit den einzigen Aussagen eines Betroffenen über seine Zwangsarbeit auf der Haid umgegangen wird. Der Russe Nikolaj Kirijenkov war 15, als er nach Deutschland verschleppt wurde. Mehr als ein halbes Jahrhundert später kehrte er an den Ort zurück, an dem er drei Jahre lang zwangsweise gearbeitet hat, eingeladen vom Engstinger Bürgermeister und offenbar sehr versöhnlich gestimmt. Mit der Aussage, dass die erzwungenen Jahre bei Engstingen gar nicht so schlimm für ihn waren, wurde Kirijenkov in den schriftlichen Berichten über die Muna Haid unversehens zum Kronzeugen dafür, dass alles halb so wild gewesen war.

Hungrig von der Arbeit

Tendenzen zur Beschönigung oder Verharmlosung hat Kleinmann auch in den mündlichen Schilderungen zur Zwangsarbeit auf der Haid beobachtet. Daneben hat sie immer wieder aber auch Erinnerungen notiert, die eine ganz andere Sprache sprechen - Indizien für Hunger und Not. Eine Frau, deren Vater in der Munitionsanstalt arbeitete, berichtete davon, wie hungrig er immer wieder heimkam: Er hatte seine Mahlzeit den jungen Gefangenen gegeben, die nicht genug zu essen hatten. »Da haben sie oft furchtbare Sachen erzählt«, war auch das Schicksal polnischer Zwangsarbeiterinnen, die in der Nähe der Muna beschäftigt waren, Gesprächsthema im Ort.

Die Muna, die Luftangriffe zu Kriegsende: Den jugendlichen Freibühlschülern, mit denen die Studentin sprach, war die lokale Geschichte zumindest in groben Zügen bekannt - weniger aus dem Schulunterricht allerdings als vielmehr aus Gesprächen im Familienkreis.

»Das ist mir jetzt völlig neu«, kommentierte einer der Schüler, was auch für die meisten anderen galt. Von Zwangsarbeitern auf der Haid hatten sie nie gehört. Sarah Kleinmann zieht daraus den Schluss, dass dieser Aspekt der örtlichen Vergangenheit in den Familiengesprächen kaum ein Thema ist. Einen der Schüler führte das sogar zu der Mutmaßung, die Geschichte der Zwangsarbeit in Engstingen würde »vertuscht«.

Einige ihrer erwachsenen Interviewpartner berichteten der Kulturwissenschaftlerin auch explizit von Abwehr, wenn sie nach dem Schicksal der Zwangsarbeiter fragten. Anderen fiel auf, dass einfach nicht drüber geredet wurde. In seiner langen Zeit als Bundeswehrsoldat auf der Haid habe er »praktisch nichts« von der Vergangenheit des Geländes erfahren, berichtete einer der Gesprächspartner. (GEA)

Die Autorin


Sarah Kleinmann (28) hat in Tübingen im Hauptfach Empirische Kulturwissenschaft studiert. Daneben belegte sie die Fächer Neue und neueste Geschichte und Politikwissenschaft. In ihrer Magisterarbeit untersucht sie »Das kollektive Gedächtnis zur Zwangsarbeit in der Munitionsanstalt Haid in Engstingen«.



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